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20. Juli 1944 - eine Mahnung, die Demokratie zu schützen

In der Gedenkstätte Plötzensee in Berlin wurde des gescheiterten Attentates vom 20. Juli 1944 auf Adolf Hitler gedacht. Viele der Widerständler wurden damals hingerichtet.

Hans-Jürgen Deglow
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Lesezeit 4 Min
Gedenken an Widerstand im Nationalsozialismus
Swetlana Tichanowskaja, Oppositionsführerin aus Belarus, spricht bei einer Feierstunde der Bundesregierung sowie der Stiftung 20. Juli 1944 anlässlich des 78. Jahrestages des Attentats- und Umsturzversuchs gegen Hitler in der Gedenkstätte Berlin-Plötzensee.  Foto: Christoph Soeder (dpa)

Vier besondere Wegmarken prägen die deutsche Freiheits- und Demokratiegeschichte des vergangenen Jahrhunderts: Die Ausrufung der Republik 1918, der Volksaufstand in der DDR 1953, die friedliche Revolution 1989 – und das gescheiterte Attentat auf Adolf Hitler am 20. Juli 1944. Es habe lange gedauert, bis die Tat der Widerstandskämpfer des 20. Juli angemessen gewürdigt worden sei, sagte einmal Wolfgang Schäuble im Jahre 2007 bei einer Gedenkveranstaltung: „Noch zu meiner Schulzeit gegen Ende der fünfziger Jahre – damals war der Zwiespalt zwischen Eid und Verpflichtung einerseits und Widerstandsrecht andererseits Gegenstand von Schulaufsätzen – blieb die Bewertung umstritten.“ 

 

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Heute nimmt der Widerstand gegen das NS-Regime einen würdigen Platz in den Geschichtsbüchern ein, die Erinnerung an das gescheiterte Attentat wird parteiübergreifend als Mahnung für heutige und kommende Generationen bewertet. An diesem Dienstag ist in der Berliner Gedenkstätte Plötzensee der Verfolgten und Ermordeten gedacht worden. Persönlichkeiten aus Politik und Gesellschaft versammelten sich und legten Kränze nieder. Vertreter der Bundesregierung und des Berliner Senats richteten Grußworte an die Gäste. Das Totengedenken hielt Valerie Riedesel Freifrau zu Eisenbach, Enkelin des Widerstandskämpfers Cäsar von Hofacker. Die belarussische Oppositionspolitikerin Swetlana Tichanowskaja zeigte sich in ihrer Rede mit Blick auf die vielen in Plötzensee Ermordeten tief bewegt. Der deutsche Widerstand habe sich mutig dem Bösen entgegengestellt. Diese Geschichte zeige, dass auch wenige Mutige etwas bewegen könnten. Und sie schlug einen Bogen zu Russlands Krieg gegen die Ukraine, verwies auf den Mut der Ukrainerinnen und Ukrainer, die heute Widerstand leisteten gegen den Aggressor. Demokratien müssten wachsam bleiben, um gegen Diktaturen und Tyrannei bestehen zu können, so Tichanowskaja. 

Von Stauffenberg hatte die Bombe platziert

Rückblende: Am 20. Juli 1944 explodierte im Führerhauptquartier „Wolfsschanze“ in Ostpreußen eine Bombe. Sie sollte Adolf Hitler töten und den Weg für einen Staatsstreich ebnen, der Deutschland vor dem Untergang bewahren sollte. Die Bombe hatte Oberst Claus Graf Schenk von Stauffenberg platziert, Hitler überlebte leicht verletzt. In der Nacht zum 21. Juli 1944 wurden Stauffenberg und weitere Verschwörer im Hof des Bendlerblocks, in dem sich heute das Verteidigungsministerium befindet, standrechtlich erschossen. Weitere Beteiligte und ihre Familien wurden verfolgt. Die Nazis richteten rund 90 weitere Beteiligte und Unterstützer hin.

Weit über 2800 Todesurteile wurden allein in Plötzensee vollstreckt 

Aus Sicht der Potsdamer FDP-Politikerin Linda Teuteberg, stellvertretende Vorsitzende des Vereins „Gegen Vergessen – Für Demokratie“, erinnert die Gedenkstätte Plötzensee „als authentischer Ort daran, mit welcher Grausamkeit das NS-Regime politische Verfolgung organisierte und bis hin zum Mord vollstreckte. Das Strafgefängnis Berlin-Plötzensee ist der Ort, an dem tausende politische Todesurteile verschiedener Sondergerichte, des Kammergerichtes, des Reichskriegsgerichtes und des Volksgerichtshofes vollstreckt wurden.“ Zwischen 1933 und 1945 wurden im Gefängnis Plötzensee weit über 2800 Todesurteile vollstreckt, unter anderem an Mitgliedern der Roten Kapelle, Teilnehmern des Umsturzversuchs vom 20. Juli 1944 und an Mitgliedern der Widerstandsbewegung des Kreisauer Kreises.

