Wo Beständigkeit und Wandel keine Widersprüche sind

Neckarsulm – eine moderne Stadt, die sich ihren ursprünglichen Charakter bewahrt hat

Zu den steinernen Zeugen aus der Epoche des Deutschen Ordens gehört die Stadtbild prägende St. Dionysius-Kirche, die von 1706 bis 1710 erbaut wurde. Foto: Archiv/Klug

14.07.2021

Fragt man Ortsfremde, was ihnen zu Neckarsulm einfällt, heißt die Antwort in 99,9 Prozent aller Fälle: Audi. Zwar ist der deutsche Autobauer das größte aller Unternehmen vor Ort, aber die mit ihren rund 27 000 Einwohnern doch eher kleine Stadt hat in Sachen Wirtschaft weit mehr zu bieten – etwa weitere namhafte Firmen wie Rheinmetall Automotive (Früher KS Kolbenschmidt), Lidl, Kaufland, Binder oder Bechtle, die ihren Anteil an den tausenden von Neckarsulmer Arbeitsplätzen haben. Doch nicht nur zum Arbeiten kommen die Menschen gerne nach Neckarsulm. Schließlich ist die Stadt weit über ihre Grenzen hinaus bekannt für Sport, Kultur, Weinbau und Gastlichkeit.

Aushängeschilder im Sport
Mit ihren mehr als 3600 Mitgliedern in 14 Abteilungen spielt die 2009 aus den beiden Vereinen Sportvereinigung Neckarsulm 1946 und Sportfreunde Neckarsulm hervorgegangene Sport Union eine herausragende Rolle: Sie stellt eine Handball-Damen-Mannschaft in der ersten Bundesliga, Olympiahoffnungen bei den Schwimmern sowie Triathleten, Ruderer und Leichtathleten, die auf nationaler und internationaler Ebene Erfolge feiern. Dass die Sportler eines der Aushängeschilder Neckarsulms sind, das hat übrigens eine lange Tradition: Schon 1954 hatten sich die Neckarsulmer als frischgebackener deutscher Mannschaftsmeister im Boxen bundesweit einen Namen gemacht. Im vergangen Jahrzehnt war es Dominik Britsch, der als Profi-Boxer auf nationaler und internationaler Ebene die Neckarsulmer Farben im Ring vertrat.
   

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Edle Tropfen
Auf eine noch längere Tradition blickt der Weinbau in der Stadt zurück. Vor der einsetzenden Industrialisierung war er zusammen mit der Landwirtschaft einer der wichtigsten Wirtschaftszweige am Ort. Zudem wurde in Neckarsulm einer der ersten Weinbauvereine Deutschlands ins leben gerufen. Ins Leben gerufen von Anton Viktor Brunner und zwar schon 1834. Weil er die Position seiner Wengerterkollegen stärken wollte, erfolgte 1855 zudem die Gründung einer Weingärtnergenossenschaft. Dass Brunner als Wirt des Gasthauses Prinz Carl ganz nebenbei noch eine eigene Bierbrauerei betrieb, bleibt eine Randnotiz. Apropos Gastronomie: Davon hat die Stadt auch heute noch reichlich zu bieten – ob Eiscafé, gemütlicher Biergarten, urige Kneipe, gehobene Küche oder eingesessene Besenwirtschaft. Wirtschaftlich bergauf ging es für Neckarsulm mit Beginn der Industrialisierung, als Christian Schmidt 1880 seine „Mechanische Werkstatt für Strickmaschinen“ in Neckarsulm ansiedelte. Als der Absatz dieser Maschinen stagnierte, stellte Schmidt zuerst auf Fahrräder und im Jahr 1900 auf die Motorradproduktion um – und begründete so den Ruf Neckarsulms als Zweiradstadt. Zu diesem Zeitpunkt beschäftigte das Unternehmen, das mit neun Mitarbeitern gestartet war, schon mehr als 1000 Arbeitskräfte – mit steigender Tendenz. 1926 wurde die Strickmaschinenwerktstatt in „NSU Vereinigte Motorenwerke AG“ umbenannt.

