Riga
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In Rigas Petrikirche lebt die deutsch-lettische Freundschaft 

In einem Dankgottesdienst wurde in Lettlands Hauptstadt die Rückübertragung der historischen St. Petrikirche an die deutschsprachige evangelisch-lutherische Gemeinde gefeiert. Auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier war angereist.

Hans-Jürgen Deglow
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Lesezeit 4 Min
Lettland, Riga: Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier spricht beim Dank-Gottesdienst zur Wiedereinweihung der St. Petrikirche.  Foto: Britta Pedersen (dpa)

Am 17. September 2017 hielt Markus Schoch seinen letzten Gottesdienst in Riga. Nun ist er wegen eines feierlichen Anlasses zurückgekehrt - und begrüßt Letten und Deutsche zu einem gemeinsamen Dankgottesdienst. „Wir sind hier versammelt, um diese Kirche wieder ihrer eigentlichen Bestimmung zu übergeben - ein Haus Gottes zu sein.” Unter den Gästen: Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und sein lettischer Amtskollege Egil Levits. 

Prälat Schoch: Das ist ein Heimkommen

Schoch, geboren in Schwäbisch Hall, ist heute Prälat in Reutlingen. Für ist sei der Besuch in Riga wie ein „Heimkommen”, sagt er vor Beginn des Gottesdienstes. Er war immerhin fünf Jahre lang Pastor der evangelisch-lutherischen Gemeinde in Riga. Gefeiert wird nun die Rückübertragung der St. Petrikirche an die deutschsprachige St.-Petri-Gemeinde. Ab sofort ist eine gemeinsame Stiftung der Lettischen Evangelisch-Lutherischen Kirche und der deutschen St.-Petri-Gemeinde der Hausherr. Dass eine Lösung für die Zukunft der Kirche gefunden werden konnte, erfüllt Schoch mit großer Freude: „Das ist ein ganz besonderer Tag für diese Gemeinde, und auch für mich.”  Er hofft auch, dass die Gemeinde bald wieder einen eigenen Pastor bekommt, denn Schoch ist in seiner besonderen Verbundenheit „nur als Aushilfe” nach Riga gekommen. 

Ausgangspunkt der Reformation im Baltikum

Die Petrikirche wurde 1209 erstmals erwähnt. Von hier aus nahm im 16. Jahrhundert die Reformation im Baltikum ihren Ausgang: Nur wenige Jahre nach dem Thesenanschlag Martin Luthers 1517 in Wittenberg wurden die reformatorischen Ideen am 12. Juni 1522 in der Petrikirche deputiert, durch den Brandenburger Geistlichen Andreas Knöpken. Riga war damit eine der ersten Städte außerhalb Deutschlands, in der der Protestantismus Fuß fasste.

 

Deutsche Gemeinde war bis zum Zweiten Weltkrieg Eigentümerin

Die Rückübertragung an die deutsche Gemeinde wurde lange diskutiert. Sie war bis zum Zweiten Weltkrieg im Grundbuch als Eigentümerin eingetragen. Das unabhängige Lettland war vor rund 80 Jahren im Hitler-Stalin-Pakt der Sowjetunion zugeschlagen worden, bis es die deutsche Wehrmacht auf ihrem Ostfeldzug besetzte. Lettland gehörte dann bis 1991 zur Sowjetunion. Anders als andere kirchliche Gebäude wurde die Petrikirche nach der wiedererlangten Unabhängigkeit Lettlands nicht an eine religiöse Organisation zurückübertragen. Stattdessen war die Stadt Riga zuständig - die sie unter anderem als touristische Einnahmequelle nutzte. 

Steinmeier: Kirche ist die Lebendigkeit der Kultur

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und sein lettischer Amtskollege Egil Levits bei der Ankunft an der St. Petrikirche in Riga. In der Mitte, direkt neben den beiden Präsidenten, steht der Reutlinger Prälat Markus Schoch.  Foto: Hans-Jürgen Deglow

Die Verabschiedung eines Gesetzes machte nun den Weg frei für die Rückübertragung. Bundespräsident Steinmeier sagt dazu: „Ich bin dem lettischen Parlament, der Saeima, dankbar, dass sie in dem jüngst verabschiedeten Eigentumsgesetz die Vielfalt der Funktionen festgehalten hat, die diese einzigartige Kirche erfüllen soll. Die Kirche ist nun wieder ein sakraler Raum und zugleich bleibt deutlich: Kirche ist auch Miteinander; Kirche ist Reflexion; Kirche ist Erinnerung und Zukunft; Kirche ist die Lebendigkeit der Kultur.” Heute ist das Luthertum in Lettland die stärkste Konfession. Fast 25 Prozent der 1,9 Millionen Einwohner bekennen sich dazu. 

Lettlands Präsident Levits sagt in dem Gottesdienst: „Lettland ist immer ein Teil Europas gewesen. Und in allen Zeiten haben wir uns als Europäer und Europäerinnen gefühlt.” Die Worte Martin Luthers „Hier stehe ich und kann nicht anders” hätten einen festen Platz in der Weltgeschichte gewonnen, fügt er hinzu.  Levits erinnert auch an das Schicksal des ukrainischen Volkes, das im Krieg gegen Russland für seine Freiheit und seine Zugehörigkeit zu Europa kämpfe.

