Daniel Günther und die frische Brise aus dem Norden
Der CDU-Politiker führt in Schleswig-Holstein erfolgreich eine Jamaika-Regierung an, ist einer der beliebtesten Ministerpräsidenten überhaupt. Wie tickt Daniel Günther? Wohin will er, welchen Stil pflegt er? Ein Porträt.

„Vor 9 Uhr“, sagt Daniel Günther lächelnd, „will den Ministerpräsidenten sowieso niemand sehen.“ Morgens bis 8.30 Uhr gehört Papa der Familie. Eigentlich. An diesem sonnigen Freitag macht der 45-Jährige eine Ausnahme. Der Regierungschef von Schleswig-Holstein ist sehr früh an seinem Ostsee-Wohnort Eckernförde gestartet, einmal 110 Kilometer quer durch den echten Norden, wie sie hier stolz das Land zwischen den Meeren nennen, nach Brunsbüttel an die Nordsee.
Den Auftakt des Tagesprogramms bildet ein dreistündiger Besuch im Gymnasium der Stadt. In der Schule hat es vor ein paar Monaten gebrannt, einige Räume sind in Mitleidenschaft gezogen worden.
Günther steigt aus dem Wagen, der Schuldirektor geht freudig auf ihn zu, der Regierungschef ruft ein fröhliches „Moin, moin“, und kurz darauf ist auch hörbar, dass man hier um Punkt 9 Uhr den Ministerpräsidenten gerne zu Gesicht bekommt – im Foyer intoniert das Schulorchester zur Begrüßung „Excelsior“ des Komponisten James Curnow, ein schmissiger Song, Trompeten-dominiert, alle sind gut gelaunt.
Günthers Sieg zeigt, dass die CDU auch zulegen kann
Gute Laune. Wann gab es die zuletzt in der Union? Der Wahlsieg des Christdemokraten Günther im Frühjahr 2017 ist ein Paukenschlag. Der Politiker zeigt, dass die Union Wahlen gewinnen und im Vergleich zur vorherigen Wahl sogar zulegen kann.
Mit einem beharrlichen Wahlkampf, den der Hobby-Langläufer und passionierte Handballer ruhig und sachlich führt, setzt er sich gegen Amtsinhaber Torsten Albig (SPD) durch, und schafft den Einzug in die Staatskanzlei. Günther, so erzählt man, versäume es hier nie, selbst den Pförtner mit Handschlag zu begrüßen. Der Politiker ist ein Mann, der seine Worte sorgfältig wählt, seine Anekdoten ebenso sorgfältig streut, der aber trotzdem ausgesprochen angriffslustig sein kann, wie Vertraute berichten.
Günther war schon früh politisch aktiv
In Günthers Leben war die Politik früh prägend. Angefangen hat er in der Jungen Union, er überzeugt im Stadtrat in Eckernförde mit seinem Verhandlungsgeschick, wird CDU-Landesgeschäftsführer, dann Spitzenkandidat. Im Norden hat Günther nach der Landtagswahl vorgemacht, woran die Berliner Politik bislang gescheitert ist, er hat ein Jamaika-Bündnis geschmiedet, mit Wolfgang Kubicki (FDP) und Robert Habeck (Grüne), und es funktioniert nahezu geräuschlos und erfolgreich. Kein Wunder, dass die Berliner neugierig und viele auch neidvoll auf die Nordlichter blicken. In Zeiten, in denen Volksparteien erodieren, müssen Demokraten neue Bündnisse eingehen, um ihrer Verantwortung gerecht zu werden.

Doch wie tickt Günther? Wird er einmal Habeck, der in die Bundespolitik gewechselt ist, folgen? Kann er Jamaika auf Bundesebene schmieden? Der Grünen-Vorsitzende sagt dieser Zeitung über Günther, er schätze dessen „ruhige und verlässliche Art“. Und wie beschreibt er dessen Politikstil? „Daniel weiß, dass, wer gehört werden will, auch mal zuhören muss.“ Habeck (49) sagt bewusst Daniel. Man duzt sich, man ist eng zusammengerückt im schwarz-grün-gelben Experiment.
Dass Günther tatsächlich zuhören kann, zeigt sich an der Basis in Brunsbüttel. Der Ministerpräsident zieht nach der musikalischen Begrüßung weiter in den naturwissenschaftlichen Trakt, hier experimentieren Schüler, er lässt sich geduldig das automatische Bewässerungssystem für die heimische Fensterbank erklären, ein Junge zeigt ihm ein Verfahren, wie man Schiffsrümpfe muschelfrei hält.

