Vorreiter in Sachen Klimaschutz

Fairknallt ist das Motto des Models Marie Nasemann (32). Gerade erschien unter gleichem Namen ihr erstes Buch beim Ullstein Verlag. Nasemann lebt in Berlin und macht sich für Nachhaltigkeit, politische und feministische Themen stark.

Stefanie Fischer vom Start-up Local to go und Klimaschutzmanager Jonathan Wein mit Local-to-go-Produkten, die nicht nur nachhaltig, sondern auch elegant sein sollen. Schaut auf diese Stadt Fotos: Peter Koch/AgentK, Elfi Hofmann, Local to go, yotrakbutda/stock.adobe.com

10.06.2021

Während andere Gemeinden noch überlegen, ob sie in einen Klimaschutzmanager investieren sollen, hat Brackenheim gleich zwei Personen in diesem Bereich eingestellt. Das ist aber noch lange nicht alles. Die Gemeinde im Zabergäu hat eigene Projekte am Start, die vor allem auf Nachhaltigkeit ausgerichtet sind.

Brackenheim ist anders als viele andere Gemeinden. Denn die Stadt im Zabergäu verspricht nicht nur, sich für den Klimaschutz einzusetzen – sie setzt die selbstgesteckten Ziele auch um. Und das seit Jahren. Bereits 2014 hat der damalige Bürgermeister Rolf Kieser ein eigenes Klimaschutzkonzept vorgestellt. Nur ein Jahr später wurde der erste Klimamanager eingestellt, der die Leitlinien umsetzen sollte und dank dessen Engagement die Heuss-Stadt für die Aktion „Klimafair verpackungsarm einkaufen“ 2018 als „Klimaaktive Kommune“ ausgezeichnet wurde. „Thomas Königstein hat sehr viel gemacht im Bereich CO²-Reduzierung“, sagt Kiesers Nachfolger, Bürgermeister Thomas Csaszar, der seit 2020 im Amt ist.

Krimmers Backstub’

Auf Königstein folgten im vergangenen Jahr Stefan Wirth und Jonathan Wein, die unterschiedliche Schwerpunkte in ihrer Arbeit setzen. „Ich kümmere mich viel um Marketing und Öffentlichkeitsarbeit“, erzählt Jonathan Wein. „Und sein Kollege betreut das zentrale Gebäudemanagement“, ergänzt Czaszar.

Dazu gehören technische Aspekte wie Straßenbeleuchtung und die Sanierung öffentlicher Gebäude sowie Heizungsanlagen, die auf dem Prüfstand stehen. Die Trennung der Stelle in zwei unterschiedliche Bereiche sei eine richtig gute Sache, sagt Jonathan Wein: „Es kommen immer weitere Themenfelder dazu, die Arbeit wird umfangreicher.“

Dazu gehört auch die nachhaltige Beschaffung innerhalb der Stadtverwaltung. Ende des vergangenen Jahres hat der Gemeinderat beschlossen, vorrangig und im Rahmen des Möglichen Produkte und Dienstleistungen zu beziehen, die aus nachhaltiger und fairer Produktion kommen. Außerdem soll das Bewusstsein der Mitarbeiter geschärft werden. „Nicht jede Mail muss man ausdrucken“, sagt Jonathan Wein. Dass beide Klimamanager Vollzeit arbeiten, sei eine Weiterentwicklung, sagt Thomas Csaszar. „Wir sind davon überzeugt, dass es sich bezahlt machen wird, wenn wir es richtig angehen.“


„Wir sind davon überzeugt, dass es sich bezahlt machen wird, wenn wir es richtig angehen.“

Thomas Csaszar, Bürgermeister Brackenheim


Finanzielle Unterstützung für die Klimamanager durch das Land Baden-Württemberg erhält die Gemeinde nicht mehr. Nachdem die Förderung ausgelaufen war, entschied sich der Gemeinderat trotzdem für eine Weiterführung. „Das ist wirklich beachtlich“, erzählt Jonathan Wein. Beachtlich ist auch die Resonanz auf das Pilotprojekt „Brackenheim to go“, das im April startete. Gemeinsam mit der Start-up-Firma „Local to go“ aus Cleebronn initiierte die Stadt ein Mehrweg-Pfandsystem, das Einwegverpackungen ersetzen soll. Die Behälter können dann beim Einkauf befüllt werden und sollen bis zu 1000 Mal verwendet werden können. Wenn ein Behälter kaputt geht, wird er eingeschickt, eingeschmolzen und zu einer neuen Box verarbeitet. „Es ist echt Wahnsinn, wie das angenommen wird“, erzählt Jonathan Wein. „Das hätten wir niemals gedacht.“ Viele Betriebe hätten bereits Schalen nachgeordert, andere seien etwas zurückhaltender. „Manche haben sich an dem englischen Ausdruck To Go gestört“, räumt Thomas Czaszar ein. Doch das seien nur Kleinigkeiten. Aus anderen Gemeinden und Landkreisen hätte es bereits Anfragen gegeben. Was Jonathan Wein besonders freut: Die Stadtverwaltung unterstützt auch dieses Projekt mit einer Anschubfinanzierung.

Vor dem Rathaus steht ein E-Auto, das zwar von jedem nach einer Anmeldung genutzt werden kann, aber bisher vorwiegend von den städtischen Angestellten gefahren wird.
Vor dem Rathaus steht ein E-Auto, das zwar von jedem nach einer Anmeldung genutzt werden kann, aber bisher vorwiegend von den städtischen Angestellten gefahren wird.

Bereits seit Herbst 2019 arbeitet Brackenheim außerdem mit einem Carsharing-Unternehmen zusammen. Vor dem Rathaus steht seitdem ein Kleinwagen, der 100 Prozent elektrisch fährt und regelmäßig an einer Ladesäule in der Kirchstraße aufgetankt wird. Theoretisch könnte jeder das Auto nutzen. Praktisch wird es hauptsächlich von Mitarbeitern der Stadtverwaltung gefahren. „Leider wird es nur selten in Anspruch genommen“, bedauert der Bürgermeister. Das liege auch am komplizierten Buchungsablauf. Das Problem haben allerdings auch andere ländliche Gemeinden wie etwa Zaberfeld.

„Ich verstehe, dass man wenig Lust darauf hat, wenn man in einem Teilort wohnt und dann erstmal herkommen soll, um sich ein Auto zu mieten“, sagt auch der Klimamanager, der sich schon auf die Zeit nach Corona freut. Dann will er gemeinsam mit der Stadtverwaltung und dem Arbeitskreis Klimaschutz weitere Ideen umsetzen. Dazu gehören vor allem Projekte in Schulen, um das Bewusstsein für das wichtige Thema Klima zu stärken. Sobald es die Situation zulässt, soll es auch wieder Müllsammelaktionen mit dem Bauhof geben. Ein weiterer Gedanke des 25-Jährigen: Trinkwasserspender in allen Schulen aufzustellen, um so unnötigen Müll zu vermeiden. Elfi Hofmann