Nachhaltigkeit macht Spaß

Fairknallt ist das Motto des Models Marie Nasemann (32). Gerade erschien unter gleichem Namen ihr erstes Buch beim Ullstein Verlag. Nasemann lebt in Berlin und macht sich für Nachhaltigkeit, politische und feministische Themen stark.

Marie Nasemann

4.06.2021

Was kann ich bei einem Pullover für acht Euro im Sale schon groß falsch machen?

Marie Nasemann: Wahrscheinlich so ziemlich alles, denn für so einen Preis kann das Kleidungsstück weder fair noch nachhaltig produziert sein. Das heißt, sowohl der Planet als auch Menschen entlang der Lieferkette haben unter der Produktion gelitten und einen Schaden davon getragen.

Sie schreiben sehr eindrücklich vom Besuch Ihrer ersten Demo – warum tun sich so viele Menschen schwer, ihre Meinung offen zu sagen und Stellung zu beziehen?

Nasemann: Ich glaube, Kinder in unserer Gesellschaft wachsen schon so auf, dass sie brav und am besten nie zu laut sein sollen. Dagegen sein und sich auflehnen wird eher bestraft, sich fügen und lächeln belohnt. Ich musste erst lernen, dass ich nicht lächeln muss, nur um meinem Umfeld ein gutes Gefühl zu geben.

Die Küchenwerkstatt GmbH

Wie möchten Sie anderen Menschen Lust aufs Fairknalltsein machen?

Nasemann: Ich möchte zeigen, dass Nachhaltigkeit kein Verzicht auf Spaß und keine Einschränkung der Freiheit ist. Es ist ein bewussterer Lebensstil, der sowohl günstiger ist als auch mehr echte Freude bringen kann, die über kurze Konsumkicks hinaus geht. Denn was entsteht ist eine neue Liebe für Dinge, eine Wertschätzung, die sich viel schöner anfühlt.

Der Untertitel Ihres Buches lautet „Mein grüner Kompromiss“ – können Sie sich tatsächlich mit einem Kompromiss zufriedengeben?

Nasemann: Ja, ich glaube, wir haben keine andere Wahl als Kompromisse einzugehen. Radikale Nachhaltigkeit leben, würde heißen, Selbstversorger zu sein oder besser noch, gar nicht zu existieren. Wer kann oder will schon auf ein abwechslungsreiches, schönes Leben verzichten? Was uns bleibt ist die Option, uns einzuschränken – und zwar so, dass das Leben trotzdem noch schön ist. Denn jeder hat ein Recht auf ein schönes Leben. Das gilt aber eben auch für zukünftige Generationen.

Wie finde ich faire und nachhaltige Kleidung?

Nasemann: Generell rate ich dazu, weniger zu kaufen und genauer zu überlegen, was man braucht. Wir alle besitzen viel zu viele Fehlkäufe und Schrankleichen. Dabei hilft total, auf Spontankäufe zu verzichten und immer ein paar Nächte über eine Kaufentscheidung zu schlafen. Wenn man etwas sucht, dass es Secondhand nicht zu kaufen gibt und man sich nicht stundenlang in die verschiedenen Siegel einlesen möchte, empfehle ich einfach, einen Concept Store zu besuchen der auf faire und nachhaltige Mode spezialisiert ist. Die Verkäufer können einem auch viele Fragen beantworten.

Den Fokus auf Handlungsoptionen legen – dass das Ihr Anliegen ist, wird besonders auf den letzten Seiten des Buches deutlich. Warum liegt Ihnen das Thema so am Herzen?

Nasemann: Das Thema Nachhaltigkeit erschlägt einen schnell. Jede Tageszeitung ist voll von Tipps, wie wir nachhaltiger leben können. Aber obwohl wir alle so viel mehr über die Krise und was wir tun können wissen, verändert sich wenig an unserem tatsächlichen Verhalten. Ich habe probiert herauszufinden, woran das liegt und hoffe, ich gebe die richtigen Anreize, dass man sich eben doch einen Schups gibt. Milva-Katharina Klöppel