Im Chemieraum hängt ein riesiger Monitor, etwa zweieinhalb Meter breit, ein interaktives Whiteboard, ein paar tausend Euro teuer. „Es ist ja schön, dass wir so etwas haben“, wendet sich Ken aus der 13 an den Ministerpräsidenten, „aber es wird benutzt wie eine klassische Kreidetafel.“ Er meint: Die vielen Möglichkeiten, die eine moderne Technik biete, würden nicht ausgeschöpft. Der Ministerpräsident schaut sehr nachdenklich, antwortet dann so, wie man es von einem Landesvater erwartet: Schleswig-Holstein stehe im bundesweiten Vergleich gut da bei der Ausbildung der Lehrkräfte, aber gut zu sein bedeute nicht, dass es ausreiche.
Ken legt später nach: „Wir werden doch auf Berufe vorbereitet, die bald durch Maschinen ersetzt werden.“ Der Ministerpräsident räumt ein, dass es Veränderungen gibt, spricht aber auch von Chancen, beispielsweise im Handwerk. Es sei auch bittere Realität, dass ohne Umsteuern 2030 rund 100.000 Fachkräfte im Norden fehlen würden. Dann erinnert sich Günther wieder an früher. „Als ich so jung war, da gab es den Commodore C64, heute ist die Technik viel komplexer. Darauf muss die Schule vorbereiten.“
Beim Besuch in Brunsbüttel ist am Rande zu hören: „Günther hat Schleswig-Holstein bundesweit hörbar gemacht“
Er fügt hinzu, dass manch einer trotz der vielfältigen Bildungsangebote in einem anderen Bundesland studiere, aber, so der Politiker zu den Schülern, „die Heimat bleibt doch immer Schleswig-Holstein“. Man darf also weggehen, wenn man die Heimat im Herzen behält, findet Günther. Ein Fingerzeig auf seine eigene berufliche Zukunft? Wenn Ministerpräsidenten allzu schnell in die Bundespolitik wechseln, wirft man ihnen daheim oft Verrat vor. Günther macht erfolgreich Landespolitik, laut einer Forsa-Umfrage aus dem August 2018 ist er Deutschlands beliebtester CDU-Ministerpräsident. Mit der Arbeit des Politikers sind 66 Prozent der befragten Wähler in Schleswig-Holstein zufrieden.
Aber könnte er jetzt oder in näherer Zukunft auch schadlos andere Aufgaben übernehmen? Beim Besuch in Brunsbüttel ist am Rande immer wieder zu hören: „Günther hat Schleswig-Holstein bundesweit hörbar gemacht, darauf sind wir stolz.“ Und wenn Berlin riefe? „Kein Problem, dann wären wir noch hörbarer und noch stolzer.“ Und auch bei Schuldirekter Hans-Walter Thee klingt es nicht wie Wegloben, wenn er dem Ministerpräsidenten sagt: „Wir brauchen eine starke Stimme im Bund.“

Und wo liegt seine persönliche Heimat? Interessant ist, wie Günther im Gespräch mit dieser Zeitung den Begriff „Heimat“ definiert. Man hört schon den Bundesratspräsidenten - das imageträchtige Amt übernimmt er offiziell am 1. November - wenn er sagt: „Der Föderalismus hat viel mit Heimat zu tun und der Frage: Wo fühlt man sich dazugehörig?“ „Heimat ist dort, wo Familie und Freunde sind, und wo wir aufgewachsen sind. Heimat ist auch da, wo ich mich geborgen fühle, der Ort, mit dem ich Erinnerungen verbinde, der mir vertraut ist.“
Und weiter erzählt der Vater von zwei kleinen Mädchen, der selbst seit Kindesbeinen in Eckernförde zuhause ist: „Für mich beginnt Heimat so richtig am Ausgang des Altenhofer Waldes, dann sieht man die Silhouette von Eckernförde und genießt den freien Blick auf die Ostsee. Ich weiß, jetzt ist es nicht mehr weit. Das ist ein wirkliches Gefühl von Heimat, von Ankommen.“
Schleswig-Holstein ist laut Umfrage das Land der Glücklichen
Ankommen. In welchem Amt? Möglicherweise werden nach der Hessen-Wahl ein paar andere Fragen noch energischer diskutiert: Wer kann einmal auf Merkel folgen? Wer kann Parteichef in der CDU, wer kann Kanzler in der Union? Man könnte es das Merkel-Mikado nennen. Wer sich von den potenziellen Thronfolgern zu früh bewegt, hat verloren.
