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Die Rückkehr des Panthers 

Der Düsseldorfer Rüstungskonzern bewirbt seinen neuen Panzer als „Game-Changer für die Gefechtsfelder der Zukunft“. Der Beiname „Panther“ erinnert an einen gleichnamigen Wehrmachtspanzer - und erntet Kritik.

Hans-Jürgen Deglow
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Lesezeit 5 Min
So soll er einmal aussehen: der neue Panther-Panzer von Rheinmetall.  Foto: Rheinmetall

In der Bundeswehr ist es üblich, Panzer nach wilden Tieren zu benennen. Das machte zwar schon die Wehrmacht so, trotzdem lebte nach Ende des Zweiten Weltkrieges diese Tradition wieder auf, die Bezeichnungen gelten heute als politisch unverdächtig. Dass aber ein Rüstungskonzern nun sogar einen Panzer wieder wie ein Wehrmachtsmodell benennt, gilt auch in der Branche als ungewöhnlich.

Der Düsseldorfer Konzern Rheinmetall hat seinen neuen Panzer jetzt auf der europäischen Waffenmesse Eurosatory in Paris vorgestellt. Bezeichnung KF51. Beiname Panther. Stückpreis: noch unbekannt, die Entwicklung mit ihren vielen technologischen Neuheiten könnte aber teuer werden. Der Preis eines Schützenpanzers Puma wird beispielweise je Exemplar auf 17 Millionen Euro geschätzt.

 

Rheinmetall wirbt auf seiner Homepage für den KF51 Panther wie folgt: „Der Panther ist das neueste Mitglied aus Rheinmetalls Kettenfahrzeug (KF)-Familie und gehört zu den Game-Changern für die Gefechtsfelder der Zukunft. Das Kampfpanzerkonzept setzt in allen Bereichen – Wirkung, Schutz, Aufklärungsfähigkeit, Vernetzung und Mobilität – neue Maßstäbe.“ Die Hauptbewaffnung, eine 130mm-Kanone und vollautomatisch beladbar, biete eine „überlegene Feuerkraft gegen alle gegenwärtigen und absehbaren mechanisierten Ziele“.

Displays bieten eine 360-Grad-Rundumsicht

Zudem sei der Panzer besonders gut von oben geschützt – die älteren russischen Panzer-Modelle wurden vor allem in den ersten Kriegswochen reihenweise von modernen Lenkwaffen zerstört, die kurz vor ihrem Ziel eine Kurve fliegen können und von oben in die dort schlechter geschützten Panzer eindringen. Und: der neue Panther sei „vollständig gehärtet gegen Cyber-Bedrohungen“. Grundsätzlich ist er für drei Mann ausgelegt – Kommandant, Richtschütze und Fahrer. Sie haben über Displays sowohl bei Tag als auch bei Nacht eine 360-Grad-Rundumsicht.

„Wir versprechen uns viel internationale Aufmerksamkeit für dieses neue Spitzenprodukt deutscher Heerestechnik“, sagte Rheinmetall-Chef Armin Papperger. An Rheinmetalls Mitteilung zum neuen Panzer ist abzulesen, dass man im Rahmen der „Zeitenwende” auf viele weitere Investitionen hofft: „Der KF51 Panther ist der erste Vertreter einer neuen Gefechtsfahrzeugfamilie. In naher Zukunft wird es weitere Innovationen geben, die einen umweltfreundlichen Einsatz in Friedenszeiten und eine weitere Optimierung in Bezug auf Automatisierung und Effektivität ermöglichen.“

„Kommt dieser Panzer gegen Putin zum Einsatz?”

Der KF51 Panther gilt als Antwort auf Russlands Panzerneuheit T-14, dessen Geschützturm unbemannt ist und der auch oben gut gepanzert und trotzdem leichter als andere Modelle sein soll. In russischen Panzern sitzt die Crew heute im Gefechtsturm direkt über der Munition; schlägt dort ein Geschoss ein, explodiert die Munition und sprengt den Turm ab. Bisher wird der T-14 aber noch nicht in Serie produziert. Über den neuen Rheinmetall-Panzer schrieb die „Bild“ aber schon: „Kommt dieser Panzer gegen Putin zum Einsatz?”

