Kriegsgräberfürsorge
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Volksbund: Drei Jahrzehnte der Versöhnungsarbeit liegen in Scherben

„Zum Krieg gibt es Alternativen. Zum Frieden nicht“ - das sagt Wolfgang Schneiderhan, Präsident des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge. Derzeit ruht die Zusammenarbeit mit den Partnern in der Ukraine, aber auch mit denen in Russland und Belarus.

Hans-Jürgen Deglow
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Lesezeit 4 Min
August 2007: Zwei deutsche Jugendliche, die für zwei Wochen in einem Workcamp des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge auf der Krim arbeiten, reinigen Grabkreuze auf dem deutschen Soldatenfriedhof Gontscharnoye bei Jalta.  Foto: Peter Kneffel/dpa

Am 22. Juni vor 81 Jahren fielen 160 deutsche Divisionen mit mehr als drei Millionen Soldaten und über 3000 Panzern in die Sowjetunion ein. Der sogenannte Hitler-Stalin-Pakt, in dem sich die Diktatoren Neutralität im Falle von kriegerischen Auseinandersetzungen zugesichert hatten, war Geschichte. 

Heute betreut der Deutsche Volksbund Kriegsgräberfürsorge in 46 Ländern Kriegsgräber von etwa einer Million Soldaten, der weitaus größte Teil der Gräber befindet sich in Russland, der Ukraine und in Belarus. Schätzungen zufolge gelten auf dem Gebiet der früheren Sowjetunion noch 2,4 Millionen deutsche Soldaten des Zweiten Weltkriegs als vermisst, davon etwa 1,5 Millionen in Russland - die Zahlen schwanken aber in der Forschung. 

„Die Kommunikationskanäle halten wir aufrecht“

Nun wird wieder mitten in Europa Krieg geführt. Der völkerrechtswidrige Angriff Russlands auf die Ukraine trifft auch diejenigen, die sich in Russland, Belarus, der Ukraine und Deutschland dem Gedenken an die Opfer der Weltkriege widmen. „Drei Jahrzehnte der Versöhnungsarbeit liegen in Scherben“ heißt es beim Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge. Sprecherin Diane Tempel-Bornett sagte unserer Redaktion: „Wir haben nach Russland, Belarus und in die Ukraine gute Netzwerke geknüpft und funktionierende gegenseitige Partnerschaften zur Pflege von Kriegsgräbern und der Ermittlung von Soldaten-Schicksalen aus dem Zweiten Weltkrieg aufgebaut. Wegen des Angriffskrieges haben wir Arbeiten in der Ukraine stoppen müssen. Die Kommunikationskanäle halten wir aufrecht.“ Sie fügte hinzu: „Die Kooperation mit staatlichen Stellen der russischen Behörden ruht vollständig. Wir versuchen aber, zivilgesellschaftliche Verbindungen aufrecht zu halten.“

Den Angehörigen einen Platz für ihre Trauer geben

Die Verantwortlichen beim Volksbund halten eine Fortsetzung der Arbeit für derzeit viel zu ernst. Tempel-Bornett: „Das wäre eine ganz fürchterliche Vorstellung, dass Menschen dabei sterben, wenn sie die Kriegsgräber pflegen. Die Lage ist einfach viel zu unübersichtlich und gefährlich.“ Wie beispielsweise im unter Beschuss stehenden Charkiw. Auf den dortigen deutschen Kriegsgräberfriedhof wurden bislang die sterblichen Überreste von fast 50.000 deutschen Soldaten eingebettet. Der Volksbund hat aus der Ukraine, Belarus und Russland alle eigenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter abgezogen. Der Volksbund versuche, die technische Kriegsgräberfürsorge, also Pflege und Erhalt in Russland fortzuführen. Baumaßnahmen wie die Erweiterung von Friedhöfen sind auf unbestimmte Zeit verschoben worden. Auch die Beschriftung von Pultsteinen und Grabtafeln entfällt derzeit.

„Unser wichtigster Auftrag ist es, Schicksale der Kriegstoten aufzuklären. Auch mehr als 70 Jahre nach Kriegsende klären wir noch Schicksale. Wenn wir Tote mit Erkennungsmarken finden, können wir häufig die Schicksale aufklären. Dann bekommt ein bis dahin 'unbekannter Soldat' seinen Namen und seine Biographie zurück. Und den Angehörigen können wir Gewissheit geben – und einen Platz für ihre Trauer.“ 

Die beauftragten Pflegeteams in der Ukraine wollen gerne so bald wie möglich weitermachen. Sie sagen: Wir wollen keine Spenden, wir wollen arbeiten. In der Ukraine sind rund 50 Familien wirtschaftlich von der Zusammenarbeit mit dem Volksbund abhängig. 