Günther bewegt sich vorsichtig, aber zielgerichtet, er ist der Mann, der eben mit Grün und FDP kann, und das Amt des Bundesratspräsidenten wird seiner Bekanntheit einen zusätzlichen Schub verleihen, so viel ist sicher. Er steht in der Mitte der Parteienlandschaft, wo Wahlen verloren und gewonnen werden. Mit Merkel duzt sich Günther, aber das muss nicht unbedingt karriereförderlich sein in diesem Herbst der Weichenstellungen.
Im „echten Norden“ bläst ein beständiger Wind, und manche sagen, die frische Brise vertreibe allzu trübe Gedanken. Laut dem aktuellen Glücksatlas, der auf einer Umfrage im Auftrag der Post basiert, sind die Menschen hier die zufriedensten in der gesamten Republik. Wenn im Land der Glücklichen einmal doch gejammert wird, dann selten über Flüchtlinge, sondern sehr dosiert und pragmatisch über Alltagssorgen, über den Wunsch nach einer besseren Autobahnanbindung, über Pflege, über die Rente.
Amt des Bundesratspräsidenten wird seiner Bekanntheit einen zusätzlichen Schub verleihen
Günther sagt dazu im Interview während der Fahrt zum nächsten Termin: „Es nervt mich, dass wir in der Politik viel zu oft verzagt sind, und dass wir glauben, dass es die Menschen sympathisch finden, wenn man über ihre Sorgen noch dramatischer redet als sie es selbst tun.“ Weil zu viel problematisiert werde, aber häufig keine Lösungen präsentiert würden, sei das Vertrauen in die Politik gesunken.
Günther versteht es als seinen persönlichen Auftrag, daran lässt er keinen Zweifel, dass er sich dieser Entwicklung entgegenstellen möchte. Er rät zu mehr Gelassenheit, zu mehr Debatten über die alltäglichen Lebenswelten, um den Ein-Thema-Populisten nicht auf den Leim zu gehen. Ansonsten, so befürchtet er: „Wir gehen alle als Verlierer vom Platz, wo wir doch eigentlich Sieger sein sollten.“
Hysterie scheint ihm fremd zu sein. Was macht Schleswig-Holstein für ihn aus? Er glaubt nicht, dass das Land sich so sehr von anderen Ländern unterscheidet. Aber, dass „wir Gelassenheit durchaus auch als Politik ausstrahlen“. Günther lehnt sich in seinem Autositz zurück, dann sagt er schmunzelnd: „Wissen Sie was, manchmal denke ich: Ein nachrichtenfreier Tag pro Woche für Politiker und Journalisten wäre wünschenswert.“ Er hält kurz inne, blickt nach draußen, Hunderte von Windrädern drehen sich und scheinen nie stillzustehen.
Gelassenheit bestimmt Günthers Politikstil
Nachrichtenfrei? Im Sommer hat Günther ein Thema gesetzt, das vor allem bei Parteifreunden im Süden der Republik ein mittleres Polit-Erdbeben auslöste. Günther plädierte für eine Öffnung der Union zur Linkspartei – in den Ostbundesländern. Von Koalition sprach er nicht, sondern davon, dass es „ein gutes Stück Normalisierung zwischen CDU und Linken“ gebe, und dass es gut wäre, „auf Scheuklappen zu verzichten”. Im kommenden Jahr werden in Sachsen, Brandenburg und Thüringen neue Landtage gewählt. Gut möglich, dass es keine Regierung ohne Beteiligung von AfD oder Linkspartei geben kann, oder zumindest ohne eine Tolerierung.
Es sei keine Koalitionsempfehlung gewesen, betont er heute, aber: „Wenn uns die Menschen nicht mehr so wählen wie wir es gerne hätten, dann braucht man zwangsläufig Verbündete.“ Und: „Berührungsängste sind nicht hilfreich. Ich glaube, man kann auch wirklich zusammenarbeiten bei einigen Themen.“ Grundsätzlich gelte in der Politik vor allem: „Es kommt darauf an, ob man sich untereinander vertraut.“
Brandenburgs CDU-Chef Ingo Senftleben hatte im April erklärt, nach der Wahl mit allen Parteien reden zu wollen - also auch mit Linken und AfD. Die CDU müsse sich stets der Verantwortung stellen, erklärt Günther. „Ist es Haltung, in die Opposition zu gehen? Opposition ist keine Option, wenn 45 Prozent Linke oder AfD wählen.“ Mit der Linkspartei nicht zu reden könne dauerhaft nicht funktionieren.
