Lesezeichen setzen Merken

Altershilfe: Die Sorgestrukturen müssen krisenfester werden

Angesichts der sich häufenden Krisen und Katastrophen fordert der Vorsitzende des Kuratoriums Deutsche Altershilfe (KDA), Helmut Kneppe, eine Stärkung von Freiwilligen-Hilfe, Katastrophenschutz und der Sorgestrukturen.

Hans-Jürgen Deglow
  |    | 
Lesezeit 3 Min
Ein Freiwilliger hilft am Grenzübergang im polnischen Medyka einer Geflüchteten in einem Rollstuhl, die vor dem Krieg aus der benachbarten Ukraine geflohen ist. In Deutschland sind inzwischen rund 370.000 Flüchtlinge eingetroffen.  Foto: Sergei Grits (AP)/dpa

Wenn es um die Bewältigung von Krisen geht, spielt die ehrenamtliche Hilfe oft eine besondere Rolle. „Es ist beeindruckend, wie groß die private Hilfsbereitschaft in Deutschland ist“, sagt Helmut Kneppe, Vorsitzender des Kuratoriums Deutsche Altershilfe (KDA), das u. a. Nachbarschafts-Netzwerke im Bereich der Seniorenarbeit fördert. Sei es 2015 bei der Aufnahme der Kriegsflüchtlinge aus Syrien, so Kneppe weiter, sei es nach der Flutkatastrophe an der Ahr, sei es jetzt, bei der Aufnahme der Geflüchteten aus der Ukraine. Diesen gesellschaftlichen Konsens der Hilfsbereitschaft gelte es, positiv zu unterstützen, nachbarschaftliches Engagement zu organisieren. 

Von den bereits mehr als fünf Millionen aus der Ukraine Geflüchteten sind rund 370.000 Menschen nach Deutschland geflohen, vor allem Frauen, Kinder, Ältere und auch pflegebedürftige Menschen. Laut Bundesinnenministerium waren Anfang April mehr als die Hälfte in privaten Haushalten untergekommen: 24 Prozent der Geflüchteten bei Freunden, 22 Prozent in einer sonstigen Privatwohnung und 19 Prozent wohnten bei Verwandten.

Zwei Ereignis-Ebenen

Doch so sehr man sich auf das „bürgerschaftliche Miteinander und Füreinander“ verlassen könne, sagt Kneppe, „so sind doch Fragen bezüglich der professionellen Hilfs- und Sorgestrukturen angebracht.” Und es davon auszugehen: „Naturkatastrophen und Fluchtereignisse werden in Zukunft eher zunehmen.” Dabei seien zwei Ebenen zu unterscheiden: der Katastrophenfall und der Krisenfall. 

Der Katastrophenfall werde offiziell ausgerufen. „Die Zuständigkeiten im Katastrophenschutz sind dann recht klar geregelt”, so Kneppe. „Es müssen hilfebedürftige Gruppen bei der Vorsorge aber stärker mit einbezogen und besser informiert werden. Hier stellt sich etwa die Frage, wie alleinlebende Seniorinnen und Senioren besser auf einen Katastrophenfall vorbereitet werden und im Ernstfall rechtzeitig erreicht werden können“, sagt der KDA-Vorsitzende. Auch die Hilfe zur Selbsthilfe der Bürgerinnen und Bürger solle gestärkt werden.

 

Hilfsstrukturen der Organisationen besser koordinieren

Andererseits gehe es um Krisen unterhalb der Katastrophenschwelle, wie etwa die Pandemie. Die Herausforderungen der Pandemie mit ihren unterschiedlichen Auswirkungen auf junge und ältere Menschen, jetzt die aktuelle Flüchtlingshilfe, die auch für die vielen Kinder sowie für ältere und pflegedürftige Menschen aus der Ukraine koordiniert werden müsse, zeigten, dass es besser geordnete Strukturen geben sollte. „Hier müssen die Sorgesysteme in Deutschland krisenfester und resilienter werden“, fordert der KDA-Vorsitzende. So sollten die Hilfsstrukturen der einzelnen Organisationen „angepasst, ertüchtigt und besser koordiniert“ werden. „Wir müssen unsere Sorgesysteme zum Beispiel stärker kultur-sensibel und diversitäts-sensibel ausrichten.“

