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Personalnot in der Pflege verschärft sich dramatisch 

Bis 2030 fehlen laut aktuellem Barmer-Pflegereport mindestens 180.000 Pflegekräfte, falls nicht gegengesteuert wird. Altersforscher Andreas Kruse mahnt: Wir müssen sehr viel mehr in eine gute Pflege investieren. KDA-Chef Helmut Kneppe mahnt ein "mutiges Umdenken" an. 

Hans-Jürgen Deglow
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Alten- und Pflegeheim
Stuttgart: Eine Pflegekraft geht in einem Pflegeheim mit einer älteren Dame über einen Korridor Foto: dpa

Die Personalnot in der Pflege droht sich weiter zu verschärfen. Bis zum Jahr 2030 sollen bei konservativen Annahmen mehr als 180.000 Pflegekräfte fehlen, auch weil es mit dann insgesamt rund sechs Millionen Pflegebedürftigen über eine Million Betroffene mehr geben wird als bisher angenommen. Das geht aus dem am Mittwoch vorgestellten Barmer-Pflegereport hervor.

Christoph Straub, Vorstandschef der Barmer, richtete deshalb mahnende Worte an die Politik und die künftige Bundesregierung: "Die Politik muss zügig gegensteuern, andernfalls bleibt die Pflege eine Großbaustelle auf schwachem Fundament." Der von den Ampel-Parteien vorgelegte Koalitionsvertrag beinhalte einige "richtungsweisende Vorhaben". "Nun muss rasch die Umsetzung angegangen werden", forderte Straub. Pflege sollte vor allem bezahlbar bleiben – und das mit "entsprechend hoher Qualität im Sinne der Pflegebedürftigen".

Dazu brauche es unter anderem ein attraktives Berufsbild mit besseren Arbeitszeitmodellen, heißt es in dem Report. Ziel sollte es sein, auf diese Weise die Berufstätigen insgesamt länger in ihrem Beruf zu halten. Gleichzeitig müsse die Zahl der Auszubildenden weiter gesteigert werden. "Es muss mehr Nachwuchs für die Pflege gewonnen werden", sagte Straub.

Allen voran, so die Forderung, müssten die Bundesländer "ihrer Pflicht nachkommen, die Investitionskosten für stationäre Pflegeeinrichtungen zu übernehmen". Dadurch werde bereits eine Entlastung bei den Eigenanteilen der Pflegebedürftigen erreicht. Denn bisher stellen laut Barmer die Pflegeheime dies in der Regel den Bewohnerinnen und Bewohnern in Rechnung. Vor allem müsse eine finanzielle Überforderung Pflegebedürftiger vermieden werden. Deshalb sollten die Leistungsbeträge der sozialen Pflegeversicherung einmalig angehoben und dann regelmäßig dynamisiert werden.

Anhebung der Pflegesachleistungsbeträge ein wichtiger Schritt

"Die künftige Bundesregierung will die Pflegebedürftigen mittelfristig in Bezug auf die steigenden Eigenanteile in der stationären Pflege entlasten. Auch die Prüfung zur weiteren Senkung der Eigenanteile ist ein wichtiges Element", so Straub. Die für den Jahreswechsel geplante Anhebung der Pflegesachleistungsbeträge sowie die Einführung eines Leistungszuschlages bei vollstationärer Pflege seien erste wichtige Schritte. Der ab 2022 vorgesehene jährliche Steuerzuschuss in Höhe von einer Milliarde Euro solle im Gleichschritt mit den jährlichen Ausgaben der Pflegeversicherung ansteigen.

Andreas Kruse: Notstand ist in einigen Regionen heute schon Realität

Der Altersforscher Andreas Kruse, seit Jahren als Vorsitzender der Altersberichtskommission verantwortlich für die Altersberichte der Bundesregierung, sagte unserer Redaktion zum Pflegereport: "Wir geraten nicht in einen Pflegenotstand, in einzelnen Regionen befinden wir uns schon in diesem." Und er fügte hinzu: "Unsere Gesellschaft muss lernen: eine gute Pflege ist für die Versorgung chronisch kranker Menschen genauso wichtig wie eine gute Medizin. Bei einem Blick in die Zukunft müssen wir darauf achten, dass die Versorgung zwei zentrale Komponenten umfasst: eine leistungsfähige Medizin, eine leistungsfähige Pflege - zwei Komponenten, die eng aufeinander bezogen sind. Aus diesem Grunde müssen wir sehr viel mehr in eine gute Pflege investieren, damit Pflegefachpersonen die Potenziale der Pflege vollumfänglich verwirklichen können."