"Dem Rechtspopulismus nicht auf den Leim gehen"
Eine Zusammenarbeit mit der AfD schließt Günther kategorisch aus. „Ich kann mir Bündnisse mit Menschen, die ein vollkommen anderes Politikverständnis haben als ich, absolut nicht vorstellen.“ Er liegt damit auf eine Linie mit seinem sachsen-anhaltinischen Amtskollegen Reiner Haseloff, der die Union eindringlich vor einer Annäherung an die AfD gewarnt hat.
Günther glaubt, dass die deutsche Wirklichkeit eine andere ist, als sie so manche Schlagzeile suggeriert. Er sagt: „Die etablierten Parteien machen den großen Fehler, dass wir uns die Agenda von der AfD diktieren lassen, und fast nur über ein Thema sprechen.“ Am meisten sorge es ihn, „wenn demokratische Parteien den Rechtspopulisten auf den Leim gehen. Das macht sie erst stark. Wer glaubt, den Wettbewerb mit Populisten gewinnen können, wenn man lauter ist als diese, der irrt”. Ein schöner Gruß nach Bayern, an die Adresse Seehofers, keine Frage.
Natürlich sähen die Menschen Vollzugsdefizite in der Flüchtlingspolitik. Er spricht von Haltung zeigen, er denkt in den Kategorien von christlichen Werten, von Hilfsbereitschaft ohne Naivität. Günther: „Wir müssen die Probleme benennen, und Menschen, die unser Rechtssystem dauerhaft missachten, wieder zurückführen in ihre Heimatländer. Aber statt über Problemlösungen reden wir über Grenzschließungen.“
„Wenn wir so zaghaft handeln, glauben uns die Menschen irgendwann nicht mehr, dass wir Probleme lösen können“
Günther gibt inzwischen die Richtung vor, er ist auch unbequem. Mit einem eigenen Lösungsvorschlag – dem sogenannten „Spurwechsel“, einem Wechsel vom Asyl- ins Einwanderungsrecht – stieß er vor allem im Arbeitgeberlager auf große Zustimmung. Seine Idee: Mit einem Einwanderungsgesetz gut integrierten Asylbewerbern einen Weg auf den deutschen Arbeitsmarkt zu eröffnen. „Ich würde mir eine klare Regelung wünschen, die integrierten und auf dem Arbeitsmarkt benötigten Asylbewerbern den Wechsel in ein reguläres Zuwanderungsverfahren ermöglicht“, sagte der CDU-Politiker im Frühsommer. Er erntete aber auch teils heftige Kritik aus den eigenen Reihen. Er bediene die Populisten, so der Vorwurf.

Günther sagt nun: „Warum solche Angst? Wenn wir so zaghaft handeln, glauben uns die Menschen irgendwann nicht mehr, dass wir Probleme lösen können.“
Seine politischen Vorstöße sind wohl dosiert. Sein früherer Sportlehrer Hilmar Marohn an der Jungmannschule in Eckernförde erinnert sich daran, wie er den vielleicht 17-jährigen Günther in der Turnhalle antraf, wo der Schüler alleine Trickwürfe übte, Richtungsänderung durch Rotation, die beim Aufprall entsteht.
Marohn sagt auch, Günther sei ein „grundehrlicher Kerl, einfach geradeaus“. Vor allem beherrsche er Umgangsformen, auch in der Diskussion, als Schülersprecher habe er sich für die Belange aller eingesetzt, hartnäckig, aber höflich.
Jahrzehnte später marschiert Günther nun als Ministerpräsident entspannt durch die City von Brunsbüttel. Weil die Aula im Gymnasium noch renoviert wird, diskutiert er im nahen Elbforum mit der gesamten Oberstufe. Motto: Heute das Morgen denken und die Zukunft gestalten. Wenn sich hier jemand sorgt, dann darum, ob die Rente sicher ist, ob man künftig bis 80 arbeiten muss. Der Regierungschef muss lange überlegen, er antwortet, bis 80 eher nicht. Wie lange genau, lässt er offen, muss er offenlassen. Wer jedenfalls behaupte, bei der Rente bleibe alles beim Alten, handele unverantwortlich.
