Interview
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Club-of-Rome-Forscher: Es mangelt an Einheit beim Klimaschutz

Professor Peter Milling war vor 50 Jahren maßgeblich am Entstehen des wegweisenden Reports „Die Grenzen des Wachstums” beteiligt. Im Interview erklärt der heute 77-Jährige, wie die Studie entstand, warum er mit weiteren Verteilungskonflikten rechnet, wie er Fridays for Future findet und was Demokratie mit Klimaschutz zu tun hat. 

Hans-Jürgen Deglow
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Lesezeit 6 Min
Klimaschützer fordern Abkommen gegen Entwaldung
Holzstämme werden in einem brasilianischen Sägewerk gestapelt, das von kürzlich verkohlten und abgeholzten Feldern umgeben ist. Trotz Beteuerungen der brasilianischen Regierung zum Schutz des Regenwaldes geht die Abholzung im brasilianischen Amazonasgebiet bisher in großem Maßstab weiter.  Foto: dpa/Andre Penner (AP)

Herr Professor Milling, Sie gehören zu den Mitautoren des Reports „Grenzen des Wachstums“, haben in Boston eng mit Jay W. Forrester zusammengearbeitet, unter dessen Federführung und unter der Leitung von Dennis Meadows die Studie für den Club of Rome entstand. Wie gingen Sie damals vor?

Peter Milling: Forresters analytische Methode der Systemdynamik ging weit über das bloße verbale Beklagen von Fehlentwicklungen voraus, seine Methode half uns, die ganzen Implikationen der vielseitigen, gegenseitigen Abhängigkeiten zu untersuchen. Ich war damals Assistent am Industrieseminar der Universität Mannheim. Forrester lud Mitglieder des Club of Rome, unter anderem auch mich, an das MIT in Boston ein, um an der Studie mitzuwirken. Gemeinsam mit einem Kollegen Erich Zahn blieben wir 15 Monate in dem Forschungsprojekt. Die Grundzüge des späteren Simulationsmodells für die Grenzen des Wachstums hatte uns Forrester während eines Fluges auf einer Papierserviette skizziert.

 

Die Weltrettung passt auf eine Papierserviette?

Milling: Zumindest die Grundprinzipien: Der Report sollte verschiedene Szenarien und Zusammenhänge zwischen Bevölkerungswachstum, Industrialisierung, Umweltbelastung, Nahrungsmittelproduktion, Rohstoffausbeutung und Zerstörung untersuchen. So wurden Szenarien mit unterschiedlich hoch angesetzten Rohstoffvorräten der Erde berechnet oder eine unterschiedliche Effizienz von landwirtschaftlicher Produktion, Geburtenkontrolle oder Umweltschutz angesetzt. Die Methode Forresters hat zentrale Variablen berücksichtigt, hochkomplexe Interaktionen und Hürden nachvollziehbar aufgezeigt. Die eigentliche Studie umfasste schließlich gut 200 Seiten – eine Serviette hat nicht gereicht.

 

 

Wenn man den aktuellen, besorgniserregenden Bericht des Weltklimarates liest, ist wenig zum Schutz des Klimas passiert. Wie schauen Sie heute auf diese Entwicklung?

Milling: Damals lebten die meisten Menschen im Glauben, dass wir in einer Zeit des praktisch unbegrenzten Wachstum leben würden, und dies für lange, lange Zeit. Bedenken wollte kaum jemand hören. Die grundlegende Problematik ist aber immer noch, dass es sich um Probleme handelt, die uns möglicherweise nicht unmittelbar, sondern nur in ferner Zukunft tangieren. Und deswegen ist auch die Bereitschaft zu einschneidenden Handlungen relativ begrenzt. Im letzten Wahlkampf sagten viele, wir müssen etwas tun, auch über Energiepreise den Klimaschutz steuern. Und wir müssten uns einschränken. Nun wird Krieg in Osteuropa geführt, Energie wird noch knapper und noch teurer. Auf einmal ist von der Begeisterung, dass wir uns wegen des Klimas einschränken müssen und dass alles teurer werden soll, ja teurer werden muss, damit wir uns auch tatsächlich einschränken, relativ wenig zu hören. Jetzt wird alles konterkariert, man spricht sogar wieder über Subventionen, um die hohen Kosten zu dämpfen.

 

Die Grenzen des Wachstum sind längst erreicht?

