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Jugendforscher Hurrelmann: Eine ganze  Generation im Dauer-Krisenmodus 

Nach Baden-Württemberg hat nun auch das Land Berlin erklärt, das Wahlalter auf 16 Jahre absenken zu wollen. Aus Sicht des Bildungsforschers Klaus Hurrelmann ein wichtiges Signal an junge Menschen, dass ihre Sorgen ernst genommen werden. 

Hans-Jürgen Deglow
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Klaus Hurrelmann
Bildungsforscher Prof. Klaus Hurrelmann. Nach langjähriger Tätigkeit an der Universität Bielefeld arbeitet er seit 2009 als Professor of Public Health and Education an der Hertie School in Berlin.  Foto: Peter Himsel/Hertie School of Governance/dpa

Herr Hurrelmann, wird es aus Ihrer Sicht wahrscheinlicher, dass auch im Bund bald das Wählen ab 16 kommen wird, kommen muss?

Klaus Hurrelmann: Nachdem jetzt schon sechs Bundesländer die Absenkung des Wahlalters auf 16 Jahre beschlossen oder umgesetzt haben, wird die Wahrscheinlichkeit größer, dass dieser Schritt auch auf Bundesebene erfolgt. Die Regierungskoalition hat das in ihrem Koalitionsvertrag ja auch festgelegt. Bemerkenswert ist, dass zum ersten Mal in einem Bundesland auch die CDU diesen Schritt mitträgt, nämlich in Baden-Württemberg. Das macht deutlich, wie stark sich in den letzten 20 Jahren die Einstellung hierzu in allen politischen Lagern verändert hat.

 

Warum ist es für unsere Demokratie so wichtig, dass junge Menschen noch vor Ihrer Volljährigkeit eine politische „Stimme” bekommen?

Hurrelmann: Das Wahlrecht ist in einer Demokratie das wichtigste Bürgerrecht, und es muss sorgfältig begründet werden, warum es bestimmten Menschen oder Gruppen von Menschen vorenthalten wird. Schon seit 30 Jahren können wir in wissenschaftlichen Studien nachweisen, dass die politische Urteilsfähigkeit deutlich unter dem 18. Lebensjahr einsetzt. Die körperliche und intellektuelle Entwicklung hat sich innerhalb von zwei Generationen stark beschleunigt, sodass heute schon zwölfjährige junge Menschen grundsätzlich in der Lage sind, zu erfassen, worum es bei einem Wahlvorgang geht. Deswegen plädiere ich schon seit langen dafür, das Mindestwahlalter abzusenken.

 

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Von Pandemie bis Kriegsfolgen - die junge Generation wird die Lasten besonders zu spüren bekommen. Ist auch aus diesem Grund mehr politische Teilhabe notwendig?

Hurrelmann: Kinder und Jugendliche haben heute über ihre Smartphones schon sehr früh Zugang zu allen Nachrichten, auch zu solchen aus dem politischen Bereich. Es bleibt ihnen gar nichts anderes übrig, als sich auch mit krisenhaften Konstellationen auseinander zu setzen und sich eine eigene Meinung hierzu zu bilden. Es sind bemerkenswerterweise die Angehörigen der jungen Generation, die sich aus dieser Haltung heraus kritisch gegenüber den Gefahren des Klimawandels äußern und auf konsequente Entscheidungen drängen. Auch mit den Folgen der Corona-Pandemie und mit der Angst der Ausbreitung des Krieges in der Ukraine auf ganz Europa müssen sich die jungen Menschen auseinandersetzen. Wird ihnen das Wahlrecht eingeräumt, dann können Sie sich auch aktiv an der politischen Meinungsbildung beteiligen.

 

Mehr Teilhabe auch der Ab-16-Jährigen, weil die ältere Generation ansonsten ein zu großes Übergewicht hat?

Hurrelmann: Wegen der Alterszusammensetzung der Bevölkerung in Deutschland können die über 50-Jährigen praktisch jede Wahl entscheiden, weil sie eindeutig in der Mehrheit sind. Bekommen die unter 18-Jährigen eine Stimme, werden damit ihre Positionen im politischen Spektrum der Parlamente stärker berücksichtigt. Das ist sicherlich ein wichtiger Nebeneffekt der Absenkung des Wahlalters.

 

Noch einmal zu Corona und zum Krieg gegen die Ukraine. Was machen diese Belastung, dieser permanente Ausnahmezustand, die Gegenwarts- und Zukunftssorgen mit jungen Menschen?

Hurrelmann: Es ist tatsächlich so, dass die Angehörigen der jungen Generation, die unter 30-Jährigen, sich jetzt sich über ihre ganze Lebensspanne hinweg in einem Dauer-Krisenmodus befinden. Beginnend mit den Anschlägen von New York über die Krise in Fukushima, die Welt-Wirtschaftskrise, die Klimakrise, die Corona-Pandemie bis hin zur Kriegsangst müssen Sie sich mit existenziellen Problemen und Belastungen auseinandersetzen. Ihnen das aktive Wahlrecht einzuräumen, ist deswegen auch ein Signal der Gesellschaft, dass ihre Sorgen und Wünsche ernst genommen und im politischen Diskurs berücksichtigt werden.

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