Der Ministerpräsident wird sehr emotional bei diesem Thema, ist spürbar wütend über den Reformstau allerorten. Länger arbeiten? An die jungen Leute gerichtet sagt er fast tröstend: Eure Lebenserwartung ist eine andere. Früher war man mit 60 alt, heute geht man in diesem Alter aufs Wacken-Oper-Air-Festival.
Wütend über Reformstau bei der Rente
Günther, ein Hardrocker? Er ist selbst Wacken-Gänger, er eilt während der Fußball-WM im Deutschlandtrikot zu einer eilends einberufenen Sitzung ins Kanzleramt. Das, was er oft in den Pressespiegeln finde, sei nicht das Deutschland, wie er es wahrnehme, sagt der CDU-Mann. Er sagt: „Ich werde bei keiner einzigen Veranstaltung mit der Aussage konfrontiert, dass unsere Republik kurz vor dem Kollaps steht.“ Und was ist nun mit der Altersvorsorge? Rente ist ein Kernthema der Konservativen, Norbert Blüm hat sie einst ewiglich für „sicher“ erklärt. Aber offenkundig ahnt Günther, dass die Finanzierung auf, vorsichtig gesagt, ziemlich wackligen Beinen steht. Die Babyboomer gehen erst noch in Rente, das System funktioniert nur dank staatlicher Milliardenzuschüsse, und die nur dank boomender Konjunktur. Und trotzdem haben viele Rentner, die sehr hart gearbeitet haben, gerade so ihr Auskommen, Altersarmut ist weit verbreitet.
Die Politik ist in der Pflicht des Reformierens, und der Ministerpräsident sieht alle in der Verantwortung. Günther, der Politikwissenschaften und Volkswirtschaftslehre studiert hat, sagt dazu, die Übernahme von Verantwortung sei der wesentliche Kern von Parteien, die auf Dauer ein Land prägen wollen - im Unterschied zu Populisten, denen es “weniger um Gestaltung und die Übernahme von Verantwortung gehe, sondern darum, mit besonders plakativen und lauten Formulierungen Stimmungen aufzunehmen”.
Günther betont: „Das Thema Verantwortung übernehmen gehört für meinen Begriff zur DNA der Union.“ So spricht jemand, der bereit ist, selbst Verantwortung zu tragen, wenn man ihn ruft, und der sich klar positioniert. So erklärt er auch Jamaika. Günther: „Nach einer Wahl müssen Politiker schwierige Entscheidungen treffen. In Schleswig-Holstein haben wir mit Jamaika sicher eine ungewöhnliche Regierungskonstellation. Ich selbst wirke damit vielleicht für manche liberal, aber getragen werde ich von meinem konservativen Grundverständnis, nach dem man sich einer Verantwortung mutig stellen sollte.“
Der 45-Jährige spricht wie ein Politiker, der über den selben Teppich wie seine Bürger geht, während andere Unionshoffnungen wie Markus Söder mit Weltall-Visionen (Bavaria One) wie entrückt von den Alltagssorgen der Menschen in ihrer eigenen Umlaufbahn zu entschweben scheinen.
Günther wurde katholisch geprägt
Wie geerdet ist der Katholik Günther? Prägend ist der Tod seiner Mutter, da ist er 17. In der Kirche findet er Halt, gemeinsam mit dem Vater, den beiden Brüdern und seiner Schwester. Als Junge ist er Messdiener, später, als Erwachsener, empfängt Papst Franziskus im Vatikan den Politiker aus Kiel.
Als Günther vom Kind zum Jugendlichen heranreift, ist die Welt in Blöcke geteilt, die Mauer trennt Deutschland, die Bonner Republik gilt als Bollwerk der Demokratie und Freiheit, Helmut Schmidt und Helmut Kohl regieren insgesamt fast 25 Jahre lang, Discomusik beherrscht die Radios, bis sie von Punk, Pop und Neuer Deutscher Welle abgelöst wird. Die Grenzen in Westeuropa werden allmählich durchlässiger, freies Reisen für Jedermann eine Selbstverständlichkeit.
„Wir müssen für unsere Grundwerte immer wieder aufs Neue eintreten"
Und heute? Leben wir alle in einer Zeit, in der Institutionen wie der 93-jährige deutsch-französische Soziologe Alfred Grosser im Interview mit der Heilbronner Stimme um den Bestand der Demokratie und um die Freiheit in Europa fürchten.