Eine der beliebtesten städtischen Veranstaltungsreihen bei Besuchern ist „Donnerstags in die City – Hierspielt die Musik“. Die Sommerkonzerte auf dem Marktplatz werden von Tausenden besucht. Foto: Archiv/Leitz
Eine der beliebtesten städtischen Veranstaltungsreihen bei Besuchern ist „Donnerstags in die City – Hier
spielt die Musik“. Die Sommerkonzerte auf dem Marktplatz werden von Tausenden besucht. Foto: Archiv/Leitz

Steinerne Zeugen
Obwohl Neckarsulm schwer unter dem Zweiten Weltkrieg zu leiden hatte – am 1. März 1945 wurden große Teile der Innenstadt durch einen Bombenangriff zerstört – finden sich heute noch viele steinerne Zeugen einer reichen Geschichte. Besonders lebendig geblieben ist die Epoche des Deutschen Ordens, der von 1484 bis 1805 über Neckarsulm herrschte – zuerst auf der Burg Scheuerberg und nach deren Zerstörung im Stadtschloss, das nach seiner Zerstörung 1949 in annähernd alter Form wieder aufgebaut wurde und bis heute das Stadtbild mit prägt. Genauso wie der Marktplatzbrunnen, der vermutlich zwischen 1484 und 1538 errichtet worden ist. Zu den Bauten der Deutschherren zählen auch das alte Rathaus (1544), das neue Rathaus (1781/82), die Große Kelter (1567) und die Kirche St. Dionysius, deren Bau in den Jahren 1706 bis 1710 erfolgte. Selbst im Stadtwappen blieb diese Epoche verewigt – mit dem Kreuz des Deutschen Ordens und den roten Ringen aus dem Wappen des 1484 amtierenden Deutschmeisters von Neipperg.

Hohe Lebensqualität
Ob Freizeitspaß im Aquatoll, nette Geschäfte im Herzen der Stadt oder unzählige kulturelle Angebote: Neckarsulm bietet seinen Besuchern und Bewohnern eine große Freizeitqualität, was die moderne Stadt nicht zuletzt den jahrzehntelang sprudelnden hohen Gewerbesteuereinnahmen zu verdanken hat. Auch wenn die Verwaltung mittlerweile den Gürtel etwas enger schnallen muss, wird weiterhin kräftig in die Kultur investiert – mit vielen städtischen Veranstaltungsreihen zu denen „Donnerstags in die City – Hier spielt die Musik“, „Neckarsulm lacht“, „Das Festival der lachenden Töne“, eine preisgekrönte Kunstfilmreihe im Scala-Kino, eine Theaterreihe in der Ballei oder „thea & kiki“ für kleine Zuschauer gehören. Ergänzt wird das unterhaltsame Angebot durch Veranstaltungen unter der Regie der regen örtlichen Vereine. So kommen Feierwütige beim Ganzhornfest, Freunde der schönen Künste bei Aufführungen des Vereins Kreatief – Kultur im Unterland auf ihre Kosten. Nicht zu vergessen die zahlreichen Veranstaltungen im Veranstaltungskalender des Audi-Forums.

Museen und mehr
Und auch das Bildungsangebot ist nicht von schlechten Eltern: Mit Vernissagen, Ausstellungen und einem umfangreichen Kursangebot bietet die Volkshochschule Wissensdurstigen ein breites Spektrum. Angebote für Jung und Alt, Lesungen und jede Menge Literatur finden Interessierte auch in der Mediathek, die in diesem Jahr ihren 100. Geburtstag feierte. Dazu gesellen sich zwei städtische Museen, die mit ihren pfiffigen Konzepten auch jene anziehen, die mit Exponaten aus der Vergangenheit eher weniger am Hut haben. So können sich Besucher im Deutschen Zweirad- und NSU-Museum auf einen faszinierenden Streifzug durch die Fahrrad- und Motorradgeschichte begeben oder die weltweit größte NSU-Sammlung inklusive der ersten Hochräder und Sicherheitsfahrräder bestaunen. Mit 400 Exponaten auf über 2000 Quadratmetern Ausstellungsfläche beherbergt das alte Gemäuer die größte historische Sammlung von Zweirädern in Deutschland.

Wechselhafte Geschichte
Wer in die wechselhafte Geschichte Neckarsulms eintauchen will, der ist im Stadt- und Heimatmuseum an der richtigen Adresse. Im Ackerbürgerhaus aus dem Jahr 1545 wartet eine spannende Zeitreise durch 1200 Jahre Stadtgeschichte auf große und und besonders kleine Besucher. Gerade für Letztere wurde ein museumspädagogisches Konzept entworfen. Ob „Spurensuche im Mittelalter“, „Ritter Ulrich und das Leben auf der Burg“ oder „Märchen mit allen Sinnen“ – in den Mitmachausstellungen wird die die Vergangenheit lebendig gemacht – als Freizeitspaß für die ganze Familie. Fast schon folgerichtig wurde das Museum 2009 zum „vorbildlichen Heimatmuseum“ des Regierungsbezirks Stuttgart prämiert.

Kaum eine andere Kommune der Region, die es geschafft hat, Historie und Gegenwart, modernes Stadt- und beschauliches Landleben auf so gelungene Art miteinander zu vereinen. Beständigkeit und Wandel, Weinbau und Wirtschaft, Kultur und Klamauk: In Neckarsulm gehen diese Begriffe Hand in Hand.

Ulrike Kübelwirth