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Auch die Pflegenden möchten geschützt sein 

Die Präsidentin des Deutschen Pflegerates sagt in Anbetracht der Belastungen der Pflegekräfte in der Pandemie: „Am liebsten würden wir alle zum Impfen tragen.” In Anbetracht des Personalmangels fordert Christine Vogler eine „ehrliche” Debatte in der Gesellschaft. KDA-Chef Helmut Kneppe plädiert für eine „Rundum-Inventur” im Bereich der Pflege.

Hans-Jürgen Deglow
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Christine Vogler, Präsidentin des Deutschen Pflegerates
Christine Vogler, Präsidentin des Deutschen Pflegerates Foto: dpa  Foto:

In der Diskussion über die Belastungen in der Krankenpflege insbesondere während der Corona-Pandemie mahnt der Deutsche Pflegerat Ungeimpfte, sich noch für eine Impfung zu entscheiden, auch zum Schutz der Pflegekräfte. Christine Vogler, Präsidentin des Pflegerates, sagte unserer Redaktion:  „Es gibt keine Impfpflicht, aber die Menschen sollten sich verpflichtet fühlen, sich zu informieren. Wir bitten wirklich inständig, gerade auch in Richtung unserer eigenen Berufsgruppe, dass sich viele Ungeimpfte noch für eine Impfung entscheiden. Auch die Pflegenden möchten geschützt sein. Am liebsten würden wir alle zum Impfen tragen.” 
 

Dennoch: Ein Impfzwang könne „nur das letzte Mittel sein. Es ist aber nur schwer zu ertragen, “wenn sich die Gesellschaft nach Impfunwilligen richten muss”, sagte Vogler.
 
Eine Pandemie der Ungeimpften sei kritisch zu sehen, fuhr die Pflegerats-Präsidentin fort und ergänzte: „Wir sollten uns aber vor einer Debatte hüten, dass an Corona erkrankte, ungeimpfte Menschen weniger Pflege und ärztliche Zuwendung bekommen sollten, oder für die Kosten aufkommen müssten. Unsere Aufgabe ist es, Menschen zu pflegen - und nicht nach Schuld zu fragen. Das machen wir auch nicht bei Übergewichtigen oder Suchtkranken.” Das sei eine Frage von Haltung und Ethos. Vogler: „Uns muss es doch als Gesellschaft gelingen, mit Überzeugungsarbeit  noch mehr Menschen davon zu überzeugen, sich impfen zu lassen.” 

Auch mit Blick auf die Ampel-Koalitionsverhandlungen mahnt Christine Vogler ein Umdenken an. „Wir führen viele Gespräche mit der Politik.  Das gesamte Pflegesystem ist über viele Jahre hinweg marodiert. Die Pflegenden sind an der Schmerzgrenze der Belastung, wir haben in allen Kliniken und Pflegeeinrichtungen offene Stellen, und man muss leider festhalten: Wir haben derzeit sehr oft keine qualitativ gute Patienten- und Bewohnerversorgung mehr. Aber das traut sich eigentlich niemand offen zu sagen.”

Vertrauen in die Strukturen vor Ort stärken

KDA-Chef Helmut Kneppe
KDA-Chef Helmut Kneppe. Foto: Rother für KDA  Foto:

Das enorme Problem des Personalmangels in der Pflege beschäftigt auch Helmut Kneppe. Er ist Vorstandsvorsitzender des Kuratoriums Deutsche Altershilfe (KDA), das seit rund 60 Jahren unabhängig und unter der Schirmherrschaft des Bundespräsidenten zum Thema gutes Leben im Alter forscht. Er sieht eine Möglichkeit, um offene Stellen in der Pflege besetzen zu können, in der Zuwanderung. Kneppe: „ Eine Stellschraube kann die Anwerbung ausländischer Pflegekräfte sein. Das Sondierungspapier hat erfreulicherweise diesen Ansatz ausdrücklich aufgenommen.”

Dabei stehe Deutschland in Konkurrenz zu anderen Anwerbern, so Kneppe. „Ein wichtiger Aspekt ist dabei das Vertrauen – in den Anwerbungsprozess selbst, aber auch in die Strukturen vor Ort. Daher können sich jetzt deutsche Anwerbe-Agenturen beim Kuratorium Deutsche Altershilfe um ein Gütesiegel bewerben, das einen ethischen, fairen Anwerbungsprozess auszeichnet. Zudem wird auch das Integrationsmanagement bei den Ziel-Einrichtungen gestärkt.“

Die Gründe dafür, dass die Personal-Situation heute derart angespannt sei, seien bereits in der Vor-Coronazeit zu suchen, urteilt Christine Vogler: „Ignoranz und Versäumnisse der Verantwortlichen im Gesundheitswesen haben zu diesem Desaster geführt. Pflege gilt im System über weite Strecken als reiner Kostenfaktor, den man immer stärker abgebaut hat. Jetzt ist die Grenze erreicht, und wir bekommen die Quittung präsentiert. Wir müssen uns ehrlich machen: Der Pflegekarren steckt ganz schön tief im Dreck.”

2030 könnten 500.000 Pflegekräfte fehlen

Laut Deutscher Pflegerat fehlen heute bereits etwa 200.000 Pflegekräfte. Und die Anzahl der Pflegebedürftigen steigt. 2030 könnten, wenn nicht gegengesteuert wird, circa 500.000 Pflegekräfte fehlen werden. Eine vakante Stelle in der Pflege bleibt heute im Schnitt circa 240 Tage unbesetzt. Derzeit verdienten Pflegekräfte zwischen 2.100 und 3.700 Euro. 

Christine Vogler sagt deshalb: „Wir müssen ehrlich miteinander umgehen. Beispielsweise darüber reden, warum es wichtig ist, in einer an sich wohlhabenden Gesellschaft, Pflegende anständig zu bezahlen. Wir müssen auch darüber reden, dass es natürlich bedeutet, dass wir Kliniken schließen. Oder dass wir große Tarifunterschiede im Land haben. Wenn wir ehrlicher damit umgehen und alle Beteiligten einbeziehen, dann glaube ich, finden wir auch Lösungen.” 

„Ohne Denkverbote auch kreative Ansätze zulassen”

Lösungen strebt auch Helmut Kneppe an, er stellt sich eine Art Runder Tisch zur Pflege vor. Der KDA-Chef fordert eine Rundum-Inventur im Bereich der Pflege: „Ein Gipfel, ein rund oder eckiger Tisch - egal, wie wir es nennen wollen: Wichtig ist, dass wir die Akteure im Bereich Pflege und Gesundheit und die nun verantwortlichen Politiker zusammenbringen. Dabei sollten wir ohne Denkverbote auch kreative Ansätze zulassen.” In Anlehnung an die Stiftungsgründerin und Ehefrau des damaligen Bundespräsidenten Heinrich Lübke fügte Kneppe hinzu: „Pflege braucht Pioniergeist wie ihn Wilhelmine Lübke einst forderte.“
 
„Tatsächlich müssen wir gesellschaftlich diskutieren, wie wir Pflege bezahlen wollen.”, betont Christine Vogler: „Das wird auch eine volkswirtschaftliche Herausforderung sein. Denn wenn wir keine Pflegenden mehr haben, wer wird dann die Pflegebedürftigen versorgen?“

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