Interview
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„Mit Daten aus dem All unseren Planeten schützen“ 

Anna Christmann, die neue Luft- und Raumfahrtkoordinatorin der Bundesregierung, spricht über Forschung in Deutschland, Klima- und Katastrophenvorsorge aus dem All und wie sie junge Frauen für den Beruf der Astronautin begeistern möchte. 

Hans-Jürgen Deglow
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Lesezeit 6 Min
Anna Christmann ist Koordinatorin der Bundesregierung für Luft- und Raumfahrt.  Foto: Deutscher Bundestag/Inga Haar

Frau Christmann, Sie sind neue Beauftragte der Bundesregierung für die Luft- und Raumfahrt. Ein Traum-Amt? 

Anna Christmann: Über die Berufung habe ich mich wahnsinnig gefreut. Denn in der Luft- und Raumfahrt steckt unglaublich großes Potenzial, sie bietet viel Raum für Innovationen, die ich in meiner neuen Position gezielt fördern will. In der Vergangenheit habe ich mich bereits sehr intensiv mit Innovationspolitik und Technologien für die Zukunft befasst. Es geht vor allem um die Aufgabe, Europa als starken Technologie-Standort zu festigen. Meine Aufgabe ist es, gute Rahmenbedingungen für unsere vielen klugen und kreativen Köpfe zu schaffen – und den Nutzen der Technologien für Mensch und Umwelt transparenter zu machen. 

 

Zu den großen Aufgaben gehört insbesondere das Thema klimaneutrales Fliegen.

Christmann: Richtig, klimafreundliches Fliegen ist eines der großen Themen der Zeit, und auch notwendig, um unsere ambitionierten Klimaziele zu erfüllen. Es ist wichtig, hier den gesellschaftlichen Dialog zu suchen. Das ist natürlich eine Riesenaufgabe, vor allen Dingen, wenn man die Menge des Flugverkehrs auch weltweit betrachtet. Die Industrie hat den festen Willen, für Veränderung zu sorgen, angefangen von neuartigen Triebwerken bis zum Einsatz nachhaltiger Kraftstoffe. Wir brauchen zudem eine ausreichende Versorgung mit grünem Wasserstoff. 

 

Und wie ist es um Klimaneutralität der Raumfahrt bestellt?

Christmann: Bei der Raumfahrt gilt: Wir werden Raketenstarts sicherlich nicht von heute auf morgen klimaneutral machen können. Doch unter den verschiedenen Antriebsarten gibt es solche mit besserer und schlechterer Umweltbilanz. Zudem kann man Raketen wiederverwenden. Man sollte auch berücksichtigen: Der CO2-Fußabdruck der Raumfahrt ist im Vergleich zu anderen Branchen überschaubar. Dass es schon heute viele spannende Innovationen gibt, davon konnte ich mir gerade erst ein Bild in Baden-Württemberg machen.

 

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Das Neuenstädter Startup HyImpulse will mit innovativer und günstiger Technik Satelliten ins All bringen. Schon für 2022 ist ein Start geplant. Derzeit laufen erste Tests beim DLR in Lampoldshausen.

 

Was ist Ihnen begegnet?

Christmann: Vor allem wissenschaftliche Exzellenz gepaart mit einem starken Gründergeist. Es geht generell dort besonders gut voran, wo Wissenschaft und Wirtschaft eng und vertrauensvoll zusammenkommen. Ich habe an einem Tag vier Unternehmen besucht, auch in anderen Bundesländern mache ich solche Vor-Ort-Besuche. Der Eindruck, der bleibt, ist der einer enormen Vielfalt. Klimaneutrales Fliegen, Satellitenkommunikation auf Weltniveau, Antriebstests für die Ariane 6 und Raketentechnologie mit Kerzenwachs – alles an einem Tag in einem kleinen Radius. Alles inspirierende Pioniere, die heute die Zukunft des Fliegens auf den Weg bringen. 

 

Woran forschen die Unternehmen genau, die Sie gesehen haben?

Christmann: Mit H2FLY Aviation - sie entwickeln Wasserstoff-Brennstoffzellen als klimaneutralen Antrieb im Regionalflugverkehr - und HyImpulse habe ich gleich zwei Ausgründungen aus dem DLR-Umfeld besucht. Mit Finanzminister Danyal Bayaz konnten wir am Stuttgarter Flughafen bei H2FLY einen ersten Prototypen für Brennstoffzellen anschauen. HyImpulse entwickelt in Neuenstadt am Kocher ebenfalls neue Antriebe, setzt auf flüssigen Sauerstoff und Paraffin, also Kerzenwachs. In Lampoldshausen forschen die Arianegroup und die DLR, und in Backnang waren wir Gast bei Tesat-Spacecom. Das ist ein klassischer Hidden Champion, ein Weltmarktführer für Laserkommunikation mit Satelliten.

