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„Die weltweite Hungerkrise ist Realität“

Weltweit hungerten 2021 mehr als 800 Millionen Menschen, Tendenz weiter steigend. Die Präsidentin von „Brot für die Welt“ sieht in Kriegen, Klimakrise, Inflation und einer verfehlten Agrarpolitik die Haupttreiber für Hungersnöte. 

Hans-Jürgen Deglow
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Lesezeit 4 Min
Dürre in Afrika
Kenia, Lomoputh: Zwei junge Mädchen ziehen Wasserbehälter auf dem Rückweg zu ihren Hütten. Die Länder am Horn von Afrika werden von der schlimmsten Dürre seit 40 Jahren heimgesucht.  Foto: Brian Inganga (AP)/dpa

Die mahnenden Worte, die die Präsidentin von Brot für die Welt zur Not vieler Millionen Menschen in der Welt findet, sind ein Alarmruf einer Organisation, die seit vielen Jahrzehnten vor allem im globalen Süden agiert: „Wir erleben jetzt gerade eine weltweite Hungerkrise. Sie droht nicht, wie einige Politikerinnen und Politiker sagen. Sie ist Realität“, sagte Dagmar Pruin. Auf der Jahrespressekonferenz legte sie erschreckende Zahlen für das Jahr 2021 vor - die Auswirkungen des Ukrainekrieges sind hier also noch gar nicht berücksichtigt. Etwa jeder zehnte Mensch gehe abends hungrig ins Bett und sei chronisch unterernährt, so Pruin. Weltweit hungerten 828 Millionen Menschen im Jahr 2021, 150 Millionen mehr als vor Ausbruch der Pandemie. Etwa 350 Millionen Menschen befinden sich in akuter Notlage.

Ein „tödlicher Mix“ für Millionen Menschen

Pruin verwies auf die Treiber des Hungers: Konflikte und Kriege, Klimakrise mit Dürren und Unwetterkatastrophen, die Inflation mit steigenden Energiepreisen, eine verfehlte Agrarpolitik, eine Schuldenkrise im globalen Süden - Pruin nennt dies einen „tödlichen Mix”. „Um Millionen Menschen vor dem Verhungern zu retten, müssen die reichen Industrieländer sofort mehr Geld für die Nothilfe bereitstellen“, fordert sie. Die Ausgaben für Entwicklungszusammenarbeit und humanitäre Hilfe müssten steigen: „Stattdessen möchte die Bundesregierung laut aktuellem Haushaltsentwurf den Entwicklungsetat kürzen. Das ist angesichts der Lage verantwortungslos“, sagte Pruin. Jedoch reichten kurzfristige Maßnahmen nicht aus, um den Hunger in der Welt dauerhaft zu überwinden. Pruin: „Die politischen Entscheidungsträger müssen auch die dahinterliegenden Ursachen entschlossen angehen und in der Agrarpolitik auf allen Ebenen umsteuern.” Es gelte, mit einem gerechteren und ökologisch-nachhaltigeren Ernährungssystem die armen Länder aus ihren Abhängigkeiten zu befreien. Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine habe die Hungerkrise nicht hervorgebracht, aber verschärft.

 

 

Arme Länder sind abhängig von Importen 

Nach Angaben von Brot für die Welt überschwemmen Überschüsse die Märkte armer Länder, verdrängten lokale Produzenten und führten zu Importabhängigkeiten. Arme Staaten sollten die Möglichkeit haben, ihre Agrarmärkte nach Bedarf zu schützen, zum Beispiel vor unfairen EU-Exporten, mahnt die Präsidentin. Pruin betonte, wie wichtig es sei, immer wieder auf die dramatische Entwicklung beim Thema Ernährung in der Welt hinzuweisen. Pruin: „Die Aufmerksamkeit muss hoch bleiben.“ Die vergangenen Monaten seien aber von einer „Blickverengung“ gekennzeichnet gewesen, der Krieg gegen die Ukraine habe andere Themen überlagert. Das ändere sich nun aber allmählich wieder, auch wegen der Debatte über die Abhängigkeit des globalen Südens von Weizen-Importen aus der Ukraine und Russland. Dagmer Pruin betonte: „Putin nutzt Weizen als Kriegswaffe. Das stimmt. Die Hungerzahlen steigen aber nicht erst seit dem 24. Februar dieses Jahres, sondern schon seit mehreren Jahren.“

„Das funktioniert ohne Umweltzerstörung und industriellen Dünger“

Dagmar Pruin, Präsidentin Brot für die Welt, stellt bei der Jahres-Pressekonferenz von der Organisation „Brot für die Welt” den Jahresbericht für das Jahr 2021 vor und spricht über die weltweite Ernährungskrise und mögliche Auswege.  Foto: Britta Pedersen/dpa

