Interview
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Deutsche UNHCR-Chefin: Klimawandel erfordert entschlossenes Handeln  

Die Repräsentantin des UN-Flüchtlingshilfswerks in Deutschland, Katharina Lumpp, sagt: Wasserknappheit, steigende Lebensmittelpreise und andere Folgen des Klimawandels treffen Flüchtlinge besonders stark. 

Hans-Jürgen Deglow
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Lesezeit 5 Min
Katharina Lumpp leitet die UNHCR-Vertretung in Deutschland.  Foto: UNHCR/Emrah Gürel

Frau Lumpp, der dritte Teil des Sachstandsberichts des Weltklimarats ICC zur Erderwärmung liegt seit einigen Tagen vor. Was leiten Sie aus diesem Bericht für Ihre Arbeit und Ihr Thema ab?

Katharina Lumpp: Der Klimawandel ist eine zentrale Herausforderung unserer Zeit. Das gilt auch für den Flüchtlingsschutz. Im Zusammenspiel mit Flucht und Vertreibung verschärft der Klimawandel die Ursachen und Folgen von Vertreibung. Was Ursachen anbelangt, können eine Verknappung von natürlichen Ressourcen Konflikte verschärfen und zu Menschenrechtsverletzungen führen. Gleichzeitig entstehen neue Herausforderungen für Flüchtlinge und Aufnahmegemeinschaften in zahlreichen Ländern, die oftmals auch besonders stark vom Klimawandel betroffen sind und weniger Ressourcen haben, um den Folgen zu begegnen. Wasserknappheit, steigende Lebensmittelpreise und andere Folgen des Klimawandels treffen Flüchtlinge daher besonders stark. Deshalb braucht es entschlossenes Handeln, um den Folgen des Klimawandels entgegenzuwirken, und diejenigen zu unterstützen, die schon heute von den Auswirkungen besonders betroffen sind.

 

Welche Entwicklungen erwarten Sie für die nächsten Jahre beim Thema Klimaflüchtlinge? Wenn sich Klima ändert und es deshalb mehr Wetterextreme gibt, hat dies direkte Folgen für Millionen von Menschen. 

Lumpp: Wir beobachten, dass die ganz überwiegende Anzahl der Menschen, die aufgrund von klimabedingten Veränderungen zum Verlassen ihrer Heimat gezwungen ist, zum Beispiel durch extreme Wetterereignisse wie Dürren oder auch Überschwemmungen, im eigenen Land bleibt. Viele kehren zurück, sobald es die Bedingungen erlauben und sofern sie in ihrer Heimat weiterhin eine Lebensgrundlage haben. Das bedeutet, dass es gut sein kann, dass in den kommenden Jahren der Unterstützungsbedarf insbesondere für Binnenvertriebene sowie für jene, die in ihre Heimat zurückkehren möchten, zunimmt.

 

Müssen wir mit schärferen Verteilungskämpfen und mehr Konflikten rechnen? 

Lumpp: Der Klimawandel wird vor allem dann zu einem Faktor von Flucht, auch über internationale Grenzen, wenn er bereits bestehende Konflikte und politische, ethnische und soziale Spannungen weiter verschärft, die zu Gewalt und Verfolgung führen. Das sehen wir beispielsweise in der Sahelzone, wo 3,7 Millionen Menschen auf der Flucht sind. Die Folgen des Klimawandels führen in der Sahelzone immer häufiger zu Dürren und massiven Ernteausfällen, was zu Konflikten zwischen Bevölkerungsgruppen führt, und so zu Konflikten über Land und Wasser zwischen Bauern und Viehzüchtern. Die Gewalt hat auch zu Fluchtbewegungen in benachbarte Länder geführt, die sich mit Blick auf klimabedingte Wetterextreme und bewaffnete Konflikte mit ähnlichen Herausforderungen konfrontiert sehen.

 

Was können wir hier in Deutschland zur Bekämpfung von Fluchtursachen tun? 