 

Was fasziniert Sie besonders?

Christmann: Es ist spannend zu sehen, wie, von der Vision ausgehend, der Weg der Entwicklung komplexer Technologien bis zur Anwendung beschritten und experimentiert wird. Heute gelingt es beispielsweise, mit einer Wasserstoff-basierten Brennstoffzelle längere Distanzen zu bewältigen. Noch vor ein paar Jahren wurde behauptet: Das wird doch nie klappen! Genau dieser Transfer ist entscheidend für die Innovationen, mit denen wir unsere Klimaziele erreichen und ein souveräner und internationaler wettbewerbsfähiger Technologiestandort bleiben. Eine ganz große Rolle spielen hier auch die vielen Start-ups im Land. 

 

 

Raumfahrt ist längst Teil unseres Alltags, ohne dass die meisten Menschen das direkt mitbekommen?

Christmann: Ja. Satelliten ermöglichen Navigation mittels Positionsdiensten wie GPS und seinem europäischen Pendant Galileo, sie liefern uns Wetter- und Klimadaten, klassische Erdbeobachtung. Wenn beispielsweise Bodenstrukturen analysiert werden, können diese Daten für die Landwirtschaft genutzt werden. Erst vorletzte Woche ist der Satellit eines deutschen Start-ups gestartet, der Waldbrände erfassen soll. Das Münchner Start-up Ororatech hat dafür ein KI-basiertes Frühwarnsystem auf Basis von Wärmebildern entwickelt. So bietet Raumfahrt echten Mehrwert für uns Menschen und unser Leben auf der Erde. Mich freut es zudem besonders, kurz vor dem Start eines wichtigen Klimasatelliten dieses Amt übernommen zu haben. Der Umweltsatellit EnMAP - Environmental Mapping and Analysis Program - ist der erste in Deutschland entwickelte und gebaute Hyperspektralsatellit und wird vom nationalen Raumfahrtprogramm gefördert.

 

Voraussichtlich Anfang April wird EnMAP an Bord einer Falcon-9-Rakete von SpaceX vom Kennedy Space Center aus in den Weltraum aufbrechen. Erklären Sie das Außergewöhnliche der Mission, bitte. 

Christmann: Aus rund 650 Kilometern Höhe wird EnMAP einzigartige spektral hochauflösende Aufnahmen unseres Planeten liefern. Seine Aufnahmen können eine zentrale Rolle im Kampf gegen die Klimakrise und Umweltzerstörung spielen und wertvolle Handlungshinweise für Gegenmaßnahmen liefern. Das zeigt auch: Deutschland ist bei der Erdbeobachtung weltweit führend. Mit Daten aus dem All können wir unseren Planeten schützen. Die Mission wird vom DLR im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und Klimaschutz geleitet. Mit der Entwicklung und dem Bau des Satelliten sowie des Hyperspektralinstrumentes wurde die OHB-System AG beauftragt, das Bodensegment wird vom DLR in Oberpfaffenhofen entwickelt und betrieben, und auch das Geo-Forschungszentrum Potsdam (GFZ) ist Teil der Mission. Also ein Weltraumprojekt „Made in Germany“. Aber auch zivile genutzte Drohnen leisten einen wertvollen Beitrag schon heute, bei der Erdbeobachtung, dem Naturschutz oder der Katastrophenvorsorge.

 

In Anbetracht von Digitalisierung und Künstlicher Intelligenz, aber auch mit Blick auf die Gefahren auf dem Weg ins All: Braucht es auf absehbare Zeit noch bemannte Raumfahrt? 

Christmann: Vor kurzem habe ich mit Matthias Maurer telefoniert, unserem derzeitigen Astronauten auf der Internationalen Raumstation ISS, er hat mir von seinen Forschungen und Erlebnissen berichtet. Es zeichnet den menschlichen Entdeckergeist aus, dass er auch das Weltall erkunden will. Erkundungen mit Satelliten und Robotern haben einen unglaublich hohen Wert, jedoch sind die persönlichen Erfahrungen und Erkenntnisse des Menschen heute durch nichts zu ersetzen. Der Mensch vernetzt Wissen und Erkenntnisse, er zieht Schlüsse. Ich finde es auch wichtig, dass wir Erfahrungen in der Schwerelosigkeit sammeln und dort experimentieren. 