Brot für die Welt verwies auf eigene Projekte, die zeigten, wie man den Hunger effektiv und nachhaltig bekämpfen könne. In Burkina Faso zum Beispiel – einem der ärmsten Länder der Welt – werden Kleinbauern mit Methoden ökologischer Landwirtschaft vertraut gemacht. Die Menschen bauen jetzt traditionelle Hirsesorten an. Diese Hirse braucht weniger Wasser und keinen Kunstdünger oder Pestizide – und sie ist nährstoffreicher als importierter Weizen. „Um auf die nächste Krise besser vorbereitet zu sein, müssen in den ärmeren Ländern mehr gesunde Lebensmittel produziert werden“, sagt Pruin. „Das funktioniert auch ohne Umweltzerstörung und industriellen Dünger. Positiver Nebeneffekt: Die Menschen sind weniger abhängig von steigenden Preisen auf den Weltmärkten oder von Importprodukten.“

Brot für die Welt kritisiert auch, dass in Deutschland zu viel Anbaufläche für Biotreibstoffe und die Massentierhaltung verloren gehe. Es könnten mehr Nahrungsmittel produziert werden ohne geschützte Flächen umzupflügen, um etwa Brot-Getreide für Notlagen in anderen Ländern einzulagern. „Es landet in Deutschland zu viel Essen in Tank und Trog statt auf dem Teller der Menschen“, so Dagmar Pruin.

„Wir brauchen eine andere Landwirtschaft“

Francisco Marí, Referent Welternährung und Agrarhandel bei Brot für die Welt, kritisierte, dass die Agrarlobby die aktuelle Krise nutze, „um Fortschritte, die wir uns gewünscht haben“, nämlich bei der nachhaltigen Biodiversität, „zurückzufahren“. Die EU-Kommission hatte vergangene Woche den Mitgliedstaaten die Möglichkeit eingeräumt, geplante Umweltauflagen für den Getreideanbau zu lockern. Im Gespräch ist, die zugunsten des Artenschutzes geplante Stilllegung von vier Prozent der Ackerfläche auszusetzen. Das Argument Hunger ziehe hier aber nicht, erklärt Marí: Damit werde nur die Abhängigkeit von Weizen gefördert: „Wir brauchen nicht noch mehr Flächen für Weizen, nicht noch mehr Agrarchemie, sondern wir brauchen eine andere Landwirtschaft.“ Es gebe auch keine Mengenkrise, sondern eine Verteilungs- und Gerechtigkeitskrise. 

Konflikte treiben Bauern in die Flucht

Dagmar Pruin verwies darauf, dass die Menschen in Deutschland gerade erlebten, was die Steigerung der Lebensmittelpreise durch die Inflation für Menschen mit wenig Einkommen bedeute. In armen Ländern seien die explodierenden Preise für Lebensmittel, Dünger, Diesel und Strom zum Teil lebensbedrohlich. Die Folgen der Pandemie kommen hinzu: In den Städten haben Millionen wegen des Lockdowns und später wegen des Wirtschaftsabschwungs ihre Arbeit verloren und können jetzt ihre Familien nicht mehr ernähren. In vielen Regionen - zum Beispiel im Tschad oder Südsudan - führen bewaffnete Konflikte dazu, dass Bauern fliehen müssen und dann auf Ernährungshilfen angewiesen sind, weil sie ihre Felder nicht mehr bestellen können.

„Die Klimakrise befeuert die Hungerkrise“

Die Inflation verteuere nun auch Hilfslieferungen. Daher bräuchten internationale Hilfsorganisationen dringend mehr Geld. Zugleich mahnt die Präsidentin des evangelischen Hilfswerks Brot für die Welt steigende Mittel für die Klimaanpassung an: „Die Klimakrise befeuert die Hungerkrise. Doch die von der Ampel angekündigten sechs Milliarden Euro jährlich für Klimaschutz und Klimaanpassung sind zu wenig. Zumal bisher nur etwa vier Milliarden fest zugesagt sind.“ Notwendig seien acht Milliarden, fordert Brot für die Welt. 

Brot für die Welt ist ein Hilfswerk der evangelischen Landeskirchen und Freikirchen in Deutschland für die weltweite Entwicklungszusammenarbeit. 2021 wurde - auch mit Partnerorganisationen - in mehr als 1800 Projekten in fast 90 Ländern Entwicklungsarbeit geleistet. Neben Spenden und Kollekten sind kirchliche und Bundesmittel die beiden weiteren finanziellen Säulen von Brot für die Welt. Insgesamt standen dem Hilfswerk 2021 rund 312 Millionen Euro für die Entwicklungsarbeit zur Verfügung. 

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