Veränderungen als Chance begriffen: Krautheimer Geschäftsführer Roland Rüdinger

Firmenchef Roland Rüdinger nennt bedeutende Wegmarken der Unternehmensentwicklung

Roland Rüdinger trat 1988 in die Geschäftsführung des Familienunternehmens ein. Foto: Karl-Heinz Augustin

26.10.2020

Lieber Leser,
was interessiert an einem Firmenjubiläum? Umsatz – Gewinn – Technik? Ja, stimmt, aber das ist nicht alles. Am interessantesten sind die Menschen, die das Unternehmen prägen! In Hohenlohe sind das oft die Gründer und die Familie dahinter.

Im Jubiläumsjahr blicken wir zurück: Franz Rüdinger kaufte mit seiner Frau Anna 1930 in Altkrautheim eine Gastwirtschaft, den „Löwen“. Während sie die Wirtschaft betrieb, handelte und transportierte er Vieh – bis er mitsamt seinen drei Lkw eingezogen wurde und in den Krieg zum Polenfeldzug musste. Nach seiner Rückkehr konnte er auf Bezugsschein einen Holzvergaser-Lkw erstehen. Mit dem Transport von Milch, Vieh und Baumaterial hielt er sich über Wasser. Helmut Rüdinger, der älteste von sieben Söhnen, lernte Kfz-Elektriker beim Autohaus Kunze in Künzelsau.

Fernverkehr als Traum
Nach dem Krieg begannen sie mit dem Omnibuslinienverkehr von Altkrautheim durchs Ginsbachtal nach Künzelsau und boten mit dem Bus Pilgerfahrten in die regionalen Wallfahrtsorte an. Helmut träumte jedoch vom Fernverkehr. 1956 kaufte man einen Fernverkehr-Lkw, für den im Jagsttal zu diesem Zeitpunkt gar kein Geschäftsbedarf existierte. Mit seinem Bruder Emil fuhr Helmut mit dem Fernlastzug nach Stuttgart, wo sie Transportaufträge von der staatlich gesteuerten Laderaum-Verteilstelle erhielten. Autoteile für Bremen waren damals die bevorzugte Ladung.

Als Franz Rüdinger 1959 im Alter von 57 Jahren starb, waren die Schulden größer als die Sachwerte. Franz Rüdinger junior übernahm die Gastwirtschaft und begann dazu mit einer Metzgerei. Helmut führte das Transportgeschäft weiter. An der Nahtstelle von Württemberg zu Baden, die erst 1953 zum neuen Bundesland Baden-Württemberg fusionierten, begann die Industrialisierung. Helmut ergriff die Chance, die sich ihm durch diese Entwicklung bot, und übernahm 1960 für die Metallwarenfabrik Wöhrle, die sich in Krautheim ansiedelte, die Warenauslieferung.


„Die Industrialisierung der Region verschaffte uns den nötigen Rückenwind für so manche technische Neuentwicklung.“


Engagement
Doch die Zeiten waren hart. 1966 suchte Helmut sich einen Nebenjob und kandidierte als Bürgermeister seiner Heimatgemeinde Altkrautheim. Im zweiten Anlauf wurde er gewählt und hatte somit eine neue Berufung. Sein Amt schaffte er 1972 mit der Gemeindereform, bei der Altkrautheim nach Krautheim eingemeindet wurde, selbst mit ab. Sein Engagement setzte er als Ortsvorsteher fort. Er begleitete den Übergang und kandidierte als Gemeinderat der neuen „Stadt Krautheim“ sowie für den Kreistag des neugebildeten Hohenlohekreises.

Beide Mandate erfüllten ihn mehrere Wahlperioden. Reizvoll war die Zusammenführung von Krautheim, das aus sechs badischen und drei württembergischen Gemeinden gebildet wurde. Auch die Zusammenführung der Altkreise Öhringen, Künzelsau und des „badischen“ Krautheim zum Hohenlohekreis war eine fordernde Aufgabe. Bei der Reform des Buslinienverkehrs und der Entstehung des Nahverkehrsmodells Hohenlohe 1979, war Helmut Rüdinger als Kreisrat an vorderster Front.