 

Sie haben sich vor kurzem auch mit Alexander Gerst unterhalten. Ihr Eindruck? 

Christmann: Alexander Gerst ist ein wunderbarer, authentischer und wahnsinnig wichtiger Botschafter für die Forschung im Weltall. Und er ist ein sehr guter Erklärer. Meine Tochter mag sehr die Sendung mit der Maus mit Gerst, ich schaue sie mit ihr zusammen. Seine Botschaft ist so wertvoll: Gerst zeigt uns, wie bedroht und wie schützenswert unsere Erde ist – und dass wir nur diese eine haben. 

 

Viele kennen die Astronauten Maurer, Gerst, Merbold, Messerschmid, Walter, Reiter oder Furrer, den Kosmonauten Jähn. Die deutsche Raumfahrt ist bislang eine reine Männerdomäne. 

Christmann: Dass wir es mehr als 50 Jahre nach der Mondlandung noch immer nicht geschafft haben, eine einzige deutsche Astronautin ins Weltall zu bringen, ist sehr traurig. Es gibt die Initiative „Die Astronautin“, das unterstütze ich ausdrücklich. Warum sollten wir den Entdeckergeist der Frauen brach liegen lassen? Mithelfen können alle, die mit Kindern zu tun haben: Wir sollten den Mädchen früh genauso viel Begeisterung für Raumfahrt mitgeben wie den Jungs, und nicht schon im Kindesalter eine spätere Entwicklung vorgeben. Zudem sollten wir z.B. Talente in den MINT-Fächern fördern. Auch für die Raumfahrt gilt: Es gibt keine Männerjobs, es gibt nur Traumjobs. Ich habe nach meiner Berufung sehr viele positive Reaktionen erhalten. Es würde mich freuen, wenn diese Berufung auch junge Mädchen und Frauen motivieren würde, in diese Fortschrittsbranche zu gehen.

 

Werden die Zwanzigerjahre dieses Jahrtausends ein Raumfahrtjahrzehnt?

Christmann: Ja, definitiv. Die Europäische Union hat den richtigen Anspruch, dieses neue Zeitalter der Raumfahrt mitzugestalten. Wir Europäer können eigene Schwerpunkte setzen, beispielsweise beim Klimaschutz oder auf dem weiten Feld der Cybersicherheit. Längerfristig sollten wir die Vision haben, ein technologisch souveräner Standort als Grundlage für enge internationale Kooperation im Bereich der Raumfahrt zu sein.

 


Info

Die Grünen-Bundestagsabgeordnete Anna Christmann (38) wurde vor kurzem von Robert Habeck, Minister für Wirtschaft und Klimaschutz, zur Koordinatorin der Bundesregierung für die Luft- und Raumfahrt ernannt. Zudem ist sie - ebenfalls ehrenamtlich - Start-up-Beauftragte im BMWK. Die promovierte Politikwissenschaftlerin sitzt seit 2017 für den Wahlkreis Stuttgart II im Bundestag. In der vergangenen Legislaturperiode war sie u.a. Sprecherin für Innovations- und Technologiepolitik der Fraktion. Zudem war sie Obfrau in der Enquete-Kommission Künstliche Intelligenz. Vor ihrem Mandat leitete sie das Büro der Wissenschaftsministerin in Baden-Württemberg. 

Volker Thum, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands der Deutschen Luft- und Raumfahrtindustrie (BDLI), sagte: „Die Bundesregierung verfügt mit der Koordinatorin für Luft- und Raumfahrt Dr. Anna Christmann über vielfältige Expertise gerade in den für unsere Branche so wichtigen Bereiche der Innovationspolitik, Hochtechnologien und Wissenschaftspolitik. Wir freuen uns auf den Dialog und die Zusammenarbeit“. Mit Recht erwarte die neue Bundesregierung von der Luftfahrt eine geradezu sprunghafte Verringerung des ökologischen Fußabdrucks, so Thum: „Dazu ist sicher der Ausbau des erfolgreichen Luftfahrtforschungsprogramms notwendig, aber auch die Verifizierung disruptiver Technologien mit Hilfe von Technologie-Demonstratoren. Dies sind konkrete Investitionen in Fortschritt und in nachhaltige Zukunft. Unsere bundesweit ansässigen Unternehmen, vom Systemhersteller über mittelständisch geprägte Zulieferer bis zu Start-ups haben das Know-How, dass das klimaneutrale Flugzeug der Zukunft Made in Germany ist.” Wichtig sei, dass die im Koalitionsvertrag enthaltenen Kernpunkte zügig und konsequent umgesetzt würden. 

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