Der Wehrmachts-Panther wurde in der Schlacht bei Kursk eingesetzt

Im Zweiten Weltkrieg wurde der Panzerkampfwagen V Panther vom Konzern MAN entwickelt und an die Wehrmacht ausgeliefert. Dessen Konstruktion galt als Antwort auf den sowjetischen T-34. Zum Einsatz kam der Panther u.a. an der Ostfront in Kursk, bei der wohl größten Panzerschlacht der Geschichte. Die russische Stadt Kursk liegt unweit der Grenze zur Ukraine.

 

Zur Wahl des Namens Panther für das moderne Rheinmetall-Modell sagte der Historiker Michael Wolffsohn unserer Redaktion: „Ich finde es unpassend, bin aber ziemlich sicher, dass die Akteure das nicht wissen. Ahnungslosigkeit ist deutscher Alltag.” Wolffsohn lehrte von 1981 bis 2012 Neuere Geschichte an der Universität der Bundeswehr München. 

Sevim Dagdelen: Namen sind nicht nur Schall und Rauch, sondern Symbole

Kritik äußert auch Sevim Dagdelen, Obfrau der Linkspartei-Fraktion im Auswärtigen Ausschuss des Bundestages und Sprecherin für Internationale Politik und Abrüstung. Die Duisburger Politikerin erklärte: „Namen sind nicht nur Schall und Rauch, sondern auch wichtige Symbole.” Sie fügte hinzu: „Es ist schon schlimm genug, dass es immer noch Bundeswehrkasernen gibt, die nach Hitlergenerälen benannt sind. Ein Kampfpanzer mit Wehrmachtsnamen zeugt mindestens von grober Geschichtsvergessenheit und kann nur als Zeichen eines neuen Militarismus gewertet werden. Rheinmetall steigen offenbar die erwarteten Riesenprofite durch das Aufrüstungsprogramm der Bundesregierung zu Kopf. Ich erwarte, dass die Verteidigungsministerin dieses Ansinnen eindeutig zurückweist.“

In der Wehrmacht gab es auch schon ein gepanzertes Fahrzeug namens Marder. Es handelte sich um einen Panzerjäger. 1971 kehrte der Name Marder als Rheinmetall-Schützenpanzer in der Bundeswehr zurück. Gepanzerte Fahrzeuge des deutschen Heeres sind unter den Namen Leopard, Luchs, Puma oder Wiesel bekannt, in der Wehrmacht hießen Panzer Tiger, Elefant oder eben Panther.

Der neue Panzer könnte den Leopard 2 ablösen

Laut eines Berichts des „Stern“ tritt der KF51 Panther in Konkurrenz zum Main Ground Combat System (MGCS), einer deutsch-französischen Kooperation zur Entwicklung eines Leopard 2-Nachfolgers, die seit 2012 besteht. Federführend bei MGCS sind Krauss-Maffei Wegmann (KMW) und die französische Nexter, die sich zu KNDS zusammengeschlossen haben. Rheinmetall ist zwar auch mit an Bord, fühlt sich aber, so berichtete das „Handelsblatt”, bei dem Projekt „außen vor gehalten”. Während das MGCS vermutlich erst ab 2040 zur Verfügung steht, soll der „KF51 Panther” bereits 2025 einsatzbereit sein. Erste Länder aus Osteuropa sollen schon Interesse bekundet haben. Wunschkunde wäre natürlich für die Waffenschmiede Rheinmetall die Bundeswehr. Ein Teil der von der Regierung für die Aufrüstung reservierten 100 Milliarden Euro ist für neue Kampfpanzer vorgesehen.

Forderungen an Olaf Scholz vor dessen geplanter Kiew-Reise 

Unterdessen wächst der Druck auf Bundeskanzler Olaf Scholz vor einem angekündigten Ukraine-Besuch, auch zu „liefern“. Der ukrainische Botschafter Andrij Melnyk hatte zu Wochenbeginn von Scholz die Zusage von Leopard-Kampfpanzern und Marder-Schützenpanzern gefordert. „Ohne deutsche schwere Waffen wird es uns leider nicht gelingen, die gewaltige militärische Überlegenheit Russlands zu brechen und das Leben von Soldaten und Zivilisten zu retten“, sagte Melnyk. Die „Wirtschaftswoche“ zitierte die Vorsitzende des Verteidigungsausschusses, Marie-Agnes Strack-Zimmermann (FDP), mit den Worten: „Der Besuch des Bundeskanzlers ist nur wirklich sinnvoll, wenn er auch etwas für die Ukraine im Gepäck hat.“ Dazu gehöre, dass Scholz „die umgehende Lieferung der erforderlichen Marder-Schützenpanzer zusagt und wir dies sofort umsetzen”, zitiert das Magazin die Düsseldorfer Politikerin. Selbiges gelte für den Wunsch nach Leopard-1-Panzern. „Hier muss das Wirrwarr dringend aufgelöst werden.”