Lumpp: Deutschland hat ein großes Gewicht weltweit, auch im internationalen Flüchtlingsschutz – sowohl als zweitgrößter humanitärer Geber, auch für UNHCR, als auch als großes Aufnahmeland von Flüchtlingen. Wichtig bleibt bedarfsorientierte humanitäre Hilfe. Es gilt auch, humanitäre Hilfe besser mit langfristiger Entwicklungszusammenarbeit zu verknüpfen, gerade auch um Ursachen von Flucht und Vertreibung entgegenzuwirken, aber auch um Aufnahmeländer und -gemeinschaften zu unterstützen. Dabei gilt es auch die Komponente der Friedensförderung einzuschließen. Dazu zählt, Strukturen vor Ort zu schaffen, Perspektiven zu eröffnen sowie Resilienz, auch mit Blick auf die Folgen des Klimawandels, zu fördern.

 

Mehr Resilienz schaffen bedeutet?

Lumpp: Die Ankunft, Unterbringung und Versorgung einer großen Zahl von Flüchtlingen hat an vielen Orten Auswirkungen auf die Umwelt. Sei es weil Flächen abgeholzt oder begradigt werden müssen oder weil Menschen Brennholz benötigen. Hier kann die humanitäre Hilfe von Beginn an entsprechende Maßnahmen einleiten, um bestenfalls Rodungen zu vermeiden, mindestens aber Wiederaufforstung zu betreiben, Bodenerosionen entgegenzuwirken, oder umweltfreundliche Alternativen zum Brennholz zur Verfügung zu stellen. Deutschlands Engagement in diesem Bereich sollte fortgesetzt werden.

 

Derzeit sind wieder Millionen Menschen auf der Flucht, dieses Mal mitten in Europa. Fürchten Sie eine Überlastung der aufnahmebereiten Staaten? Was wird speziell Deutschland erwarten?

Lumpp: Was sich im Zuge des Krieges in der Ukraine ganz wesentlich gezeigt hat, ist die große Solidarität und Aufnahmebereitschaft innerhalb Europas. Polen beispielsweise hat mehr als 2,5 Millionen Menschen aufgenommen und organisiert die Aufnahmen in großen Teilen unter der Einbeziehung von Freiwilligen. Auch hierzulande haben wir eine Welle der Solidarität bei der Ankunft von Flüchtlingen aus der Ukraine gesehen. Durch die Erfahrung aus den Jahren 2015 und 2016 kann Deutschland auf Erfahrungswerte bei der Unterbringung und der Bereitstellung von Integrationsangeboten für Ankommende zurückgreifen. Gleichzeitig bleibt die Situation unbeständig, sodass es nicht abzuschätzen ist, wie viele Menschen infolge des Krieges weiterhin gezwungen sein werden, ihre Heimat zu verlassen. Wichtig ist, dass die Staaten sich untereinander weiterhin solidarisch zeigen. Durch die EU-Solidaritätsplattform, an der Deutschland sich ebenfalls beteiligt, werden bereits Aufnahmen aus der Republik Moldau umgesetzt, um einen Staat zu entlasten, der gemessen an seiner Einwohnerzahl eine Vielzahl von Flüchtlingen aufgenommen hat. Solche Initiativen tragen dazu bei, diese große Aufgabe auf vielen Schultern zu verteilen.

 

Der Krieg in Ost-Europa könnte den Hunger in der Welt verschärfen. Ausgerechnet jetzt bricht in Ostafrika die nächste Krise aus. Die schlimmste Dürre seit 40 Jahren bedroht Hunderttausende Menschenleben. Wie stark haben Sie den Fokus auf Afrika gelegt?

Lumpp: UNHCR ist als Organisation weltweit vertreten. Wir sehen in vielen Regionen, wie sich Dürren und andere klimabedingte Veränderungen auf schwelende oder bestehende Konflikte und in ihrer Folge auf Flucht und Vertreibung auswirken. Im Rahmen des Mandats reagieren wir auf solche Entwicklungen und auf die resultierenden humanitären Bedarfe.