Helmut Kneppe: Wegkommen von dem Gedanken  "Pflegebedürftigkeit gleich Heim" 

Handlungsbedarf sieht auch Helmut Kneppe, Vorsitzender des Kuratoriums Deutsche Altershilfe (KDA). Er sagte: "Schon heute liegt der Betrag, den Menschen aufbringen müssen, die in einer Einrichtung der Langzeitpflege betreut werden, bei durchschnittlich rund 2100 Euro – und das jeden Monat. Die Ampel-Koalition will die Eigenanteile begrenzen. Das ist auch dringend notwendig." Er betonte weiter:  "Konkret brauchen wir den schon lange geforderten Sockel-Spitze-Tausch. Das heißt, dass Pflegebedürftige künftig einen Grundbetrag aus eigener Tasche zahlen, und die Pflegeversicherung die übersteigenden Kosten übernimmt. Ganz grundsätzlich sollten wir zwei Aspekte gesellschaftspolitisch entscheiden: Ist die Finanzierung von Gesundheit und Pflege aus einem solidarischen Beitragssystem heraus vereinbar mit Gewinnmaximierung zulasten der Solidargemeinschaft? Und: Wir sollten wegkommen von dem Gedanken 'Pflegebedürftigkeit gleich Heim'." Viel wertschätzender wäre es doch, so Kneppe, "wenn es Staat und Gesellschaft finanziell und organisatorisch ermöglichen, dass pflegebedürftige Menschen in ihrem Zuhause versorgt werden können und ihr Lebensumfeld nicht verlassen müssen. Dazu benötigen wir mutiges Umdenken und bei der Gestaltung, Finanzierung und Umsetzung mehr demokratische Elemente".  

Deutlich höherer Finanzbedarf

Der Autor des Pflegereports, Heinz Rothgang vom Socium, dem Forschungszentrum Ungleichheit und Sozialpolitik an der Universität Bremen, wies aufgrund der höheren Zahl an Pflegebedürftigen und des zunehmenden Personalbedarfs auf einen deutlich größeren Finanzbedarf hin. Dieser werde ohne weitere und notwendige Leistungsverbesserungen von 49 Milliarden Euro im Jahr 2020 auf 59 Milliarden Euro bis zum Jahr 2030 steigen. "Neben den Herausforderungen bei der Finanzierung muss der Blick auch auf die Frage gerichtet werden, wer künftig die Pflegebedürftigen betreuen soll. Bereits heute fehlen tausende Pflegekräfte. Den Arbeitskräftemangel zu bekämpfen, muss ein zentrales Anliegen werden", so Rothgang.

Die Corona-Krise hatte zuletzt bereits die Personalsituation in der Lage verschärft. Laut Report fehlen bis zum Jahr 2030 etwa 81.000 Pflegefachkräfte, 87.000 Pflegehilfskräfte mit und 14.000 Pflegehilfskräfte ohne Ausbildung. Dabei sei im stationären Bereich die vollständige Umsetzung des Personalbemessungsverfahrens noch gar nicht berücksichtigt. Der Pflegeberuf müsse deutlich attraktiver werden. Daher sei es richtig, geteilte Dienste abzuschaffen und den Anspruch auf familienfreundliche Arbeitszeiten einzuführen.

Drei Millionen Menschen werden bald ausschließlich von Angehörigen gepflegt

Wie aus dem Pflegereport weiter hervorgeht, werden in weniger als zehn Jahren knapp drei Millionen Pflegebedürftige ausschließlich von ihren Angehörigen gepflegt und damit rund 630.000 mehr als 2020. Zudem wird es insgesamt eine Million Menschen vollstationär und 1,17 Millionen durch ambulante Pflegedienste versorgte Menschen geben. Dies entspricht einem Anstieg um gut 200.000 Betroffene (+26 Prozent) in Pflegeheimen und 165.000 Personen, die ambulant versorgt werden (+16 Prozent). Deutschland sei "auf dem besten Wege, in einen dramatischen Pflegenotstand zu geraten".

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