Auch Günther sagt: „Wir müssen für unsere Grundwerte immer wieder aufs Neue eintreten, und nicht nachlassen zu erklären, warum Demokratie besser und erfolgreicher ist als andere Herrschaftssysteme.“ Braucht es denn mehr Engagement für die Demokratie? Günther wird sehr nachdenklich, seine Augen werden schmaler, dann antwortet er: „Ja. Wir brauchen vor allem mehr Haltung. Die Eliten in unserem Land haben die absolute Grundverpflichtung, sich noch viel stärker für die Demokratie zu engagieren.“
Als er mit der Politik angefangen habe, habe es noch eine starke, ältere Generation gegeben, die undemokratische Zeiten erlebt habe, und die vor Augen geführt habe, „dass es Dinge und Werte gibt, die eben nicht selbstverständlich sind“. Aber es seien immer weniger, die ihre Erinnerungen teilen können, sagt Günther nachdenklich, „deshalb sind wir heute besonders gefordert“. Vergangenheit und Zukunft.
Mit 45 hat Günther die politische Zukunft noch vor sich. Weil er jugendlich auftritt, wittert er ständig Gefahr, in der Leichtgewichtsklasse eingestuft zu werden. So sagt er dann in der Debatte mit den Schülern sehr oft: „Also, früher, als ich….“

Ein Wort, „früher”, als Signal, seht her, ich bin schon ein älteres, vertrauenswürdiges Semester. Etwas allergisch reagiert er auf die Bemerkung des Schulleiters, er sei ein toller Moderator der Regierungsgeschäfte. „Aber selbst regieren tue ich auch noch, ich moderiere nicht nur“, entgegnet Günther bestimmt.
Obwohl er an diesem Freitag bei allen seinen Besuchsterminen - ob in der Schule, bei einer Windkraftfirma, beim größten Fensterbauer der Region - auf Lobbyisten trifft, widersteht er der Versuchung, das Blaue vom holsteinischen Himmel zu versprechen – und schafft es dennoch, wenn er mit seiner kleinen, bescheidenen Delegation wieder entschwindet, stets ein gutes Gefühl zu hinterlassen. Weil er ein guter Zuhörer ist.
"Es ist erstaunlich, wie sich im Berliner Politikbetrieb in den vergangenen Monaten eine pessimistische Grundstimmung breit gemacht hat"
Zwischen zwei Terminen sagt der Ministerpräsident einen Satz, der zum Ergebnis der Glücksatlas-Umfrage ziemlich gut passt: „Es ist erstaunlich, wie sich im Berliner Politikbetrieb in den vergangenen Monaten eine pessimistische Grundstimmung breit gemacht hat. Aber Pessimismus führt nicht zu Reformen, sondern zu Reformstau. Ich bin Zukunftsoptimist.“
Es geht weiter, auf den Kaiser-Wilhelm-Koog, das Land hier wurde einst dem Meer abgetrotzt, in den 80er Jahren stand hier die Mutter aller Windkrafträder, der Growian. Wir besuchen DNV GL, ein Unternehmen, das heute unter anderem die Geräuschentwicklung von Windkraftanlagen prüft. Bei schönem Wetter gehen die Mitarbeiter auf den benachbarten Deich, das Surren der Windräder verbindet sich mit dem Rauschen des Meeres. Eigentlich macht der Schleswig-Holsteiner nicht viel Wind um die eigene Sache, aber er ist tatsächlich Spitzenreiter im Windmachen und somit ganz vorne in der Energiewende.
Günther nutzt den Besuch für eine kleine Stärkung, greift zu den angebotenen Keksen, hört sich die Sorgen und Hoffnungen der Geschäftsführer an, und auch hier macht er keine falschen Versprechungen.
Anschließend besucht er Aldra, größter Fensterbauer der Region, Juniorchef und Seniorchef sind sichtlich stolz, bitten den Ministerpräsidenten zum Foto („Diesen Besuch wollen wir doch schön ausschlachten“), dann geht es in die Produktionshalle, die folgende Diskussion mit der Geschäftsführung dreht sich unter anderem um eine bessere Verkehrsanbindung.
