Interview
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Tafeln-Chef Brühl: Arme Menschen fallen während der Pandemie durch das Raster

Der Vorsitzende der Tafeln in Deutschland, Jochen Brühl, fordert für die gemeinnützigen Lebensmittelausgabestellen finanzielle Unterstützung vom Staat, um die Logistik auszubauen. 2020 mussten etwa 190 LKW-Ladungen mit großen Spenden abgelehnt werden, weil den Tafeln die Lager- und Transportmöglichkeiten dafür fehlten, sagt er im Interview.

Hans-Jürgen Deglow
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Lesezeit 3 Min
Jochen Brühl ist Vorsitzender der Tafeln in Deutschland. Foto: dpa

Herr Brühl, wie hat sich das Engagement auf Spenderseite, und auch seitens der ehrenamtlichen Helfer 2020 entwickelt?

Jochen Brühl: Unsere Ehrenamtlichen haben 2020 Unglaubliches geleistet. Mehr als zwei Drittel der 60.000 Tafel-Aktiven zählen zu den lebensälteren Menschen. Viele von ihnen müssen sich schützen und pausierten ihr Engagement. Vor allem im ersten Lockdown im Frühjahr 2020 packten dafür viele jüngere Menschen mit an. Sie hatten wegen geschlossener Schulen und Unis plötzlich andere zeitliche Möglichkeiten. Diese Solidarität war wirklich überwältigend. Es bedeutet aber viel Arbeit, neue Menschen ins Team und eine veränderte Tafel-Arbeit zu integrieren. 

 

Das bedeutet?

Brühl: Insgesamt konnten die Tafeln innerhalb kürzester Zeit Ausgabemodelle entwickeln, die den Bestimmungen entsprachen und allen Beteiligten Schutz boten.

Privatpersonen und auch viele Unternehmen, bestehende und neue Spender haben uns geholfen, Schutzmaßnahmen oder Lieferservices zu finanzieren. 

Lebensmittelspenden gingen hingegen in einigen Regionen drastisch zurück. Die Supermärkte waren einfach leer gekauft. Dafür gab es ungewohnte Spenden, zum Beispiel von Kreuzfahrtschiffen oder aus den vollen Lagern der Gastronomen. 

 

Inwieweit und inwiefern haben die Tafeln unter der Coronakrise gelitten?

Brühl: Tafeln sind eigentlich Orte der Begegnung. Wir verteilen nicht nur Lebensmittel. Bei uns gibt es ein Miteinander verschiedenster Menschen. Seniorencafés, Hausaufgabenhilfen, Kochkurse oder einfach ein freundliches Gespräch: all das fällt zur Zeit weg. Darunter leiden sowohl unsere Kundinnen und Kunden wie auch die Helferinnen und Helfer. Die Lebensmittelausgabe musste neu organisiert werden, um Kontakte zu reduzieren. Die Arbeit ist dadurch viel aufwändiger geworden. Es ist großartig, wie schnell die Ehrenamtlichen ihre Arbeit angepasst haben, aber wir alle sind froh, wenn die Lebensmittel nicht mehr in Tüten verpackt am Fenster ausgegeben werden müssen, sondern Gespräche und Beisammensein wieder möglich sind. 

 

Welche Nachfrage gibt es nach den Tafel-Angeboten? 

Brühl: Auf der einen Seite kommen nun Menschen zu den Tafeln, die vor der Pandemie nicht auf externe Hilfe angewiesen waren. Das sind Menschen, die ihre Arbeit verloren haben, in Kurzarbeit sind oder deren Aufträge wegbrechen. Auf der anderen Seite kommen viele, vor allem ältere Kundinnen und Kunden nicht mehr zu Tafel, weil sie Angst haben, sich anzustecken.

 

Ist die Zahl der lokalen Tafeln gesunken?

Brühl: Nein. Im ersten Lockdown im Frühjahr hatten zwischenzeitlich fast die Hälfte der Tafeln geschlossen, um sich neu zu organisieren. Aber keine Tafel hat ihre Arbeit dauerhaft eingestellt.

 

Was wünschen Sie sich für 2021?

Brühl: 2020 mussten wir etwa 190 LKW-Ladungen mit großen Lebensmittelspenden ablehnen, weil den Tafeln die Lager- und Transportmöglichkeiten dafür fehlten. Das muss sich 2021 ändern. Ich wünsche mir sehr, dass die Tafeln finanzielle Unterstützung vom Staat erhalten, um die Logistik auszubauen und noch mehr große Mengen Lebensmittel verteilen zu können. Allein durch Spendengelder und ehrenamtliches Engagement ist das nicht zu stemmen. Natürlich wünsche ich mir auch, dass wir in diesem Jahr wieder näher zusammenrücken können, um füreinander da zu sein und einander zuzuhören. Viele Menschen, die zu den Tafeln kommen, sind einsam und kommen auch, um sich auszutauschen und gegenseitig zu unterstützen. Ich freue mich darauf, wenn Begegnungen wieder ohne Abstand möglich sind. Am wichtigsten ist es aber momentan, dass wir alles dafür tun, dass unsere Ehrenamtlichen und Kundinnen und Kunden gesund bleiben und wir die Pandemie bewältigen.

 

Brauchen wir eine Art von „Rettungsschirm” für besonders Bedürftige? 

Brühl: Arme Menschen sind in den letzten Monaten durch das Raster gefallen. Menschen, die ALGII oder Grundsicherung im Alter beziehen, haben erhöhte Kosten: Lebensmittelpreise steigen, kostenloses Schul- und Kita-Essen gab es lange nicht, Masken müssen gekauft werden und soziale Angebote sind während der Pandemie nur eingeschränkt möglich.

 

Ist eine traurige Lehre aus der Pandemie: Wir sprechen zu wenig über Armut und deren Gründe?

Brühl: Ich bin mir nicht sicher, ob wir das als Gesellschaft aus der Pandemie lernen. Armut hat keine Lobby, das war leider schon immer so. Und arme Menschen sehen sich mit enormen Vorurteilen konfrontiert: sie seien selbst schuld an der Situation und wollten ja gar nichts verändern. Das ist zynisch. 40 Prozent der Alleinerziehenden beispielsweise sind von Armut bedroht oder betroffen. Die Ursachen von Armut liegen meistens in den Strukturen und die muss Politik endlich verbessern.

 

Zur Person

Jochen Brühl, geboren 1966 in Altena (NRW), hat 1999 die Ludwigsburger Tafel mitgegründet. 2007 übernahm er den Vize-Vorsitz der der Tafel Deutschland, seit 2013 ist er deren Vorsitzender. Er hat ein Studium der Sozialarbeit und Diakonie sowie eine Weiterbildung zum Fundraiser absolviert. Jochen Brühl lebt in Essen. Die Tafeln sind gemeinnützige Hilfsorganisationen, die Lebensmittel, welche im Wirtschaftskreislauf nicht mehr verwendet und ansonsten vernichtet werden würden, an Bedürftige verteilen oder gegen geringes Entgelt abgeben. Aktiv sind die Tafeln seit 1993. Es gibt bundesweit etwa 2000 Ausgabestellen. 

 


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