Jugendstrafvollzug in freien Formen

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Mehrfach- und Intensivtäter werden im Seehaus gefördert, aber auch gefordert

Von Claudia Ritzi
Jugendliche erleben zum ersten Mal einen geregelten Tagesablauf.Foto: lsw
Jugendliche erleben zum ersten Mal einen geregelten Tagesablauf.Foto: lsw  Foto: A2411 Norbert Försterling (dpa)

Leonberg - „Am Anfang wollte ich jeden Tag weglaufen“, erinnert sich der 21-jährige Amos () an seine ersten Tage im Seehaus. „Es ist hart hier, viel härter als im Knast“. Vor knapp einem Jahr verließ der Äthiopier das Gefängnis, um den Rest seiner Haftzeit auf dem abgelegenen Hof nahe Leonberg zu verbringen. Im Rahmen des „Projekts Chance“ ermöglicht die Landesregierung seit rund fünf Jahren jungen Gefängnisinsassen den „Jugendstrafvollzug in freien Formen“. Im Leonberger Seehaus und im Kloster Frauental in Creglingen sollen Mehrfach- und Intensivtäter im Alter zwischen 14 und 21 Jahren auf eine Rückkehr in ein Leben ohne Kriminalität vorbereitet werden.

Ein 16-Stunden-Tag erwartet die Jugendlichen im Seehaus. Er beginnt um 5.45 Uhr mit Frühsport. Anschließend müssen sie aufräumen und putzen. Es folgen Unterricht, Arbeit und soziales Training. Gegen 22 Uhr gehen im Wohnhaus die Lichter aus. „Das hier ist Stress pur für die Jungs“, erklärt Seehaus-Geschäftsführer Tobias Merckle.

Auf dem ehemaligen Reiterhof erleben viele Jugendliche zum ersten Mal einen geregelten Tagesablauf. Ihr Zusammenleben ist familienähnlich organisiert. Zwei Betreuerfamilien leben mit den jungen Straftätern zusammen, teilen sich mit ihnen Wohnzimmer und Küche. „Diese Kinder sind kein Abschaum. Sie sind Jugendliche, die nie zuvor eine Chance hatten“, erklärt Merckle. Im Seehaus sollen sie eine Perspektive erhalten. Sie werden gefördert – aber auch gefordert.

Von Erziehungslagern nach US-amerikanischem Vorbild hält der Sozialpädagoge wenig: „Militärischer Drill bereitet nun mal nicht auf das normale Leben vor.“ Strenge und Regeln seien für den Umgang mit den Jugendlichen aber unabdingbar. „Wichtig ist auch, dass es sich bei Strafen um wiedergutmachende Sanktionen wie gemeinnützige Arbeit oder Sozialstunden handelt“, betont Merckle. Nur so könnten die Jugendlichen begreifen, dass sie anderen geschadet haben.

Der Schlüssel zum Erfolg soll die Zukunftsperspektive sein, die das Seehaus bieten will. Die Gefangenen können während ihres ein- bis zweijährigen Aufenthalts ihren Hauptschulabschluss machen und sich auf Ausbildungsberufe vorbereiten. „Bisher konnten wir noch jedem einen Ausbildungsplatz vermitteln“, berichtet Merckle stolz.

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