Linda Teuteberg: Ein Aufstand des Gewissens gegen ein Unrechtsregime 

Auch Teuteberg verweist auf den Krieg in Europa. Sie sagte unserer Redaktion: „Angesichts des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine und gegen die Freiheits-, Rechts- und Friedensordnung Europas erhält die Erinnerung an den Widerstand des 20. Juli eine zusätzliche, besondere Aktualität: Der 20. Juli war ein Aufstand des Gewissens gegen ein Unrechtsregime und dessen Verbrechen gegen die Menschlichkeit.“ 

Olaf Scholz: Ihr Opfer verpflichtet uns, für Demokratie einzustehen 

Bundeskanzler Olaf Scholz erklärte am Dienstag: „Heute vor 78 Jahren haben die Frauen und Männer um Oberst Stauffenberg ihr Leben riskiert, um Hitlers Regime zu stürzen. Ich bewundere ihren Mut und den all derer, die sich den Nazis entgegenstellten. Ihr Opfer verpflichtet uns, stets für die Demokratie einzustehen.“ Ähnlich äußerte sich Oppositionsführer Friedrich Merz: „Wir gedenken heute den mutigen Hitler-Attentätern, die am 20. Juli 1944 versucht haben, den verbrecherischen Weltkrieg zu beenden und Deutschland von der Schreckensherrschaft des Nationalsozialismus zu befreien. Der heutige Tag mahnt uns, zu unseren Werten zu stehen.“ Berlins Kultursenator Klaus Lederer (Linke) sagte auf der Gedenkveranstaltung: „Der Auftrag an uns alle, Verantwortung für unsere Demokratie zu übernehmen, gehört zu den immerwährenden Lehren aus der NS-Diktatur.“

Rede von Tichanowskaja „ein wichtiges und richtiges Zeichen“

Linda Teuteberg betont, der militärische Widerstand um Claus Schenk Graf von Stauffenberg und Henning von Tresckow wollte - auch um den Preis des eigenen Lebens - „die Herrschaft des Rechts verteidigen. Ein völkerrechtswidriger Angriffs- und Vernichtungskrieg Russlands verletzt heute täglich Prinzipien des Rechts und der Menschlichkeit und bringt unermessliches Leid. Besonders brutaler politischer Verfolgung durch das diktatorische Regime Lukaschenkos sind die Menschen in Belarus ausgesetzt.“ Dass Swetlana Tichanowskaja die Gedenkrede gehalten habe, sei deshalb „ein wichtiges und richtiges Zeichen“.

Teuteberg: Gratismut ist keine Option

Diktatur und Angriffskrieg forderten „das Gewissen von Menschen in besonderer Weise heraus, Gratismut ist unter diesen Bedingungen keine Option“, urteilt Teuteberg, und fügt hinzu: „Der 20. Juli mahnt und verpflichtet uns, die Herrschaft des Rechts als Bedingung für die Gewährleistung von Würde und Freiheit jedes Menschen zu erkennen und wertzuschätzen und dazu, sie wehrhaft nach innen und außen zu verteidigen. Die Versuchung, Differenzierung mit moralischer Indifferenz zu verwechseln, ist auch heute groß." 

Wolfgang Schäuble, der auch 2022 zur Gedenkfeier gekommen ist, sagte 2007 bei der Gedenkveranstaltung über Stauffenberg sowie die in Plötzensee hingerichteten Helmuth James Graf von Moltke (Begründer des Kreisauer Kreises) und Pater Alfred Delp auch: „Es hat lange gedauert, bis die Tat der Widerstandskämpfer und der Geist, aus dem heraus sie handelten, der Geist des Kreisauer Kreises, als mitentscheidende ethische Grundlagen für die freiheitlich-demokratische Neuordnung Deutschlands akzeptiert wurden – eine Neuordnung, die viel besser gelungen ist, als man sich Ende der vierziger Jahre hatte vorstellen können, und die nicht gelungen wäre, wenn wir nicht auch ein solches Erbe besäßen. Dieses Erbe ist die historische Basis unserer heute stabilen, rechtsstaatlichen und freiheitlich-demokratischen Institutionen.“ 

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