Rheinmetall hatte am vergangenen Wochenende erklärt, man habe sechs Marder-Schützenpanzer instand gesetzt und könne diese sofort in die Ukraine liefern. Bereits zu Beginn des Krieges hatte das Unternehmen der Ukraine insgesamt 100 von der Bundeswehr ausrangierte Marder angeboten. Das Kanzleramt hatte damals auf die fehlende Einsatzbereitschaft der Panzer verwiesen.

Branche will als nachhaltig bewertet werden

Der große Traum der Rüstungsbranche ist derweil, als nachhaltig bewertet und damit noch interessanter für Investoren zu werden. Mit Blick auf ein EU-Regelwerk, das Investitionen in die Nachhaltigkeit unterstützen soll, strebt man eine Klassifizierung als sozial nachhaltig an. Keine Nachhaltigkeit ohne Sicherheit, lautet das Credo in der Branche. Papperger sagte vor kurzem dem „Focus”: „Das mag verrückt klingen, aber wir bauen vielerorts auf der Welt auch große Solarparks. Selbst unsere Radpanzer wird es bald als Hybrid geben. Nur im Kriegsfall würde dann noch ein Diesel zum Einsatz kommen. ESG ist für uns sehr wichtig.” Die ESG-Anlagekriterien umfassen die Themen Umwelt (Environment), Soziales und Führung (Governance). Aus der Branche war vor dem Krieg immer wieder zu hören, es fehle an gesellschaftlicher Wertschätzung, obwohl die Produkte immens wichtig seien, um Freiheit und Demokratie abzusichern.

„Wir sind bereit für Zukäufe”

Der völkerrechtswidrige Angriff Russlands macht nun den Weg frei für mehr Investitionen in Verteidigung. Rüstungsgüter sind so gefragt wie seit Ende des Kalten Krieges nicht mehr. In der Branche selbst konzentrieren sich die Kräfte: „Wir sind bereit für Zukäufe“, sagte Papperger jetzt dem „Handelsblatt“. Im vergangenen Jahr habe sein Unternehmen schon vier Firmen übernommen. „Mit dem deutlichen Anstieg unseres Aktienkurses wird es noch leichter für uns.” Seit Beginn des Kriegs in der Ukraine hat sich der Kurs von Rheinmetall verdoppelt, das Unternehmen stieg in den Leitindex Dax auf.

Die Panther-Panzerentwicklung zeugt vom erstarkten Selbstbewusstsein der Rüstungsindustrie. Besonders öffentlichkeitswirksam tritt Rheinmetall-Chef Papperger auf. Manchen in der Branche, heißt es, trete er manchmal fast etwas zu laut auf. Leiter „Internationale Strategieentwicklung und Regierungsbeziehungen”, sprich Cheflobbiyst des Düsseldorfer Konzerns, ist Dirk Niebel – ehemals Entwicklungshilfeminister und Ex-FDP-Generalsekretär.

Verkauf eines Gefechtsübungszentrums wegen Krim-Annexion gestoppt

Friedensaktivisten werfen der Firma vor, ein Profiteur des Ukraine-Kriegs zu sein. Während der Hauptversammlung bezogen jüngst rund 50 Demonstranten vor der Firmenzentrale Stellung und schwenkten Regenbogenfahnen. Die Aktivisten kreiden Rheinmetall u.a. an, dass es vor etwa einem Jahrzehnt ein Gefechtsübungszentrum nach Russland verkaufen wollte. Die Bundesregierung stoppte dies 2014 wegen Russlands Annexion der Krim und verhängte ein Ausfuhrverbot.

Neben dem 100 Milliarden Euro schweren Extratopf steht das Versprechen der Bundesregierung, wonach dauerhaft zwei Prozent der Wirtschaftsleistung in die Verteidigung fließen sollen. Das daran nicht gerüttelt wird, davon sollte aus Sicht der Branche auch die Politik dauerhaft überzeugt sein. Auf einer Anfrage unserer Redaktion nach Gesprächen mit der Politik antwortete Rheinmetall wie folgt: „Grundsätzlich steht Rheinmetall mit relevanten Personen aus Politik, Streitkräften und Gesellschaft regelmäßig im Dialog. Über Anzahl und Inhalte der Gespräche machen wir keine näheren Angaben.“

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