Stuttgart/Korntal (dpa/lsw)
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Opfer kritisieren Erinnerungsveranstaltung

Die Berichte aus der Brüdergemeinde waren bestürzend: Jahrzehntelang waren dort Dutzende Heimkinder Opfer sexueller Gewalt geworden. Die Aufklärungsarbeit hatte weitere Wunden geschlagen und die Risse sind weiter tief. Das zeigt auch eine geplante Veranstaltung der Gemeinde.

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Auch knapp acht Jahre nach Bekanntwerden des jahrzehntelangen Missbrauchs in der Brüdergemeinde Korntal sind die Gräben zwischen Betroffenen und Verantwortlichen tief. Während die für die Aufklärung zuständigen Experten und die Gemeinde die Gespräche als vertrauensvoll bezeichneten, kritisierten Betroffene die Zusammenarbeit wenige Tage vor einer Erinnerungsveranstaltung scharf. «Die Aufklärung ist in einem Schweinsgalopp durchgezogen worden», sagte Angelika Brandle, eine Sprecherin der Betroffenen, am Mittwoch. Auch seien das Präventionskonzept der Brüdergemeinde ohne die Opfer erstellt und die Entschädigungen einseitig festgelegt worden. 

Aus den Berichten von Betroffenen und Gesprächen hatte sich in den vergangenen Jahren ein bestürzendes Bild der Heimerziehung in Baden-Württemberg ergeben. In der Evangelischen Brüdergemeinde Korntal hatten Kinder von den 1950er bis in die 1980er Jahre körperliche und sexualisierte Gewalt erlebt. Dutzende Täter sind bekannt, vor allem Betreuer und Angestellte. Wie Intensivtäter waren einige von ihnen immer wieder in Zusammenhang mit sexueller Belästigung und Vergewaltigung genannt worden. Dokumentiert sind Hunderte von Fällen. Aber juristisch sind die Taten verjährt.

Bislang haben insgesamt 138 Betroffene aus den Heimen Entschädigungen für ihre Leiden erhalten. Sie habe bislang 153 Gespräche mit Opfern geführt, sagte Brigitte Baum-Stammberger, die gemeinsam mit Benno Hefenegger für die Aufklärung verantwortlich ist und den Abschlussbericht mitverfasst hatte. Im Einzelfall sind Zahlungen von maximal 20 000 Euro bezahlt worden, die Anträge auf Anerkennungsleistungen sind nicht befristet. Nach Angaben der Brüdergemeinde liegt die Summe aller bislang gezahlten Entschädigungen «in einem hohen sechsstelligen Bereich».

Brüdergemeinde und Diakonie wollen am Samstag (25. Juni) an den Skandal und die Betroffenen erinnern. In diesem Rahmen sollen auch drei Mahnmale auf dem Gelände der drei Kinderheime aufgestellt werden. Der Darmstädter Bildhauer Gerhard Roese schuf nach eigenen Angaben überlebensgroße Stelen, die die Begriffe Hoffnung, Respekt und Vertrauen thematisieren sollen. Roese ist ehemaliger Schüler der Odenwaldschule und wurde dort selbst Opfer von Gewalt.

«Es soll daran erinnern, dass wir alles tun und alles dafür einsetzen, Menschen zu schützen, zu stärken, damit Hoffnung und Vertrauen wachsen können», sagte Veit-Michael Glatzle, Geschäftsführer Diakonie der Brüdergemeinde Korntal/Wilhelmsdorf. Es werde auch ein Schuldbekenntnis der Verantwortlichen geben. 

Allerdings kritisieren die Betroffene das Kunstprojekt als «Schnellschuss», der sich nicht an den Betroffenen orientiere. Sie fühle sich «überrumpelt», sagte Martina Poferl als eine der Sprecherinnen der Betroffenen. Der Termin sei zu früh gesetzt, er sei nicht abgesprochen und der Künstler bereits festgelegt gewesen. 

Der Betroffene Detlev Zander, der die Vorwürfe 2014 öffentlich gemacht und als erster Aufklärung gefordert hatte, kritisierte, die Erinnerungsveranstaltung klinge wie eine Verabschiedung. Allerdings sei die Aufarbeitung noch nicht abgeschlossen. Sie müsse zudem noch von übergeordneter Stelle evaluiert werden.

Aus einem externen Bericht aus dem Jahr 2018 geht hervor, dass die damaligen Verantwortlichen der pietistischen Brüdergemeinde von sexualisierter Gewalt an den Schutzbefohlenen gewusst haben. Der Aufarbeitungsprozess war allerdings immer wieder aufgehalten worden - durch Konflikte unter Opfern, die zur Bildung mehrerer Opfervertretergruppen geführt haben, und durch Streit mit der Brüdergemeinde und den Mediatoren.

Die Mitglieder der 1819 gegründeten Brüdergemeinde Korntal im Kreis Ludwigsburg zählen sich zu den Pietisten, die als besonders konservative Strömung im Protestantismus gelten. Sie sehen die Bibel als das offenbarte Wort Gottes und legen Wert auf eine intensive Auseinandersetzung mit der heiligen Schrift.

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