„Als Organisation blicken wir fassungslos auf diesen Krieg“

Tempel-Bornett sagt: „Es ist unendlich traurig, dass 77 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges wieder Krieg geführt wird und Menschen sterben. Soldaten, Zivilisten, Frauen, Männer, Kinder… das darf doch nicht wahr sein. Als Organisation, die heute noch die Toten der letzten Kriege birgt und diese Arbeit als Mahnung für den Frieden auffasst, können wir nur fassungslos auf diesen Krieg blicken.“

Auch in Deutschland werden heute noch regelmäßig gefallene Soldaten aus der damaligen Sowjetunion exhumiert. Ihre Herkunft ist aufgrund von Erkennungsmarken zu erkennen, an ihrer Kleidung, Munition, Waffen, die sie bei sich trugen, oder weil Schriftstücke in kyrillischer Sprache gefunden werden. Meist werden diese Soldaten auf der Kriegsgräberstätte in Lebus in Brandenburg eingebettet. Insgesamt sind nach Schätzungen von Historikern fast zehn Millionen sowjetische Soldatinnen und Soldaten im Zweiten Weltkrieg gefallen oder starben in Gefangenschaft. 

Die Bande nicht abreißen lassen

Nun also wird die Ukraine vom Nachbarn Russland überfallen. Dem Volksbund wurde berichtet, dass in einem ukrainischen Ort trotz des Krieges ein Helfer weiterhin regelmäßig frische Blumen zu deutschen Kriegsgräbern bringt. Den Menschen dort liege sehr viel daran, die Bande nicht abreißen zu lassen. Natürlich will der Verein die Arbeit in der Ukraine so schnell wie möglich wieder aufnehmen. Für eine Neubewertung der Arbeit in der Russischen Föderation und in Belarus sei es jedoch zu früh. Tempel-Bornett: „Wir müssen einfach abwarten, so unbefriedigend das auch ist.“ 

Der Volksbund ist ja keine staatliche Organisation, auch wenn er im staatlichen Auftrag arbeitet. „Die Stimmen der Toten der Kriege sind leise, aber sie verstummen nicht“, so Volksbund-Präsident Wolfgang Schneiderhan. „Wir als Volksbund haben keine politische Stimme. Aber wir verschaffen den Toten ein Gehör, wir sind Anwalt der Angehörigen.“ 

„Wir dürfen uns nicht entmutigen lassen“ 

Auch die Jugendarbeit will weitermachen. Der Volksbund bietet seit 70 Jahren Workcamps und internationale Jugendbegegungen an. Daraus sind Städtepartnerschaften, lebenslange Freundschaften, Ehen – einfach Völkerverständigung, auf allen Ebenen erwachsen. Beim Volksbund heißt es: „Diese Jugendarbeit ist ein Erfolgsrezept. Daran müssen wir weitermachen. Wir dürfen uns nicht entmutigen lassen. Jetzt erst recht nicht.“ 

Zum Abschluss noch mal Wolfgang Schneiderhan: „Zum Krieg gibt es Alternativen. Zum Frieden nicht.“


Stichwort Volksbund:

Der Volksbund zählt heute europaweit 542 hauptamtliche Mitarbeiter. Etwa 250 Saisonarbeitskräfte, die der Volksbund für Umbettungen von Kriegstoten einsetzt, kommen hinzu. Die Unterstützerbasis des Vereins ist wesentlich größer: Der Volksbund hat 300.000 aktive Förderer sowie über eine Million Gelegenheitsspender. Mit ihren Spenden, den Einnahmen aus Erbschaften und Vermächtnissen sowie den Erträgen aus jährlichen Sammlungen finanziert der Volksbund zu etwa 70 Prozent seine Arbeit. Der Rest wird mit Geld des Bundes und der Länder bestritten.

Gegründet wurde der Volksbund 1919, um nach den Kriegstoten des Ersten Weltkrieges zu suchen und deren Gräber zu pflegen. Heute betreut er mehr als 800 Kriegsgräberstätten in 46 Staaten. Zu seinen vielfältigen Aufgaben gehört die „Arbeit im Feld“, also Bergung und Umbettung von Kriegstoten, das Anlegen und Pflegen von Friedhöfen und die Beantwortung von mehr als 30.000 Anfragen Angehöriger im Jahr zum Verbleib von Toten der zwei Weltkriege.

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