Milling: Die Grenzen des Wachstums sind überschritten. Es ist illusorisch zu glauben, dass der materielle Lebensstandard, wie wir ihn in Europa oder in den USA kennen, auf die ganze Weltbevölkerung übertragbar sein könnte. Das aber will auch in dieser Schärfe wohl kein verantwortlicher Politiker sagen. Wir müssen mittelfristig mit erheblichen Verteilungskonflikten und Krisen rechnen.

 

 

Ihr Report hat aber zweifellos ein viel breiteres Bewusstsein zum Erhalt der Lebensgrundlagen geschaffen, oder?

Milling: Natürlich ist der Bericht damals in einer interessierten Öffentlichkeit wahrgenommen worden. Aber 1972 und in den Jahren danach haben viele auch irritiert und mit hochgezogenen Augenbrauen reagiert. Unser Report wurde zuweilen wie eine Prophezeiung gewertet, dass die Welt bald untergehen würde. Das hört niemand gerne, und es war auch keine Weltuntergangsprophezeiung. Aber auch aus der Wissenschaft selbst gab es Gegenwind.

 

Inwiefern?

Milling: Es wurden Fragen gestellt: Wo kommen denn eure Daten her? Das es wirklich generell akzeptiert wurde, hat bestimmt 25, 30 Jahre gedauert, auch weil erkannt wurde, dass die Grenzen des Wachstums wirklich überschritten sind. Aber leider wird auch seit der Jahrtausendwende immer noch gefragt: Die Lage sei zwar schlimm, aber kann man mit den Konsequenzen nicht noch ein bisschen warten? Letztlich werden die Konsequenzen für den Ressourcenverbrauch immer weiter nach hinten verschoben. Erst war es der saure Regen, dann kam die CO2-Problematik, die Bedrohung der Artenvielfalt, die Perspektive hat sich immer wieder verschoben. Das Grundproblem blieb: Die Welt verbraucht zu viele Ressourcen und dies auch noch ohne zusammenhängende Logik.

 

Sind Sie darüber traurig, dass so wenig bewegt wurde, dass deshalb der Zustand des Klimas dramatisch ist und auch der Ressourcenverbrauch weiterhin schier grenzenlos scheint?

Milling: Es macht mich vor allem betroffen, dass wir mit der Bewahrung der Schöpfung nicht weiter gekommen sind, gerade, was das biologische Umfeld, die Fauna und Flora, betrifft. Das ist schon sehr besorgniserregend, das macht mir Sorgen.

 

Wie bewerten Sie die Fridays-for-Future-Bewegung?

Milling: Das Engagement der vielen jungen Leute ist begrüßenswert, sie haben erkannt, dass enormer Handlungsbedarf besteht. Allerdings bin ich etwas skeptisch, ob es der Sache dient, wenn man sich von zu großem Sendungsbewusstsein treiben lässt. Das kann Menschen abschrecken, hilft der Sache nicht, sondern schadet eher. Denn niemand ist im Besitz der absoluten Wahrheit. Ein Beispiel: Vor kurzem haben wir erlebt, dass Klimaaktivisten der Kampagne „Essen Retten“ Autobahnen blockiert haben. Die Botschaft: Ihr anderen seid alle auf der falschen Spur! Aber sind sie das? Ich teile das nicht. Die Frage muss doch lauten: Wie bekommen wir alle ins Boot, um mehr Klima- und Umweltschutz zu erreichen? Ein Wissenschaftler muss sich im übrigen immer darüber klar sein, dass die erarbeiteten Erkenntnisse der kritischen Prüfung unterworfen werden müssen, dass sie eventuell verbessert oder korrigiert werden müssen. Vielleicht folgt eine andere Perspektive, die auch zutreffen könnte.

 

Peter Milling ist Mitautor der Studie „Die Grenzen des Wachstums” des Club of Rome, die am 2. März 1972 erschien.  Foto: privat

Die Bertelsmann-Stiftung hat vor kurzem eine Studie vorgelegt, laut der erstmals seit Beginn der Erhebung im Jahre 2004 die Zahl der Autokratien in der Welt größer als die der Demokratien. Von 137 untersuchten Ländern sind nur noch 67 Demokratien. Die Zahl der Autokratien steigt auf 70. Sind globale Umweltziele schwerer zu erreichen, wenn Autokratien dominieren?