Um Punkt 14.55 Uhr ist Schluss, doch noch lange kein Feierabend. Im Auto folgt eine Telefonkonferenz vor der nächsten Bundesratssitzung, außerdem wartet ein dickes Unterlagenpaket, zur Vorbereitung der großen Chinareise, zu der Günther am nächsten Tag aufbrechen wird.
In China trägt Günther seinen Gastgebern in der Partnerprovinz Zhejiang beim Festmahl ein Ständchen vor, Bruder Jakob, auf Chinesisch. Er hat es in der Schule von seiner Musiklehrerin gelernt.
Der Mann versteht es, sich und sein Land zu präsentieren.
Der Ministerpräsident in Kürze
1. "Führungsreserve" der Union
In einem gemeinsamen Interview mit Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) sagte Daniel Günther im August 2017: „Es wird irgendwann eine Nach-Merkel-Zeit geben.“ Und: „Natürlich zählen wir beide zur Führungsreserve der CDU.“
Jens Spahn wird oft in konservativen Kreisen als möglicher Merkel-Nachfolger genannt. Er lässt keinen Zweifel daran, dass er ganz nach oben kommen möchte. Aber auch andere CDU-Politiker gelten als ambitioniert und einflussreich, so die Saarländerin Annegret Kramp-Karrenbauer. Als Generalsekretärin genießt sie hohen Respekt, aber in der teilweise Merkelmüden-Fraktion heißt es auch, man wolle keinen „Klon der Kanzlerin“. Führungspolitiker mit Gewicht sind auch Thomas Strobl, Armin Laschet, Julia Klöckner, Ursula von der Leyen, Carsten Linnemann, JU-Chef Paul Ziemiak und neuerdings Ralph Brinkhaus, der für viele überraschend Volker Kauder als Unionsfraktionschef abgelöst hat. Eine bayerische CSU-Kanzlerkandidatur scheint im übrigen derzeit kaum vorstellbar.
Günther selbst tritt für klassische konservative Themen ein wie die Innere Sicherheit, benennt auch Abschiebedefizite. In der Innenpolitik hat er sich früh als Befürworter der „Ehe für alle“ positioniert.
2. Günther ist ein Familienmensch

Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther (CDU) ist am 13. Oktober zum zweiten Mal Vater geworden. Die kleine Luise kam in den frühen Morgenstunden zur Welt. Der 45-jährige Günther und seine Frau Anke Luise sind bereits Eltern der knapp dreijährigen Frieda.
Günther sieht Kinder als Vorbilder für Politiker. Der 45-jährige Christdemokrat sagte der Heilbronner Stimme auf die Frage, was man als Politiker von Kindern lernen beziehungsweise übernehmen könne?: „Den Zukunftsblick. Kinder beschreiben nicht nur Probleme, sondern versuchen sie zu lösen. Sie freuen sich über Erlebnisse, sind neugierig, sind gespannt darauf, was ihr Gegenüber zu sagen hat. Kinder nehmen sich auch noch nicht so wichtig. Kinder sind eher Vorbild für Politiker als umgekehrt.“
Der Politiker betonte weiter: „Die Familie ist unverzichtbar, sie ist mein Ruhepol. Ich achte sehr darauf, dass sie nicht zu kurz kommt. Morgens verlasse ich das Haus meistens erst um 8.30 Uhr - damit habe ich vor Arbeitsbeginn Zeit, die ich mit der Familie verbringen kann.“ Am Wochenende sei in der Regel ein freier Tag komplett für die Familie „reserviert“ - in gut 70 Wochen als Ministerpräsident habe er es an 50 Wochenenden geschafft, diesen Tag terminfrei zu halten.
3. Auf Reisen
Wie Günther tickt, zeigt seine erste große Auslandsreise, die er als Ministerpräsident nach China unternimmt. Es geht um Tourismus, Bildungskooperationen, Handelsbeziehungen, Digitalisierung. Günther will die Staatskasse schonen, fliegt Economy statt Business. Auch für einen Ministerpräsidenten sollte es zumutbar sein, dienstlich ein paar Stunden „Holzklasse“ zu fliegen, findet der Regierungschef, kommt aber nach der Rückkehr zu dem Ergebnis: „Das war sicher nicht meine beste Idee.“ Ein 11-Stunden-Flug nach China, danach direkt Termine, topfit sein im Dienste meines Landes, höchste Konzentration in den Gesprächen – Sparsamkeit kennt Grenzen, man muss seinen Job ordentlich machen können.
- Daniel Günther im Interview: Pessimismus führt zu Reformstau
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