Stuttgart
Lesezeichen setzen Merken

Baden-Württemberg plant großen Wurf beim ÖPNV

Grün-Schwarz beschließt eine neue ÖPNV-Strategie und setzt sich hohe Ziele. Die Strategie beinhaltet mehr als 130 Maßnahmen - und soll dafür sorgen, dass sich die Fahrgastzahlen in Baden-Württemberg bis 2030 im Vergleich zu 2010 verdoppeln.

  |  
Land plant großen Wurf beim ÖPNV
Illustration: macrovector/stock-adobe.com  Foto:

Das Land will die Zahl der Fahrgäste im Öffentlichen Personennahverkehr verdoppeln - bis 2030 im Vergleich zu den Zahlen von 2010. "Das ist das Minimum, was wir schaffen müssen", sagte Baden-Württembergs Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) am Dienstag in Stuttgart.

Zuvor hatte das Kabinett die ÖPNV-Strategie auf den Weg gebracht, auf die sich Grüne und CDU bereits im Koalitionsvertrag geeinigt hatten. Hermann erklärte jedoch, der Weg hin zu diesem Ziel sei steinig. Schließlich habe sich die Zahl der Autos im Südwesten in den vergangenen drei Jahren um eine halbe Million Fahrzeuge erhöht.

Mehr zum Thema

ÖPNV
PREMIUM
Stuttgart
Hinzugefügt. Zur Merkliste Lesezeichen setzen

Meinung zu den ÖPNV-Ausbauplänen: Zeitenwende

Sich in Sachen Mobilitätswende auf den Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) zu fokussieren, macht nur teilweise Sinn, meint unser Autor.

"Das ist für eine echte Verkehrswende ein Problem", so der Grünen-Politiker. Vor allem in den Städten werde es immer enger, wenn es immer mehr Autos gebe. Zudem bräuchten auch Elektroautos Parkplätze. Ein weiteres Problem sei, dass in der Corona-Zeit viele Menschen aus Angst vor Ansteckungen wieder vom ÖPNV auf das Auto umgestiegen seien. Das Land will laut Hermann trotzdem an dem Ziel der Verdopplung der Zahlen festhalten - schon alleine deswegen, um den Südwesten bis 2040 klimaneutral zu machen.

Insgesamt umfasst die ÖPNV-Strategie des Landes mehr als 130 Maßnahmen. Ein zentrales Element ist die von Grünen und CDU im Koalitionsvertrag vereinbarte Mobilitätsgarantie. Diese sieht vor, dass zwischen 5 und 24 Uhr überall im Südwesten ein verlässliches ÖPNV-Angebot vorhanden ist. Das Ziel sei, dass Busse und Bahnen in Ballungsräumen im Südwesten mindestens alle 15 Minuten fahren, im ländlichen Raum alle 30 Minuten. "Das wird nicht billig", sagte Hermann.

Mobilitätsgarantie kostet 600 Millionen Euro

Bei der Mobilitätsgarantie geht das Land im Endausbau von Kosten in Höhe von etwa 600 Millionen Euro aus. Da Kommunen für Busse und Stadtbahnen zuständig sind, sei man auf deren Unterstützung angewiesen, so Hermann. Das Land stellt sich zudem vor, dass die Kommunen und Kreise über den neuen Mobilitätspass - in Form einer Nahverkehrsabgabe oder City-Maut - Mittel einnehmen, die dann wiederum in den ÖPNV investiert werden.

Auch bei den Tarifen sind Neuerungen geplant. So soll ein Ticket eingeführt werden, mit dem Schüler, Studenten und Auszubildende zum Preis von 365 Euro ein Jahr lang überall in Baden-Württemberg den ÖPNV nutzen können. Das Ticket soll es ab Mitte kommenden Jahres geben - und das Land langfristig 100 Millionen Euro jährlich kosten.

In der Region ist das Auto wichtig

Einen Ausbau des ÖPNV fordern die Menschen in der Region Heilbronn. Mehr als 60 Prozent wünschen sich Verbesserungen auf der Schiene, mehr als die Hälfte halten die Busverbindungen für ausbaufähig. Das ist Ergebnis einer repräsentativen Umfrage, die das Institut für angewandte Marktforschung der Hochschule Heilbronn (HHN) im Auftrag der Heilbronner Stimme durchgeführt hat. Befragt wurden mehr als 800 Menschen in Heilbronn und im Umkreis von 20 Kilometern um die Stadt.

Die Ergebnisse zeigen auch: Das Auto mit Verbrennungsmotor bleibt mit Abstand das dominierende Verkehrsmittel, 58 Prozent der Befragten nutzen es täglich oder fast täglich - im Gegensatz zu drei Prozent beim ÖPNV. Ein Elektroauto nutzen 93 Prozent der Befragten nie oder fast nie.

 

Südwest-Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) hält eine Zerschlagung des Bahnunternehmens Abellio für denkbar. "Prinzipiell wäre es möglich, dass das Unternehmen zerlegt und verkauft wird", so Hermann. Abellio, eine Tochter der niederländischen Staatsbahn, befährt in Baden-Württemberg Strecken im Bereich Stuttgart und im Neckartal – dazu gehört auch die Frankenbahn. Abellio hat enorme finanzielle Probleme und befindet sich aktuell in einem Schutzschirmverfahren. Das Land hat mit einem Millionenzuschuss gewährleistet, dass Abellio den Betrieb im Südwesten zunächst bis Ende 2021 aufrechterhalten kann. Wie es danach weitergeht, ist aber unklar.

Um Zeit zu gewinnen sei es gut möglich, so Hermann gestern, dass dieser Übergangszeitraum verlängert werden müsse – und so neue Kosten auf das Land zukämen. Dies könnte nötig sein, um den Weiterbetrieb abzusichern, bis die von Abellio befahrenen Strecken neu ausgeschrieben sind. Abellio selbst hatte angekündigt, man wolle Ende November eine Entscheidung über das weitere Vorgehen treffen. Die Opposition im Stuttgarter Landtag kritisierte Hermann. Er sei erstaunt, dass der Minister öffentlich über eine Zerschlagung des Konzerns rede, sagte FDP-Verkehrsexperte Christian Jung. 

 

Kommentar hinzufügen
In diesem Artikel findet keine Diskussion statt. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen.
  Nach oben