Flutkatastrophe
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BBK-Präsident Schuster: Flut hat Bewusstsein für Krisenprävention geschärft

Ein halbes Jahr nach der Flutkatastrophe im Westen Deutschlands ist nach Ansicht von Armin Schuster, Präsident des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK), ein Bewusstseinswandel erkennbar: Investitionen in Technik, Ausrüstung, Ausbildung und die Unterstützung des Ehrenamtes durch das Hochwasser seien noch stärker in den Mittelpunkt gerückt. Aus Sicht des BBK gewinnen auch Drohnen im Katastrophenschutz zunehmend an Bedeutung.

Hans-Jürgen Deglow
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Lesezeit 3 Min
Nach der Flut im Ahrtal
Zahlreiche Häuser am Ufer der Ahr waren bei der Katastrophe so stark beschädigt worden, dass sie mittlerweile abgerissen werden mussten. Foto: dpa  Foto: Boris Roessler (dpa)

Armin Schuster, Präsident des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK), betont ein halbes Jahr nach der Flut im Westen Deutschlands: „Diese verheerende Katastrophe hat das durch die Pandemie ohnehin gestiegene Bewusstsein für Krisenprävention noch einmal geschärft. Das ist in allen Bereichen der Gesellschaft, im institutionellen und auch privaten Bereich zu spüren.“

Er verwies darauf, dass das BBK bereits im März 2021 mit seiner Neuausrichtung dazu einige Reformvorschläge auf den Weg gebracht hatte. Schuster sagte unserer Redaktion: „Wichtige Punkte wie eine bessere Koordination aller Akteure im Bund, den Ländern und Hilfs-/Rettungsorganisationen, Investitionen in Technik, Ausrüstung, Ausbildung und die Unterstützung des Ehrenamtes sind durch das Hochwasser noch stärker in den Mittelpunkt der Bemühungen auf allen Ebenen gerückt. Wir sind deshalb optimistisch, zusammen mit den Ländern das BBK künftig auch in zivilen Krisenlagen stärker ins Spiel bringen zu können.“

 

„Für sehr viele Menschen ist die Katastrophe noch nicht vorüber“

Der BBK-Präsident betonte weiter: „Bei dem jetzt vorwärts gerichteten Blick vergessen wir aber nicht, dass für sehr viele Menschen die Katastrophe noch immer nicht vorüber ist. Abgesehen von den schlimmen Erinnerungen, die wohl für immer bleiben, wird es noch eine ganze Zeit dauern, bis alle betroffenen Menschen wieder ein eigenes Dach über dem Kopf haben und die zerstörte Infrastruktur wieder wie gewohnt zur Verfügung steht.“ In den Flutgebieten sei aber auch schon Immenses erreicht worden, „und das ist vor allem der riesigen Hilfsbereitschaft und Solidarität in der Bevölkerung in den letzten Monaten zu verdanken – vom ehrenamtlichen Feuerwehrmann über spontan helfende Jugendliche bis zur lokalen Unternehmerin“. Auf Einladung des Amtes hatten kurz vor Weihnachten rund 120 Betroffene, Helfende, Wissenschaftler ihre Erlebnisse aus der Flutkatastrophe geschildert und Erfahrungen geteilt.

 

Häuser und Infrastruktur wurde zerstört

Bei der Flutkatastrophe Mitte Juli kamen mehr als 180 Menschen ums Leben, viele Häuser und Infrastruktur wie Bahnlinien wurden in Rheinland-Pfalz und NRW komplett zerstört. Das Ausmaß der Flut Mitte Juli wurde erst in den folgenden Tagen deutlich, aus ganz Deutschland eilten Hilfskräfte in das Katastrophengebiet.

Nach Angaben des Bundesamtes wirkt sich auch die fortlaufende Digitalisierung auf den Bevölkerungsschutz aus. Der Einsatz von Drohnen, Künstlicher Intelligenz oder Datenvisualisierungen von Geoinformationen seien heute wichtige Werkzeuge mit viel Potenzial. Digitale Instrumente im Bevölkerungsschutz sind heute beispielsweise die Nutzung von Geodaten und Daten der Fernerkundung zur Lagebilderstellung, auch gibt es Online-Lernangebote der Bundesakademie für Bevölkerungsschutz und Zivile Verteidigung. Das BBK befasst sich auch im Rahmen von Forschungsprojekten mit der Nutzung zukunftsgerichteter Anwendungen wie der Nutzung von Telemedizin oder simulationsgestützter Analysen von Patiententransportlogistik für Einsatzlagen mit einer hohen Verletztenzahl.

Ausfälle digitaler Systeme sind ein Risiko

Beim BKK ist man sich aber des Risikos bewusst, dass mit stärkerer Digitalisierung die Abhängigkeit von der Technologie steigt. Ausfälle von IT-gestützten Systemen, ob durch einen Cyberangriff, eine Fehlbedienung oder ein Naturereignis, haben laut BBK schon heute gravierendere Folgen als noch vor zehn Jahren. Ein solches Krisenszenario steht im Mittelpunkt der nächsten Länder- und ressortübergreifenden Krisenmanagementübung (Lükex) im kommenden November. 

Drohnen helfen bei Ortung Vermisster und bei Lageerkundung

Wegen anhaltenden Regens hatten erst zu Jahresbeginn Drohnen die Ahr überwacht. Tatsächlich gewinnen laut BBK Drohnen im Katastrophenschutz zunehmend an Bedeutung. Sie stünden bereits jetzt vielen Feuerwehren, Hilfsorganisationen oder dem THW zur Verfügung. Drohnen werden bei der Lageerkundung, Lagedarstellung und Personensuche eingesetzt und liefern auch in schwierigen Situationen – wie eben bei großflächigen Überschwemmungen – schnell ein sehr genaues Bild. Gerade durch ständige technische Weiterentwicklungen, sowohl bei den Fluggeräten als auch bei der Sensortechnik oder Datenübertragung, werde sich das Einsatzspektrum von Drohnen im Katastrophenschutz künftig noch erweitern, hießt es im BBK. Bei der Flutkatastrophe im Juli 2021 war es beispielsweise möglich, 3D-Modelle der Einsatzorte und 360-Grad-Aufnahmen anzufertigen. Drohnen kamen auch bei der Beobachtung der Abbruchkante des Überschwemmungsgebiets bei Erftstadt zum Einsatz.

Die damalige Bundesforschungsministerin Anja Karliczek (CDU) hatte Anfang Dezember 2021 die Förderung eines Projektes auf den Weg gebracht, mit dem Warnung und Evakuierung in Katastrophengebieten verbessert werden soll. „HoWas2021 - Governance und Kommunikation im Krisenfall des Hochwasserereignisses im Juli 2021“ soll insbesondere Risikovorhersagen, Krisenkommunikation und Katastrophenmanagement bei Extremwetterlagen optimieren. Das BBK ist hier Partner. 

Info: Der Schutz der Bevölkerung durch Gefahrenabwehr und Vorsorgemaßnahmen ist Ländersache, so sieht es das Grundgesetz vor. Die Länder müssen die erforderlichen personellen und materiellen Ressourcen vorhalten und das operative Krisen- und Koordinierungsmanagement übernehmen. Nach Artikel 73 Absatz 1 Nummer 1 des Grundgesetzes (GG) ist der Bund nur für den Schutz der Bevölkerung im Spannungs- und Verteidigungsfall (sog. Zivilschutz) zuständig. Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) darf aber bei Katastrophenfällen koordinierend und unterstützend tätig werden.

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