Milling: Ja, ich sehe eine solche Entwicklung mit großer Sorge. Als wir angefangen haben mit den „Grenzen des Wachstums“, hatten Indien und China schon eine riesige Bevölkerung. Doch die Länder haben sich sehr unterschiedlich entwickelt. China hat eine restriktive Bevölkerungspolitik verfolgt, die Ein-Kind-Politik und eine enorme wirtschaftliche Entwicklung realisiert. Bevölkerungsexplosion gefährdet den Wohlstand und bringt Länder über die Grenzen des Wachstums. Das chinesische Model mag Vorbildcharakter haben für andere, aber zu welchem Preis? Eine solche Politik verlangt ein autokratisches Verständnis.

 

Der IPCC-Klimareport hat bekanntlich ein düsteres Bild vom Zustand des Klimas gezeichnet. Mangelt es einfach an Erkenntnis, was der richtige Weg für mehr Klimaschutz ist?

Milling: Es mangelt an Einheit. Ich möchte es mit dem Vorgehen auf EU-Ebene erklären. Man hat den Eindruck, als wenn es einen Wettbewerb gäbe, möglichst anspruchsvolle Ziele zu formulieren und diese dann auch schnell wieder zu überbieten, ohne zu berücksichtigen, wie und ob etwas überhaupt realisierbar ist. Der Blick auf die verschiedenen Facetten geht verloren. Ich bin etwa der Überzeugung: Der Verzicht auf Atomkraft und das weitere Abschalten von Atomreaktoren ist ein großer Fehler. Erneuerbare Energien können die Lücken nicht so schnell und nachhaltig schließen, wie es wünschenswert wäre. Die deutsche Haltung wird sich nicht allgemein durchsetzen.

 


Info

Peter Milling, geboren 1944 in Cottbus, studierte an der Universität Mannheim Betriebswirtschaftslehre, promovierte dort 1972 und habilitierte sich 1979. Von 1981 bis 1991 war er Professor für Betriebswirtschaftslehre in Osnabrück und war bis zu seiner Emeritierung Professor für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre und Industrie an der Universität Mannheim. Von 1998 bis 2005 war er dort zudem Direktor des Instituts für Mittelstandsforschung.  Milling wirkte 1972 an der Studie „Die Grenzen des Wachstums” mit, ist Mitglied des Club of Rome und Vorstand der Deutschen Gesellschaft Club of Rome e.V.  Die Studie zur Zukunft der Weltwirtschaft wurde am Massachusetts Institute of Technology erstellt und von der Volkswagenstiftung finanziert.  Beauftragt hatte sie der Club of Rome. Bis heute sind von diesem Buch über 30 Millionen Exemplare in 30 Sprachen verkauft worden. Die Studie beruht auf einer Computersimulation. Donella und Dennis Meadows und deren Mitarbeiter am Jay Wright Forresters Institut für Systemdynamik führten dabei eine Systemanalyse verschiedener Szenarien durch.

 

Ein halbes Jahrhundert nach dem aufrüttelnden Report des Club of Rome hat die Organisation jetzt nachgelegt. Der erzielte Bewusstseinswandel reiche nicht aus, schrieben der Präsident der Deutschen Gesellschaft des Club of Rome, Mojib Latif, und der Vizepräsident Christian Berg in einem zum 50. Jahrestag des Reports veröffentlichten Papier. Es trägt den Titel „Für ein neues Klima! 7 Thesen für einen gesellschaftlichen Wandel”. Heute gebe es auch dank des am 2. März 1972 vorgestellten Reports ein breites Bewusstsein zum Schutz der Lebensgrundlagen. Doch „aus Einsicht allein folgt selten Veränderung”, betonen Latif und Berg.  Umfassende Veränderungen seien in allen Bereichen der Gesellschaft wichtig, heißt es nun in dem aktuellen Papier. „Jeder und jede steht in der Pflicht, niemand kann sich wegducken”, schreiben der Klimaforscher Latif vom Institut Geomar in Kiel und der Autor Berg. „Wir brauchen einen Perspektivwechsel, weg vom sinnlosen Kampf um den Erhalt des Status quo hin zu einem Klima, das Lust macht auf Veränderung.” Zudem seien umfassendere Analysen bestimmter großangelegter Projekte nötig. So habe etwa die Förderung der Bio-Energiepflanzen dazu geführt, dass es weitere Monokulturen von Mais und Raps gebe, die Pestizide und Dünger benötigten und die Artenvielfalt schädigten. Wichtig sei auch „eine Kultur der Zukunftsoffenheit”. 

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