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Zahl der Telemedizin-Behandlungen in Gefängnissen nimmt weiter zu

In Baden-Württemberg werden immer mehr Gefangene per Video ärztlich behandelt. Im laufenden Jahr gab es bereits mehr als 4300 Telemedizin-Behandlungen. Diese werden inzwischen in allen 17 Südwest-Gefängnissen angeboten.

Michael Schwarz
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Telemedizin: Immer mehr Behandlungen in Gefängnissen
Foto: Rostislav Sedlacek/stock.adobe.com

Ärzte führen Sprechstunden mit Inhaftierten in den baden-württembergischen Gefängnissen immer häufiger durch, ohne persönlich anwesend zu sein. In diesem Jahr gab es bislang (Stand 30. Oktober 2021) 4346 Behandlungen per Telemedizin. Das erklärt ein Sprecher des Stuttgarter Justizministerium gegenüber der Heilbronner Stimme.

Dies ist schon deutlich mehr als im gesamten Jahr 2020, als es 3770 Behandlungen gewesen sind. Laut dem Sprecher geht das Land davon aus, dass es 2021 insgesamt mehr als 5200 Telemedizin-Behandlungen in den 17 Südwest-Justizvollzugsanstalten geben wird.

Gentges spricht von Erfolgsprojekt

"Telemedizin im Justizvollzug ist ein baden-württembergisches Erfolgsprojekt, das bundesweit Beachtung findet", sagt Baden-Württembergs Justizministerin Marion Gentges (CDU) gegenüber unserer Redaktion.

Derzeit setze sich das Projekt insbesondere aus zwei Säulen zusammen: Zum einen gebe es eine Rufbereitschaft an sieben Tagen die Woche mit einer 24-Stunden-Verfügbarkeit von Allgemeinmedizinern- und Psychiatern. Zum anderen bestünden "feste Sprechstunden in der Allgemeinmedizin oder in einzelnen Fachrichtungen, die stark nachgefragt werden", so Gentges weiter. Telemedizin entlaste die Bediensteten. Zudem würde auch die Fluchtgefahr gebannt, die bei Ausfahrten zu Behandlungen bestehe.

Baden-Württemberg war Vorreiter

Nachdem die Landesärztekammer in Baden-Württemberg als erste Kammer bundesweit den Weg für Telemedizin freimachte, gingen in der ersten Jahreshälfte 2018 auch Pilotprojekte an zunächst fünf Justizvollzugsanstalten im Südwesten an den Start. 2019 erfolgte die landesweite Pilotierung. "Inzwischen hat sich die Telemedizin im Justizvollzug Baden-Württemberg in allen 17 Justizvollzugsanstalten erfolgreich etabliert", sagt der Sprecher.

Er erklärt weiter, wegen der hohen Gefangenenzahlen in den vergangenen Jahren sei es eine große Erleichterung gewesen, dass Mediziner durch die Telemedizin nicht immer vor Ort sein mussten. Allerdings gibt es momentan nur noch rund 6400 Gefangene in den Haftanstalten des Landes. Als das Projekt in der erste Jahreshälfte 2018 eingeführt worden ist, waren es noch mehr als 7200 Inhaftierte.

Zuständig für die Gesundheitsversorgung

Für die Gesundheitsversorgung der Gefangenen im Südwesten sind hauptamtliche Anstaltsärzte, externe Konsiliarärzte sowie Ärzte aus Praxen und aus öffentlichen Kliniken zuständig. Jedoch gelingt es nicht, ausreichen hauptamtliche Anstaltsärzte einzustellen. Durchschnittlich könnten nur drei von vier Stellen im Ärztlichen Dienst des Justizvollzugs besetzen können, erklärt der Sprecher.

Weil in Baden-Württemberg mehr als 40 Prozent der Inhaftierten keine deutsche Staatsbürger sind, können bei ärztlichen Behandlungen auch Videodolmetscher zugeschaltet werden.

Neue Angebote sollen geschaffen werden

Justizministerin Gentges will die ärztliche Versorgung über die Telemedizin in den Gefängnissen im Südwesten noch ausbauen - und hat dabei zwei neue Pilotprojekte gestartet. Weil die Zahl der psychisch auffälligen Gefangenen zugenommen hat, wird Tele-Psychotherapie jetzt an den Justizvollzugsanstalten in Adelsheim, Bruchsal, Rottweil und Ulm getestet. Weiter sollen auch drogenabhängige Gefangenen künftig digital behandelt werden.

So werde derzeit in den Gefängnissen in Schwäbisch Hall, Schwäbisch Gmünd, Heimsheim und Freiburg die Substitution - also Behandlungen durch die Verabreichung von Ersatzstoffen wie Methadon - per Telemedizin in Form eines Politprojekts durchgeführt.

Laut dem Sprecher kostet die Telemedizin in den Südwest-Gefängnissen das Land bis zu 1,2 Millionen zusätzlich pro Jahr.

Baden-Württemberg verfügt über 17 Justizvollzugsanstalten mit 18 Außenstellen, zwei Jugendarrestanstalten, ein Justizvollzugskrankenhaus, eine Sozialtherapeutische Anstalt sowie ein Bildungszentrum. In den Einrichtungen sind mehr als 4100 Personen beschäftigt – den größten Teil machen die rund 2800 Justizvollzugsbediensteten aus. 2021 gibt das Land für den Justizvollzug 284 Millionen Euro aus.

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