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Bonde: Klimaschutz und Erhalt der Arten gehören zusammen

Alexander Bonde, Generalsekretär der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU), sagt: „Nur eine intakte Biodiversität und die Wiederherstellung geschädigter Ökosysteme machen eine Wende zu erneuerbaren Energien und damit mehr Klimaschutz möglich.“ 

Hans-Jürgen Deglow
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Lesezeit 6 Min

 

Alexander Bonde
Alexander Bonde ist Generalsekretär der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU).  Foto: Christoph Schmidt (dpa)

Herr Bonde, in der Antarktis wurden gerade Rekordtemperaturen gemessen. Extremwetter nehmen zu, die Folgen des Klimawandels sind sichtbar. Wie wichtig ist es aus Ihrer Sicht, dass an diesem Freitag wieder ein Zeichen für das Ende fossiler Energien gesetzt wird?

Alexander Bonde: Die Klimakrise hat bedrohliche Ausmaße, und sie macht keine Pause. Der vor einigen Tagen in der Antarktis erneut gemessene Wärmerekord, der 40 Grad über den für diese Jahreszeit sonst üblichen Wert liegt, ist eine der vielen besorgniserregenden Zeichen. Dass die Bewegung „Fridays for Future“ am Freitag mit dem zehnten globalen Klimastreik mit Hunderttausenden für Klimagerechtigkeit und Frieden weltweit auf die Straßen geht, ist ein wichtiges Signal. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse sind klar: Wir müssen jetzt konsequent ins Handeln kommen, um noch Schlimmeres zu verhindern. Die Klimakrise ist menschengemacht, und beim Klimaschutz haben wir keine Zeit zu verlieren. Die fossilen Energieträger sind Ursache der Klimakrise, nur ihre Ablösung durch erneuerbare Energien, ein sparsamerer und effizienterer Einsatz von Energie und ein sorgsamerer Umgang mit Ressourcen kann das Problem wirklich lösen. Das würde gleichzeitig auch helfen, die zweite große Umweltkrise unserer Zeit zu stoppen: das massive Artensterben.


Sehen Sie denn das Bewusstsein für den Erhalt der Biodiversität gestärkt?

Bonde: Die Liebe der Menschen zur Natur ist generell zwar groß. Aber vielfach wird noch nicht ausreichend gesehen, in welchem Umfang der menschengemachte Rückgang der Artenvielfalt uns Menschen ähnlich stark bedroht wie die Klimakrise. Klimaschutz und Artenschutz müssen zusammen angepackt werden. Die Zusammenhänge sind komplex aber dennoch klar. Darauf weist auch der jüngste Bericht des Weltklimarats hin. Nur eine intakte Biodiversität und die Wiederherstellung geschädigter Ökosysteme machen eine Wende zu erneuerbaren Energien und damit mehr Klimaschutz möglich.

 

Inwiefern?

Bonde: Zum Beispiel dient die Renaturierung und Wiedervernässung von Mooren nicht nur dem Artenschutz, sondern trägt auch erheblich zum Klimaschutz bei, weil intakte Moore große Mengen an Kohlenstoff speichern. Der menschengemachte Klimawandel stellt umgekehrt eine Bedrohung für die Artenvielfalt dar – und damit wiederum für die Lebensgrundlagen des Menschen. Denn unsere Nahrung, unser Wohlergehen und unsere wirtschaftliche Entwicklung hängen davon ab. Experten gehen davon aus, dass rund eine Million der weltweit etwa 14 Millionen Arten vom Aussterben bedroht sind. Diese Warnung müssen wir wegen der Wechselwirkungen zwischen Erderwärmung, Biodiversität und Menschen sehr ernst nehmen. 

 

Welche Gefahren sehen Sie? 

Bonde: Sind Tiere und Pflanzen im Klimastress, geraten ganze Ökosysteme in Gefahr – und damit wiederum die Basis für ein zukunftsfähiges Leben auf der Erde. Bestäubungsleistungen von Insekten und damit zum Beispiel Obsterträge sinken, eine geringere Artenvielfalt führt zu einem verminderten Schutz vor Krankheitserregern und Pandemien. Und wenn die Pflanzen wegen des Klimastresses leiden, stehen sie im globalen Klimasystem nicht mehr ausreichend zur Verfügung, um das Treibhausgas Kohlendioxid aus der Luft aufzunehmen und so jährlich rund 120 Milliarden Tonnen Kohlenstoff zu verarbeiten, immerhin etwa ein Viertel des von Menschen verursachten Treibhausgases.

 

Der Krieg Russlands gegen die Ukraine führt uns nun deutlich vor Augen, wie abhängig Deutschland von fossilen Energien und einzelnen Staaten ist - in diesem Fall Russland. Wie bewerten Sie die Bemühungen um mehr Unabhängigkeit in der europäischen Energieversorgung?

