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Nach Warntag: Verbesserungen bei Cell Broadcast und Sirenen-Ausbau geplant

Der Warntag im Dezember war aus Sicht des zuständigen Amts für Bevölkerungsschutz ein Erfolg. Künftig soll die Bevölkerung besser gewarnt werden: mit mehr Sirenen und Verbesserungen beim Cell Broadcast. Was genau geplant ist, war Thema bei einem Expertengespräch der Grünen-Bundestagsfraktion.

Christoph Donauer
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Nach Warntag: Verbesserungen bei Cell Broadcast und Sirenen-Ausbau geplant
Am Warntag wurden Handynutzer erstmals probeweise per Cell Broadcast gewarnt. Das Amt für Bevölkerungsschutz will auch Entwarnungen so versenden.  Foto: dpa

Wie schlecht es um die Warnung der Bevölkerung bestellt ist, wird 2020 beim ersten bundesweiten Warntag offensichtlich: Sirenen bleiben stumm, Apps warnen zu spät, Absprachen klappen nicht. Ein Jahr später erschüttert die Flut im Ahrtal das Land. Wieder laufen Warnungen ins Leere und mehr als 180 Menschen sterben.

Auf die nächste Katastrophe soll die Bundesrepublik besser vorbereitet sein. Getestet wurde das beim bundesweiten Warntag im Dezember. Aus Sicht des zuständigen Amts für Bevölkerungsschutz (BBK) war der ein Erfolg, wie Christoph Schmidt-Taube, Leiter der Abteilung Krisenmanagement, bei einem Expertengespräch der Grünen-Bundestagsfraktion am Montag erklärt. "Die Probewarnungen wurden zuverlässig an die Warnmultiplikatoren ausgespielt."

Cell Broadcast erreichte die Handys der Deutschen in weniger als einer Minute

Das erstmals getestete Cell Broadcasting, bei dem eine Warnmeldung als Push-Benachrichtigung auf dem Handy aufploppt, habe weitgehend reibungslos funktioniert. "Vermutlich wird man mit keinem anderen Warnmittel aktuell so viele Menschen erreichen", sagt Schmidt-Taube. Zwischen Versenden und dem Handy-Alarm sei weniger als eine Minute vergangen.

Dennoch bleibt aus Sicht des Experten einiges zu tun. So war die Webseite des BBK, auf die die Cell-Broadcast-Warnung verwiesen hatte, dem Ansturm nicht gewachsen und zeitweise nicht erreichbar. Außerdem war Cell Broadcast der einzige Kanal, über den keine Entwarnung verschickt wurde.

"Es ist derzeit noch nicht vorgesehen, dass die Mobilfunknetzbetreiber die Entwarnung aussenden", sagt Schmidt-Taube. Der Grund seien Sorgen der Handynetz-Betreiber vor Performance-Problemen. "Wir sind im Austausch mit den Betreibern, ob es solche Probleme wirklich gab und ob Entwarnungen möglich sind." Der Warntag soll dieses Jahr am regulären Termin stattfinden, dem zweiten Donnerstag im September.

 

Warnmittelkataster soll alle Sirenen in Deutschland verzeichnen

Nach Warntag: Verbesserungen bei Cell Broadcast und Sirenen-Ausbau geplant
Christoph Schmidt-Taube, Abteilungsleiter Krisenmanagement beim Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK).  Foto: Screenshot/HSt

Nachholbedarf gibt es bei Sirenen. Derzeit arbeitet das BBK gemeinsam mit Ländern und Kommunen an einem Warnmittelkataster. Dort sollen unter anderem alle Sirenen eingetragen werden, um aufzuzeigen, wo es Lücken gibt. Der Bedarf an neuen Sirenen sei hoch, sagt Schmidt-Taube, ein entsprechendes Förderprogramm über 190 Millionen Euro längst ausgeschöpft. In Gesprächen mit den Ländern soll geklärt werden, ob es weitere Fördergelder geben wird.

Thomas Kox, der am Berliner Weizenbaum-Institut zu Bevölkerungs-Warnungen forscht, betont, dass viele Faktoren beeinflussen, wie Menschen auf Vorhersagen reagiert. "Warnungen treffen auf Menschen, die sich gut auskennen und auf Menschen, die so etwas zum ersten Mal lesen."

Auch bei Behörden gebe es Unsicherheiten. Zum Beweis zeigt Kox eine Studie, in der Verantwortliche des Bevölkerungsschutzes gefragt wurden, wann sie reagieren würden, wenn ein Sturm angekündigt ist. Das Ergebnis: "Erst ab höheren Eintrittswahrscheinlichkeiten wird gehandelt." Dabei seien Voraussagen über Naturkatastrophen nie eindeutig. Den Erfolg von Warnungen zu messen, sei schwierig: "Wenn ich sehr gut warne, passiert nichts und es gibt womöglich keine Schäden. Das ist schwierig für die Legitimation und die Evaluation."

Die meisten Opfer im Ahrtal waren älter als 60 Jahre - und damit wahrscheinlich ohne Handy

Benni Thiebes vom Deutschen Komitee Katastrophenvorsorge warnt davor, zu sehr auf Techniken wie Cell Broadcast zu setzen. Die meisten Todesopfer im Ahrtal seien älter als 60 Jahre gewesen. "Das ist die Altersgruppe, die ihre Handys seltener verwendet oder sie nachts ausschaltet." Jüngere hätten dagegen seltener ein Autoradio, über das sie im Notfall Warnungen empfangen könnten.

Es sei essentiell, an der Kommunikation von Warnungen zu feilen. "Wie bringen wir Menschen dazu, dass sie sich adäquat verhalten?" Die Broschüren des BBK seien wichtig, würden aber "nicht zum Schmökern" einladen. Deshalb will Thiebes Best-Practice-Beispiele aus aller Welt sammeln, zum Beispiel aus Japan, und in einem Guide festhalten. "Es muss Spaß machen, sich mit Warnungen zu befassen."

 
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