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Deutschland droht Verfehlen der Klimaziele

Vor einigen Monaten war der Jubel noch groß: Weil wegen der Corona-Pandemie vieles stillstand, erreichte die Bundesrepublik ihre Klimaziele für 2020. Dieses Jahr dürfte das nicht zu schaffen sein, meinen Experten. Und auch für 2030 muss noch viel passieren.

Christoph Donauer
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Deutschland droht Verfehlen der Klimaziele
Im sonnen- und windarmen Jahr 2021 war die Kohle wichtigste Energiequelle für die Stromerzeugung. Die deutschen Klimaziele könnten nicht erreicht werden. Foto: dpa

Die Bundesrepublik wird ihre Klimaziele in diesem Jahr wohl nicht erreichen. Davon geht Sascha Samadi, Senior Researcher am Wuppertal-Institut für Klima, Umwelt und Energie aus. "Durch Corona haben die meisten Sektoren ihre Ziele im vergangenen Jahr erreicht. Das wird in diesem Jahr nicht zu schaffen sein." Vor allem die Sektoren Energie, Verkehr und Gebäude hätten 2021 mehr Treibhausgase verursacht, als es das Klimaschutzgesetz vorsieht.

Dort ist die jährlich maximal zulässige CO2-Menge bis 2030 festgeschrieben. Wird sie überschritten, müssen die zuständigen Minister Sofortmaßnahmen vorlegen, die Abhilfe schaffen. Dieses Jahr galt das bereits für den Gebäudesektor, der 2020 als einziger die zulässigen Emissionen überstieg.

 

 

Was die Ampel-Koalition beim Klimaschutz plant, ist noch offen

Fraglich ist für Samadi derzeit, ob eine mögliche Ampel-Koalition aus SPD, Grünen und FDP dieses Vorgehen beibehalten möchte. Im Sondierungspapier der Parteien steht: "Die Einhaltung der Klimaziele werden wir anhand einer sektorübergreifenden und analog zum Pariser Klimaabkommen mehrjährigen Gesamtrechnung überprüfen."

Sascha Samadi sieht darin ein Signal, dass die Ampel sich womöglich davon abwenden könnte, CO2-Mengen für jeden Sektor auszuweisen. "Ich halte das allerdings für sinnvoll und würde hoffen, dass das auch in den nächsten Jahren so weitergeht", warnt er.

Verkehrsministerium sieht derzeit keinen zusätzlichen Handlungsbedarf

Das Verkehrsministerium, derzeit noch von Andreas Scheuer (CSU) geführt, bereitet sich nicht mehr auf ein Sofortprogramm vor. Auf Anfrage verweist man auf den guten Wert im Corona-Jahr 2020, mit dem der Verkehr sein Emissionsziel unterschritten hat. Alle Maßnahmen, mit denen der Verkehr in den kommenden Jahren klimafreundlicher werden soll, seien im Klimaschutzprogramm 2030 enthalten. Diese Maßnahmen würden "mit Hochdruck umgesetzt", erklärt eine Sprecherin. "Das BMVI ist vor diesem Hintergrund zuversichtlich, dass der CO2-Ausstoß des Verkehrssektors bereits vor 2030 erheblich reduziert werden kann."

In den Plänen der Bundesregierung stehen als Maßnahmen der CO2-Preis für Sprit, die neue KfZ-Steuer, die sich nach dem CO2-Ausstoß richtet, der Ausbau von Ladesäulen und die Kaufprämie für Elektroautos sowie Investitionen in den Nah- und Fernverkehr. Laut Samadi sei vor allem der Ausbau der E-Mobilität wichtig. Es brauche 14 Millionen E-Autos in den nächsten Jahren. "Strom ist die effizienteste Art, Autos anzutreiben."

Wasserstoff soll Hochöfen antreiben, Häuser sollen mit Wärmepumpen beheizt werden

Im Industriesektor sei es wichtig, Wasserstoff bald "im großen Stil" einzusetzen, sagt Samadi, etwa als Brennstoff für Hochöfen bei der Stahlherstellung. Für den Übergang brauche es Erdgas. Der Staat müsse die anfangs hohen Kosten durch Förderprogramme auffangen. Im Gebäudesektor brauche es deutlich mehr energetische Sanierungen, etwa durch steuerliche Anreize, sowie mehr Fachkräfte im Handwerk. Auch dort werde der Strombedarf steigen, wenn vermehrt mit Wärmepumpen geheizt wird.

Das Bundeswirtschaftsministerium, das für Energie und Industrie zuständig ist, verweist auf die bisherigen Klima-Pläne. Die Erneuerbaren müssten durch den EU-Green Deal stärker ausgebaut werden, so eine Sprecherin. "Über den weiteren Ausbaupfad muss die neue Bundesregierung entscheiden."

Agora Energiewende sieht Ziele in mehreren Sektoren verfehlt

Auch die Denkfabrik Agora Energiewende geht davon aus, dass Deutschland seine Klimaziele dieses Jahr verfehlt. Sie erwartet einen Anstieg um rund 47 Millionen Tonnen CO2. Damit würde Deutschland sogar hinter das Klimaziel 2020 fallen, das vorsieht, den Ausstoß im Vergleich zu 1990 um 40 Prozent zu senken. Demnach würden die Sektoren Industrie, Gebäude und Verkehr ihre Ziele verfehlen.

Für die Industrie veranschlagt die Studie wegen der wieder anlaufenden Konjunktur einen Anstieg um sieben Millionen Tonnen CO2. Durch den erhöhten Heizbedarf und die kühle Witterung sollen die Emissionen im Gebäudesektor leicht steigen, womit das Ziel von 113 Millionen Tonnen CO2 für 2021 verfehlt würde. Beim Verkehr rechnet die Studie mit einem Anstieg um 10 Millionen Tonnen CO2.

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