Stuttgart (dpa/lsw)
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Museen bauen Digitalisierung ihrer Kolonialsammlung aus

Mit ihren Schätzen aus Afrika, dem Orient oder Südostasien haben sich viele Museen einen Namen gemacht. Nicht immer ist geklärt, wem die Werke einst gehörten und wie sie ihren Weg in die Sammlungen fanden. Deshalb sollen die Bestände erforscht und digitalisiert werden.

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Die baden-württembergischen Museen machen weitere Schritte, um ihre Sammlungen mit Kolonialobjekten zu digitalisieren und damit die Provenienzforschung an den Kulturgütern aus Afrika oder Asien voranzubringen. So will das Museum Natur und Mensch Freiburg die Objekte afrikanischen Ursprungs in seiner Ethnologischen Sammlung erfassen, wie Museumsleiterin Tina Brüderlin laut Wissenschaftsministerium ankündigt. In Ulm plant das dortige Museum, rund 120 Objekte aus kolonialem Kontext zu digitalisieren.

Auch die Mannheimer Reiss-Engelhorn-Museen Mannheim (rem) arbeiten die Kolonialzeit auf. Sie wollen die kolonialzeitlichen Sammlungskonvolute «Bumiller» und «Thorbecke», die Objekte aus Afrika enthalten, digital erfassen und öffentlich zugänglich machen. «Die Aufbereitung kolonialzeitlicher Sammlungen ist eine wichtige und drängende Aufgabe, welche Museen in kommunaler Trägerschaft nur mit zusätzlichen Fördermitteln bewältigen können», sagt rem-Generaldirektor Wilfried Rosendahl.

Das Land unterstützt die drei kommunal getragenen Museen nach Angaben von Mittwoch mit insgesamt rund 96 000 Euro bei der digitalen Aufbereitung ihrer Sammlungen. Die Mittel stammen aus dem Millionenbetrag, mit dem die Herkunfts- und Erwerbsgeschichte von Sammlungsobjekten erforscht werden soll. «Baden-Württemberg kann und möchte bei der Aufarbeitung der Kolonialzeit und ihrer Folgen Vorreiter sein», sagt Wissenschaftsministerin Theresia Bauer (Grüne) zur Förderung der neuen Projekte.

Auf dem Weg zur landesweiten Provenienzforschung hat vor allem die Rückgabe einer Peitsche und einer Bibel an Namibia im Februar 2019 für Aufsehen und Ansporn gesorgt. Die beiden Gegenstände gehörten einst Hendrik Witbooi, der seinerzeit den Aufstand der Nama gegen die deutschen Besatzer anführte. Witbooi (1830-1905) wird heute als namibischer Nationalheld verehrt. Beide Objekte waren seit mehr als 100 Jahren im Stuttgarter Linden-Museum aufbewahrt worden. Baden-Württemberg hatte damit erstmals koloniale Kulturgüter aus Afrika zurückgegeben.

Zahlreiche weitere Objekte in den ethnologischen Sammlungen sind nach Einschätzung von Kunsthistorikern unrechtmäßig oder zumindest auf ethisch bedenkliche Weise in die Museen gelangt. Als Vorreiter in der Provenienzforschung gilt das Stuttgarter Linden-Museum, eines der bedeutendsten Völkerkundemuseen in Europa. Über eine Präsentations- und Kommunikationsplattform kann dort unter anderem virtuell auf die Museumsbestände zugegriffen werden, es wird vernetzt, erklärt und hinterfragt. Unter dem Titel «Sammlung digital» werden zudem detaillierte Informationen, interessante Geschichten und Hintergründe zu den Objekten präsentiert.

Bei der Provenienzforschung versuchen Experten, die Herkunft der Ausstellungsstücke und Archivbestände ihrer Häuser zu klären. Ziel ist, die Kulturgüter, die nach heutigen Wertmaßstäben zu Unrecht erworben wurden, entweder zurückzugeben, aufzukaufen oder gemeinsame Kooperationen zu schließen. Dazu überprüfen die Experten in ihren Häusern vorhandene Informationen wie Eingangsdaten und die Preise, zu denen die Stücke eingekauft wurden. Eine mühsame Detektivarbeit, denn meist sind die Bilder oder Skulpturen durch mehrere Hände gegangen, wurden getauscht oder bei Auktionen verkauft.

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