Bonde: Zuallererst muss es darum gehen, das entsetzliche Leid von Millionen Menschen zu stoppen oder zumindest zu mildern, die Opfer des völkerrechtswidrigen Kriegs von Russland gegen die Ukraine geworden sind. Aber natürlich hat der Krieg dem Westen unerbittlich vor Augen geführt, dass die Förderung von Öl, Gas, Kohle und Uran nicht nur die Umwelt schädigt, sondern vielfach auch Diktaturen finanziert. Es ist nachvollziehbar, dass die Bundesregierung nun neue Versorgungswege öffnen will, aber die einzige langfristige Lösung ist der Ausbau der erneuerbaren Energien. Das ist übrigens auch keine deutsche Besonderheit, die Debatte und die Anstrengungen laufen weltweit. Wir hatten seitens der Stiftung jüngst Gespräche mit Abgeordneten weltweit, die sich in dem von der DBU geförderten „Global Renewables Congress“ genau dieser Aufgabe verschrieben haben. 

 

Welche Veränderungen sind über den Ausbau der Erneuerbaren außerdem notwendig? 

Bonde: Was ich mir in Reaktion auf den von Öl- und Gas-Verkäufen finanzierten russischen Angriffskrieg wünsche: Wir müssen Energieeffizienz und Kreislaufwirtschaft zum großen gesellschaftlichen Projekt machen. Das ist DIE Chance, mit Innovation und Ingenieurskunst einen großen Sprung zu machen. Ein großer gesellschaftlicher Schritt in die effizientere Nutzung von Energie und Ressourcen: Das ist das große europäische Projekt für Unabhängigkeit und nachhaltigen Wohlstand. Ein Ausweg aus der Krise wird die Circular Economy sein – also eine umfassende Kreislaufwirtschaft vom nachhaltigen Produktdesign über Müllvermeidung bis hin zum Wiederverwenden, Teilen, Reparieren und Recyceln von Waren und Gütern. Materialkreisläufe können deshalb zum Klimaretter werden, denn sie sparen Treibhausgas-Emissionen und Material. Rohstoff-Abbau und Bearbeitung verursachen weltweit mehr als die Hälfte der globalen Treibhausgase und einen Großteil der Umweltschäden. Und auch betriebswirtschaftlich lohnt es sich, unabhängiger zu werden – wie viele gerade schmerzhaft merken.


Holen uns jetzt auch die Versäumnisse der Vergangenheit ein?

Bonde: Ja, ganz offensichtlich. Es ist seit Jahrzehnten klar, welche Systeme und Diktatoren durch Gewinne aus Geschäften mit konventionellen Energien finanziert werden. Appelle zur ökologischen Notwendigkeit der Energiewende und wissenschaftliche Beweise für das Treibhausgas Kohlendioxid (CO2) als Ursache massiver Klimaveränderung gibt es seit Langem. Hätten wir früher gehandelt, wären wir heute in einer komfortableren Lage und könnten uns teures Krisenmanagement sparen. Eine Rückschau in die Vergangenheit hilft zwar für eine erste Analyse. Tatsächlich gelöst werden die Herausforderungen aber nur durch aktives Handeln.


Das bedeutet?

Bonde: Ressourcenschutz, Energieeffizienz und ein massiver Ausbau der erneuerbaren Energien müssen zu unseren Leitplanken werden. Nur so lässt sich die Abhängigkeit von fossilen Energieträgern stoppen – und von despotischen Staaten und Diktaturen. Die gleiche Anstrengung brauchen wir, um die Nachfrage nach Material und Ressourcen zu verkleinern, denn die nächsten Abhängigkeiten zeichnen sich bereits an den Rohstoffmärkten ab. Der Schlüssel zu Unabhängigkeit und Wohlstand heißt: effizient und erneuerbar.


Extremwetter, Dürreschäden im Wald, auch das Frühjahr scheint wieder einmal besonders trocken zu werden - wo ist der Handlungsbedarf besonders groß?

Bonde: In vielen Gegenden Deutschlands hinterlässt die Klimakrise in den Wäldern bereits ihre Spuren. Der Wald könnte zu einem der ersten Opfer der Klimakrise werden – mit dramatischen Folgen für Mensch und Umwelt. Denn die Ökosystemleistungen der Wälder umfassen ein breites Spektrum: von Kohlenstoffspeicherung über Holz und Artenvielfalt bis hin zur Sauerstoffproduktion. All das gerät in Gefahr, wenn die Klimakrise nicht entschlossener gestoppt wird, deren Folge eben auch Extremwetterlagen sind. Ungemein wichtig wird dabei weltweit der Schutz von Wasserressourcen – Deutschland eingeschlossen. Auch hierzulande sind teilweise die Grundwasserreserven bedenklich zurückgegangen. Wir müssen Acht geben auf sauberes Grundwasser, gesunde Flüsse und Seen. Sie sind eine unserer wichtigsten Lebensgrundlagen. Die Stiftung unterstützt deshalb auch Vorhaben in Zusammenarbeit mit der Landwirtschaft, um Wasser in der Landschaft zurückzuhalten: Regenwasser wird in Gräben angestaut, durch das Versickern kann sich mehr Grundwasser bilden. Große Bedeutung hat auch die Wiedervernässung von Mooren.