Lettische „Lambsdorff”-Bibel zum Altar getragen

Zu Beginn des Gottesdienstes wird eine lettische Bibel aus dem Jahre 1852 zum Altar getragen, die einst der Familie Lambsdorff geschenkt wurde. Die Familie hat diese Bibel fast 200 Jahre lang aufbewahrt und nach der Wiedererlangung der lettischen Unabhängigkeit der Nationalbibliothek zum Geschenk gemacht. 

Hagen Graf Lambsdorff (87), Diplomat und zuvor Journalist, war nach 1991 erster deutscher Botschafter in dem baltischen Staat. Für ihn ist der Besuch in Riga ebenfalls eine Art von Heimkommen. Begleitet wird er von seinem Sohn, Alexander Graf Lambsdorff, außenpolitischer Sprecher der FDP und im Bundestag Vorsitzender der deutsch-baltischen Parlamentariergruppe. 

Pakt bedeutete Ende der jahrhundertealten Präsenz der Deutschbalten

Steinmeier nennt in seiner emotionalen Ansprache die Petrikirche „ein Wahrzeichen Rigas, tief in der Geschichte dieser einzigartigen Stadt verwurzelt. Die Steine könnten von der wechselhaften Geschichte dieses Ortes sprechen, von Aufbruch und Niedergang, von Leid und Hoffnung. Ein Schicksal, das Riga und das ganze Land geteilt haben”, erinnerte er an den Pakt zwischen Nazi-Deutschland und Moskau. Der Pakt bedeutete auch das Ende der jahrhundertealten Präsenz der Deutschbalten. Steinmeier: „Dass nun heute mit dem geschwisterlichen Verbund der Petrikirchenstiftung die lettische Landeskirche und ihre deutschsprachige autonome Abteilung diesen Ort zu neuem Leben erwecken, dafür dürfen wir zutiefst dankbar sein.”

Die gemeinsame Geschichte wiederentdecken

Laut Steinmeier habe die Reformation „überall, wohin sie kam, Neues angestoßen – auch hier in Riga. Der Begriff der individuellen Freiheit, der Freiheit eines Christenmenschen, die Besinnung auf das Wort, all dies änderte auch den Blick von Deutschbalten und Letten auf ihr Verhältnis zueinander und auf ihre gemeinsame wechselhafte Geschichte”.  Und er betont: „Ich wünsche mir, dass Deutsche und Balten dieses Kapitel ihrer gemeinsamen Geschichte heute wiederentdecken, dass wir die Lehren aus unserer Geschichte beherzigen, wenn es darum geht, die Zukunft in unserem vereinten Europa zu gestalten.” Steinmeiers Hoffnung: „Die Petrikirche soll wieder Ort der Begegnung sein, ein Ort, an dem die versöhnte Verschiedenheit in Lettland als Teil unseres gemeinsamen Europas lebendig wird. Das besondere Geflecht unserer gemeinsamen kulturellen und spirituellen Wurzeln zeigt sich hier offenkundig.” 

Dass Letten und Deutsche gemeinsam Gottesdienste feiern, daran wird sich nichts ändern. Die Kirche gilt indes noch als sanierungsbedürftig. Der Bundestag hat Mittel für die Petrikirche bewilligt. Als ein besonderes Projekt gilt die Rekonstruktion der im Weltkrieg zerstörten Orgel. Die Petrikirche soll Ort gemeinsamer Kulturbegegnungen sein. 

Die Bremer Stadtmusikanten sind Nachbarn der Kirche

Steinmeier besteigt auch den Turm des Gotteshauses, von dem man weit über die Altstadt, ein Weltkulturerbe, blicken kann. Hinter der Petrikirche befindet sich ein weiteres Zeugnis tiefer deutsch-lettischer Verbundenheit: die Bremer Stadtmusikanten, Esel, Hund, Katze und Hahn. Angefertigt hat die Skulptur in Anlehnung an das Original die deutsche Künstlerin Christa Baumgärtel. Das Ensemble war ein Geschenk Bremens an Riga, es besteht eine Städtepartnerschaft. Eine entscheidende Rolle bei der Stadtgründung Rigas vor rund 800 Jahren spielte der Bremer Bischof Albert von Buxthoeven. Riga gehörte im Mittelalter zur historischen Landschaft Livland, die etwa die heutigen Staaten Lettland und Estland umfasste. Während dieser Zeit war die Stadt Sitz des Ordensmeisters des Deutschen Ordens in Livland.

Steinmeier hat nach dem Besuch in der Petrikirche seinen knapp zweitägigen Besuch in Lettland beendet. Am Montag hatte er am Gipfel der Drei-Meere-Initiative teilgenommen. Deutschland ist Partnerland der Initiative, in der sich zwölf EU-Staaten Mittel- und Osteuropas zusammengeschlossen haben, um enger zusammenzuarbeiten.

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