Investitionen
Die Schulreform Anfang der 70er Jahre mit der Bildung von Mittelpunktschulen machte einen Ausbau des öffentlichen Verkehrangebots für Schüler notwendig. Helmut sah hier eine Chance im Linienverkehr und investierte kräftig. Hinzu kam die intensive Nachfrage nach Gruppenreisen – ob Vereinsausflüge oder Wallfahrten. Er investierte auch in Reisebusse und war ein beliebter Busfahrer. Daneben pflegte Helmut die Verbandsarbeit beim wbo (Abkürzung für: baden-württembergischer Omnisbusverband), war Sachkundeprüfer für Güterkraftverkehr bei der IHK Heilbronn und gründete die Mittelstandvereinigung von Krautheim und dem Hohenlohekreis, der er heute als Ehrenvorsitzender angehört.

Neue Entwicklungen
Nach dem Abschluss seines Studiums der Verkehrsbetriebswirtschaft an der FH Heilbronn im Jahr 1988, tritt Helmuts Sohn Roland in die Geschäftsleitung ein. Zuvor leistete er seinen Wehrdienst in der Nachschubkompanie 360 in Bad Mergentheim. Während des Studiums war er viel als Reiseleiter und Reisebusfahrer im elterlichen Unternehmen unterwegs. Gemeinsam nutzen Vater Helmut und Sohn Roland die neuen Möglichkeiten des Anfangs der 90er Jahre deregulierten Gütertransportmarktes. Die Industrialisierung der Region verschafft den nötigen Rückenwind und so entwickeln die beiden Jumbolastzüge, Planentieflader mit Heckverbreiterung, Doppelstocktransporte, Tiefbett-Lkw, spezielle Ladungssicherungssysteme und mehr.

Dritte Generation
1999 übergibt Helmut Rüdinger nach 40 Jahren Aufbauarbeit das Bus- und Speditionsunternehmen mit 100 Mitarbeitern an seinen Sohn Roland, der im gleichen Jahr seine Frau Anja heiratet, in das Sammelgutsystem „Online Systemlogistik“ eintritt und in den Stadtrat von Krautheim gewählt wird.

Zu seinen Hobbys zählt neben dem Trompetenspielen in der Stadtkapelle Krautheim und dem Tischtennis, auch das Engagement bei den Wirtschaftsjunioren. Über diese Jugendorganisation der IHK Heilbronn-Franken hat er sich in viele Funktionen „hinein entwickelt“: Mitgliedschaft bei der Vollversammlung und im Präsidium, Vorsitz im Verkehrsausschuss, Delegiertenfunktion im DIHK-Verkehrsausschuss in Berlin. Im Speditionsverband ist er in Baden-Württemberg Vize-Präsident, auf Bundesebene Vorsitzender des Verkehrsausschusses für Straßengüterverkehr und Präsidiumsmitglied.

Beruflicher Ehrgeiz
Den beruflichen Ehrgeiz weckt bei Roland besonders der Bereich Ladungssicherung: Als VDI geprüfter Ladungssicherungstrainer hält er viele Seminare und trägt so zu reibungslosen Transporten bei. Mit Roland Rüdinger kam der Schwenk zur Lagerlogistik. Was er 1995 mit einem Existenzgründungsdarlehen begonnen hat, ist inzwischen die zweite Säule des Logistikunternehmens: 100 000 Quadratmeter bewirtschaftete Hallenfläche.

Das vom Vater vererbte Interesse an Innovationen und Fahrzeugtechnik bringt Roland in die Weiterentwicklung der Planentieflader und der Lang-Lkw ein. Sein Ziel ist die Verkehrspolitik im Interesse effizienter und nachhaltiger Gütertransporte mitzuprägen und Neuerungen als Erster auf die Straßen zu bringen. Der Digitalisierungspreis der Verkehrsrundschau 2018 und der Große Preis des Mittelstandes 2020 der Oskar-Patzelt-Stiftung würdigen die hohe Fachkompetenz und die gute Unternehmensentwicklung. Auf die vierte Generation, die schon in den Startlöchern steht, kommen sicher genauso spannende Zeiten zu.