Inwieweit ist mehr Klimaschutz gleichbedeutend mit mehr Krisenprävention?

Bonde: Klimaschutz geht weit über den Erhalt von Umwelt und Natur hinaus: Er sichert und bewahrt Lebensraum von Flora, Fauna – und für den Menschen. Er ist die Garantie für einen lebenswerten Planeten. Wenn wir die Klimakrise nicht effektiv bekämpfen, wird es nur eine Frage der Zeit sein, bis Teile des Planeten unbewohnbar werden oder sogar wegen eines steigenden Meeresspiegels verschwinden. Dürre, Hitze, Starkregen, Überflutungen: All das wird die Menschen aus ihrer Heimat vertreiben, Millionen Menschen sind zur Migration gezwungen, werden zu Klimaflüchtlingen. Laut Weltklimarat leben bereits bis zu 3,6 Milliarden Menschen in einem besonders von Klimaveränderungen gefährdeten Umfeld.


Sie waren bei der Klimakonferenz in Glasgow. Ist die Umsetzung der dort getroffenen Verabredungen auf einem guten Weg?

Bonde: Trotz aller Kritik an solchen Konferenzen: Klimaschutz funktioniert am Ende nur in globaler Zusammenarbeit. Um das zu erreichen, sind derartige internationale Zusammenkünfte unabdingbar. Die Hauptverursacher und die Leidtragenden der Treibhausgas-Emissionen müssen gemeinsam an Lösungen arbeiten. Dazu gehört auch, dass die Industriestaaten nun ihre gegebene Zusage einhalten, die vom Klimawandel am stärksten betroffenen Länder mit jährlich 100 Milliarden Dollar zu unterstützen. Positiv an den Glasgower Beschlüssen ist die Festlegung, im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter um 1850 die Erderwärmung bis zum Jahr 2100 auf 1,5 Grad zu begrenzen. Zudem sollen nationale Klimaschutzziele schon Ende dieses Jahres und nicht erst bis 2025 geprüft werden. Und, drittens, werden Kohle und fossile Energieträger zum Auslaufmodell erklärt. Das sind bedeutende Fortschritte. Klar ist aber auch: Damit Glasgow gelingt, müssen in Großbottwar, Greifswald, Galveston, Guangzhou und anderswo auf der Welt die angepeilten Gigatonnen an Emissionen tonnenweise konkret eingespart werden. Jetzt liegt es an den nationalen Regierungen, an Wirtschaft und Gesellschaft tatsächlich in die Umsetzung zu gehen. Der Plan ist gut. Aber Papier ist geduldig und das Klima nicht.


Der aktuelle IPCC Bericht hat gerade erst wieder deutlich gemacht, welche dramatischen Auswirkungen die Klimakrise bereits hat. Wie dringend notwendig ist das Erreichen des 1,5-Grad-Limits - ist es erreichbar?

Bonde: Wir müssen alles daransetzen, das 1,5 Grad-Ziel zu erreichen, also die Begrenzung der Erderwärmung auf 1,5 Grad bis zum Jahr 2100 im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter. Entscheidend ist, ins Handeln zu kommen, um das Aufheizen des Planeten zu stoppen. Ressourcen- und Rohstoffschutz, erneuerbare Energien, Energieeffizienz, Arten-, Umwelt- und Klimaschutz sind dabei Teile einer Gesamt-Strategie. Das ist eine wirkliche Gemeinschaftsaufgabe von Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft. Die Zeit zum Erreichen des Ziels wird immer knapper – aber noch haben wir es selbst in der Hand!


Zur Person

Alexander Bonde (47) ist Generalsekretär der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU). Die nach eigenen Angaben größte Umweltstiftung Europas fördert innovative Vorhaben zum Schutz der Umwelt unter besonderer Berücksichtigung der mittelständischen Wirtschaft in den Bereichen Umwelttechnik, Umweltforschung, Naturschutz, Umweltbildung und Kulturgüterschutz. Auf 70.000 ha Naturerbeflächen im Eigentum der privatrechtlichen Stiftung engagiert sie sich bundesweit im Natur- und Artenschutz.  Der gebürtige Freiburger Bonde ist seit 2018 DBU-Generalsekretär, zuvor war er im Kabinett Kretschmann I von 2011 bis 2016 Landesminister für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz. Von 2002 bis 2011 war er für die Grünen Mitglied des Deutschen Bundestages. Er ist verheiratet und hat drei Kinder. 

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