Interview
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Lebensmittelverband: Die größte Krise seit 70 Jahren

Christoph Minhoff, Hauptgeschäftsführer des Lebensmittelverbands Deutschland und der Bundesvereinigung der Ernährungsindustrie, ermahnt die Politik: „Wir brauchen dringend einen funktionierenden Plan für eine stabile Energieversorgung.” Die ganze Branche sei systemrelevant. 

Hans-Jürgen Deglow
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Lesezeit 3 Min

 

Supermarkt
Die Lebensmittelbranche ist von den letzten zwei Jahren gebeutelt. Neben Lieferengpässen aufgrund von Corona und des Krieges gibt es auch Ernteausfälle.  Foto: Jan Woitas/dpa-Zentralbild/dpa

Herr Minhoff, im Juni brachen die Verkäufe im Einzelhandel real um 8,8 Prozent ein. Das gab es seit 28 Jahren nicht. Im Lebensmittelhandel lagen die Umsätze im Juni real um 7,2 Prozent unter dem Vorjahresniveau. Würden Sie aus Sicht Ihres Verbandes von einer historischen Herausforderung sprechen?

Christoph Minhoff: Definitiv ja. Wir befinden uns in der größten Krise seit 70 Jahren. Ernteausfälle, Lieferengpässe durch Corona, Krieg in der Ukraine, mögliche Gasknappheit. Und alle sind betroffen, die gesamte Lebensmittelwertschöpfungskette, Logistik und Transport, Zulieferbranchen, Verpackungsindustrie. Wenn wir über Systemrelevanz sprechen, muss man diese ganze Kette auch immer mitdenken – Lebensmittel brauchen Rohstoffe, die meisten benötigen eine Verpackung und selbstverständlich müssen sie auch transportiert werden. Vor einigen Jahren haben wir aus Nachhaltigkeitsgründen in der Lebensmittelbranche umgestellt auf Gas – das ist jetzt das Resultat. Wir brauchen dringend einen funktionierenden Plan für eine stabile Energieversorgung.

 

90 Prozent der Bundesbürger befürchten weiter steigende Lebensmittelpreise. Man gönnt sich etwas daheim - ist diese Zeit erst einmal vorbei?

Minhoff: Im Moment kann niemand mit Sicherheit sagen, wann sich die Preise wieder stabilisieren und auf welchem Niveau sie sich einpendeln. Das hängt von der Entwicklung auf dem Weltmarkt ab – hier eine Prognose abzugeben, gleicht einem Blick in die Glaskugel.

 

 

Wie sicher sind Sie, dass Nachhaltigkeit ein Thema bleibt, wenn doch die Menschen wegen der Inflation und vor allem der steigenden Energiepreise jeden Euro zweimal umdrehen?

Minhoff: Fakt ist – es geht nicht mehr ohne nachhaltiges Wirtschaften, sprich ohne optimale Ressourcennutzung. Aber tatsächlich muss man sich die Frage stellen, ob jetzt die richtige Zeit ist, um eine Quote von 30 Prozent Ökolandbau auszurufen. Viele Landwirte haben nicht die Kapazitäten, sich jetzt um eine schnelle Umstellung zu kümmern. Und ob die Verbraucher dann die Bereitschaft zeigen, diese Anstrengungen zu honorieren und noch mehr für Lebensmittel zu zahlen, ist auch fraglich.

 

Sie sprachen jüngst davon, es sei eine Reduzierung vermeidbarer Lebensmittelverluste notwendig. Was meinen Sie damit?

Christoph Minhoff ist Hauptgeschäftsführer des Lebensmittelverbands Deutschland und der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie. Foto: S. Ritschel/Lebensmittelverband

Minhoff: Die Wirtschaft versucht durch effiziente Ressourcennutzung und Maßnahmen wie Reworks oder Upcycling möglichst wenig Lebensmittelverluste zu produzieren. Fakt ist aber auch, dass über die Hälfte der Lebensmittelverluste in privaten Haushalten anfallen und viele davon sind vermeidbar. Das heißt es werden Lebensmittel entsorgt, weil das Haltbarkeitsdatum als Wegwerfdatum interpretiert wird, weil mehr gekauft wird, als verbraucht wird, weil mehr gekocht wird, als dann gegessen wird. Hier müssen wir mehr Bewusstsein schaffen. Die Rohstoffe sind knapp und die Rohstoffpreise explodieren – dann dürfen wir diese wertvolle Ressource nicht einfach so wegschmeißen.