Hilfsgipfel im Kanzleramt

Anfang der Woche hatte Bundeskanzler Scholz zum Ukraine-Hilfsgipfel ins Kanzleramt geladen. Wie die Unterbringung, die Integration in den Arbeitsmarkt oder die Betreuung von Kindern gewährleisten – all das waren Themen beim ersten „Round Table #Ukraine – gutes Ankommen vor Ort“. Innenministerin Nancy Faeser (SPD) sprach von einem „engen Schulterschluss zwischen Bund, Ländern, Kommunen, zivilgesellschaftlichen Organisationen, Kirchen, Gewerkschaften und Helfern überall in unserem Land“. Integrations- und Sprachkurse seien unmittelbar geöffnet worden. Ulrich Lilie, Präsident der Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege sagte, „wir sehen uns in der Pflicht, die Versorgung und Integration der geflüchteten Menschen zu unterstützen“. Das aber sei nur gemeinsam mit den Akteuren auf allen politischen Ebenen möglich.

Spezielle Rettungsbedarfe

Sei es Flucht aus der Ukraine, sei es Flutkatastrophe: Besonders schutzbedürftige Gruppen wie Senioren und Pflegebedürftige stehen besonders im Fokus. Bei der Flut an der Ahr wurden mehrere Wohneinrichtungen überflutet, in einer Einrichtung für behinderte Menschen in Sinzig kamen zwölf Bewohner ums Leben. KDA-Chef Kneppe hatte nach der Flut auf die speziellen Rettungsbedarfe hingewiesen, die Senioren und betreuungsbedürftige Menschen hätten. So würden Senioren nicht unbedingt eine Warn-App verwenden oder könnten Durchsagen nicht ausreichend gut wahrnehmen, wenn Hörgeräte zum Beispiel in der Nacht nicht eingesetzt seien. 

 

Die Organisation von Nachbarschafts-Helfern sieht er daher als wichtigen Pfeiler künftiger Rettungsstrukturen. „In Folge des demografischen Wandels werden immer mehr ältere Menschen in unseren Vierteln leben, die sich möglicherweise nicht selbst in Sicherheit bringen können.“ Deshalb sei es sinnvoll, ein Netzwerk aus engagierten Nachbarn zu schaffen, „die die Situation hilfebedürftiger Menschen im Blick haben“. Neue Warn- und Rettungsstrukturen sollten „deutlich früher und nahe am jeweiligen Bedarf der Bewohner Hilfe schaffen“.

Katastrophenszenarien berücksichtigen

Heike Baehrens, Pflegebeauftragte der SPD-Bundestagsfraktion, mahnte kurz nach der Flut ebenfalls: „Bestehende Einrichtungen sollten auf den Katastrophenschutz hin überprüft werden. Geplante und neue Einrichtungen werden in Zukunft mehr noch als bisher Katastrophenszenarien berücksichtigen müssen.”

Wie Menschen besser geschützt und Hilfe besser koordiniert werden kann, diese Fragen will das Bundesministerium für Bildung und Forschung mit einem Projekt beantworten: „HoWas2021 Governance und Kommunikation im Krisenfall des Hochwasserereignisses im Juli 2021“. Das im Herbst 2021 gestartete Projekt hat eine Laufzeit von 18 Monaten. Und soll Kommunikations- und Organisationsstrukturen während des verheerenden Juli-Hochwassers detailliert analysieren und Verbesserungsvorschläge erarbeiten – unter Einbindung von kommunalen Behörden, aber vor allem sollen auch die Bürgerinnen und Bürger vor Ort mitwirken können. 

Barrierefreiheit bei der Entwicklung von Schutzraumkonzepten

Bessere (Vor-)Sorgestrukturen haben gerade auch die Grünen gefordert. In dem Papier „15 Punkte für ein krisenfestes Land“, das Anfang der Woche vom Parteivorstand mit Blick auf den Krieg gegen die Ukraine beschlossen wurde, wird eine Debatte über „physische Schutzkonzepte“ eingefordert: Wenn man über mehr Schutzräume nachdenke, dann müsse man die Bedarfe besonders vulnerabler Gruppen sowie Barrierefreiheit bei der Entwicklung von Schutzraumkonzepten beachten. Zugleich versprechen die Grünen, die Bedingungen für das Ehrenamt deutlich zu verbessern. Es sei wichtig, mehr Menschen für das Ehrenamt zu gewinnen, „damit unsere Gesellschaft noch resilienter wird“.

Kommentar hinzufügen
Kommentare werden geladen
In diesem Artikel findet keine Diskussion statt. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen.
  Nach oben