 

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Auch andere Regionen erleben immer wieder Fluchtwellen. So herrschen in Afghanistan seit rund 40 Jahren Kriegszustände. Zur Furcht vor den Taliban kommt heute, dass rund zehn Prozent der Bevölkerung unter Dürre und Hunger leiden. Fürchten Sie, dass die Binnen-Fluchtbewegungen zunehmen werden?

Lumpp: Die Hälfte der afghanischen Bevölkerung ist von akuter Ernährungsunsicherheit betroffen. Von den insgesamt 3,5 Millionen Binnenvertriebenen im Land sind sind 80 Prozent Frauen und Kinder, die besonders vulnerabel sind. Humanitäre Hilfe und Maßnahmen der Entwicklungszusammenarbeit sind unabdingbar, um weiterer Vertreibung entgegenzuwirken.

 

Welche Bedeutung wird heute der Genfer Flüchtlingskonvention beigemessen? 

Lumpp: Die Genfer Flüchtlingskonvention ist in den letzten Jahren zunehmend unter Druck geraten, nicht zuletzt durch mangelnde Solidarität und Verantwortungsteilung unter Staaten. Gleichzeitig ist sie relevanter denn je, weil sie bis heute in ihrer praktischen Anwendung das Fundament des internationalen Flüchtlingsschutzes bildet. Sie hat geholfen, Millionen Menschen zu schützen, die vor schwerwiegenden Menschenrechtsverletzungen und Verfolgung aus ihrer Heimat fliehen mussten.

 

Was ist aktuell Ihre größte Sorge?

Lumpp: Es ist wichtig, Situationen von Flucht und Vertreibung außerhalb Europas nicht aus den Augen zu verlieren. Egal, ob wir nach Syrien, Afghanistan, nach Jemen, Myanmar, in die Sahelzone, nach Venezuela oder DR Kongo schauen, an vielerlei Orten der Welt gibt es ungelöste und anhaltende Konflikte, die Menschen in die Flucht treiben, die auf Hilfe und Schutz angewiesen sind.

 


Zur Person

Katharina Lumpp ist seit Januar 2021 Vertreterin des Hohen Flüchtlingskommissars der Vereinten Nationen in Deutschland. Sie vertritt in Berlin das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) gegenüber der deutschen Regierung, dem Parlament, der Zivilgesellschaft sowie anderen Partnern und leitet die Organisation in Deutschland.

Katharina Lumpp hat langjährige internationale Erfahrung im Flüchtlingsschutz und leitet nach 2015 die deutschen UNHCR-Büros bereits zum zweiten Mal, nachdem sie von 2017 bis 2020 die UNHCR-Operation im größten Flüchtlingsaufnahmeland der Welt, der Türkei, führte. Vor ihrem Einsatz dort war sie in Amman, Jordanien, tätig, wo sie die Abteilung für internationalen Flüchtlingsschutz im UNHCR-Büro für Nordafrika und den Nahen Osten leitete. Zuvor war sie stellvertretende Leiterin des UNHCR-Regionalbüros für Südeuropa. Katharina Lumpp war zudem mehrere Jahre für UNHCR in Afghanistan und Ägypten tätig und nahm an verschiedenen Nothilfeeinsätzen teil, etwa in der Demokratischen Republik Kongo im Jahre 1996, während der Kosovo-Krise (1999) in der früheren Jugoslawischen Republik Mazedonien sowie der Elfenbeinküste im Jahre 2006.

Am 9. April ist Katharina Lumpp ein Gast der Königsbronner Gespräche, eine außen- und sicherheitspolitische Diskussionsreihe, zu der zum zehnten Mal der Heidenheimer Sicherheitspolitiker Roderich Kiesewetter (CDU), die Konrad-Adenauer-Stiftung und der Bundeswehrverband einladen. In diesem Jahr stehen die Folgen klimatischer Veränderungen für die Außen- und Sicherheitspolitik im Fokus. Weitere Diskussionsteilnehmer sind u.a. Wehrbeauftragte Eva Högl, Oberst André Wüstner, Vorsitzender des Bundeswehrverbandes und der Militärhistoriker Sönke Neitzel. 

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