 

Die Unternehmen sind jetzt schon enorm belastet, die Kaufzurückhaltung wirkt. Wie kann der Staat gegensteuern? Gibt es beispielsweise bürokratische Regelungen, die auf den Prüfstand gehören, für Entlastung sorgen könnten?

Minhoff: Das Lebensmittelrecht ist generell bis ins kleinste Detail reguliert – zum Vorteil der Lebensmittelsicherheit und –qualität. Dennoch gibt es Stimmen, die noch mehr regulieren und verpflichtend machen wollen, zum Beispiel den Nutri-Score, die Reduzierung von Zucker, Fett und Salz oder auch ein mögliches Klimalabel. Dies sind Dinge, die einen festgelegten europäischen Rahmen benötigen, aber auch sehr gut auf freiwilliger Basis funktionieren. So kann jedes Unternehmen selbst entscheiden, mit welcher Geschwindigkeit es diese Wege mitgeht. Verpflichtungen in diesen Bereichen wären für einige Unternehmen eine zu große Belastung.

 

 

Sollte die Mehrwertsteuer auf Lebensmittel generell reduziert werden, um den Konsum anzukurbeln? Und wie stehen Sie zur Forderung, bei besonders gesunden Lebensmitteln wie Obst und Gemüse komplett auf die Mehrwertsteuer zu verzichten?

Minhoff: Das wäre zumindest einen Versuch wert. Ich halte aber überhaupt nichts davon hier Unterschiede zu machen und so eine politische Lenkung über unseren Speiseplan herbeizuführen. Wenn die Mehrwertsteuer gesenkt wird, dann bitte gleichmäßig auf alles.

 

Befürchtet Ihr Verband, dass bei einem Gasnotstand bestimmte Lebensmittel vorübergehend aus den Regalen verschwinden könnten?

Minhoff: Das ist ganz einfach – vorübergehend gibt es nicht. Diese Lebensmittel werden Sie dann mit großer Wahrscheinlichkeit nicht wieder finden. Der Umgang mit der Gastronomie während der Corona-Pandemie ist das beste Beispiel dafür. Viele Restaurants, Bars oder Cafes haben die Lockdowns schlicht nicht überlebt. Sie können doch nicht davon ausgehen, dass ein wirtschaftlich arbeitendes Unternehmen für ein paar Monate die Arbeit aussetzen kann und dann wieder anfängt und alles ist so wie vorher. Vor allem geht es ja auch nicht nur bloß um Produkte, es geht ja in erster Linie auch um Menschen. Über fünf Millionen Menschen arbeiten in der Lebensmittelbranche. Ich will nicht, dass auch nur einer von denen wegen einer nicht funktionierenden politischen Strategie um seinen Job fürchten muss.

 

 

Es gibt in diesem Zusammenhang auch eine Debatte über besonders systemrelevante Lebensmittel. Sind aus Ihrer Sicht bestimmte Produkte systemrelevant und sollte daher die Energieversorgung zur Herstellung garantiert werden? Oder führt diese Diskussion eher in ein gefährliches Fahrwasser, weil ein Produktionsstopp von ganzen Warengruppen Unternehmen in existenzielle Nöte bringen könnte? 

Minhoff: Die Debatte über Systemrelevanz im Lebensmittelbereich ist unsäglich. Ich möchte der Politik dringend davon abraten, so massiv in den Markt einzugreifen und die Verbraucher dahingehend zu bevormunden, dass der Staat entscheidet, was wir noch essen dürfen und was nicht und dass der Staat entscheidet, wer weiter arbeiten darf und wer seinen Job verliert. Der ganze Sektor ist systemrelevant und muss entsprechend bedacht werden. Anstatt also zu überlegen, wer eine Energieversorgung verdient hat und damit auch überleben kann und wer nicht, sollte sich die Oberen endlich darum kümmern, dass sich diese Frage gar nicht stellt, weil wir genügend Gas zur Verfügung haben werden.

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