Obersulmer Sagen: Trinkfreudige Gesandte und eine ruhelose Sau

Sechs ehemalige selbstständige Gemeinden verfügen über wenig Spitznamen, aber viele Sagen und Legenden

Ungewöhnlich niedrig ist der Turm des Eschenauer Schlosses. Der Überlieferung nach, ließ ihn ein Schlossherr abreißen, um Störche fernzuhalten. Foto: Archiv/Sawatzki

1.12.2020

Die noch junge Gemeinde Obersulm, die 1972 durch den Zusammenschluss von Affaltrach, Eichelberg, Eschenau, Weiler und Willsbach entstand (1975 gesellte sich noch Sülzbach hinzu), ist relativ arm an Spitznamen. Da gibt es die Weiler Rebhühner und die Willsbacher Kropfjockel. Zumindest bei Letzteren lässt sich erahnen, woher der Uzname kommt – von der schlechten Wasserqualität in früheren Zeiten, welche die Kropfbildung bei der Bevölkerung besonders begünstigt haben muss. Reich hingegen sind die sechs ehemaligen Dörfer, wenn es um Sagen und Legenden geht, die der Willsbacher Hermann Haas einst gesammelt und Amélie Sauer für das Buch „Obersulm _ Sechs Dörfer – eine Gemeinde“ zusammengetragen hat.

Brückengeister von Sülzbach
Auf dem Anstieg zwischen Grantschen und Sülzbach befand sich früher ein Steg, bei dem man es niesen hörte. Wer das erlebte, machte sich so schnell er konnte davon. Doch eines mitternachts überquerte ein Mann auf dem Heimweg von der Sülzbacher Kerwe den Steg, als von unten das Niesen ertönte. So rief er „Helf Dir Gott da unten“. Daraufhin kam ein buckliges Männlein zu ihm hochgekrabbelt, drückte dem Zecher die Hand und sagte „Wünsch dir Glück, dir und deinen Kindern und deinen Kindeskindern.“ Es sei, so erzählte es, schon über hundert Jahre unter dem Steg in Bann gewesen und nun erlöst worden.

Blindschleiche in der Suppe
Als eine Besonderheit besitzt das Eschenauer Schloss einen Turm, der ein ganzes Stück niedriger ist als der Dachfirst. Es wird daher angenommen, dass dieser aus einer Zeit stammt, als dort noch eine Burg und kein Schloss gestanden hatte. Der Sage nach gibt es aber einen anderen Grund dafür: Früher, als der Turm noch höher war, hatte sich dort ein Storchenpaar niedergelassen, baute ein Nest und zog dort seinen Nachwuchs groß. Als nun die Schlossherrschaft an einem heißen Sommertag im Garten zu Mittag aß – auch die jungen Störche warteten auf ihr Mahl – flog die Storchenmutter mit einer Blindscheiche im Schnabel über die Gesellschaft. Fast schon am Ziel, wand sich die Blindschleiche aus dem Schnabel der Störchin und fiel ausgerechnet in die auf der Tafel stehende große Suppenschüssel. Darüber war der Schlossherr so erbost, dass er beschloss, die Störche künftig auszuquartieren. Damit sie nicht mehr auf dem Turm nisteten, ließ er diesen auf seine heutige Höhe abbrechen.

Der Lederhosenwald
Einst hatten sich die Willsbacher Geld bei den Sülzbachern geliehen und dafür einen Teil des Lederhosenwaldes als Sicherheit eingebracht. Am Tag der Rückzahlung – sie hatte bis Mitternacht zu erfolgen – schickte Willsbachs Bürgermeister eine Abordnung in die Nachbargemeinde, wo die Gesandten zum feucht-fröhlichen Umtrunk eingeladen wurden. Immer wieder kreisten die Humpen, selbst als die Nacht schon hereingebrochen war. Als die Turmuhr 11 schlug, setzten die Willsbacher ihre Amtsmiene auf und wollten nun endlich die Schuldsumme übergeben. Doch der Sülzbacher Bürgermeister schob das Geld wieder zurück – mit den Worten „Es ist schon Miternacht vorbei. Unsere Turmuhr geht eine Stunde nach.“ So hatten die Willsbacher einer Teil ihres Lederhosenwaldes schlicht verzecht.

Jedem sein „Klopferle“
Fast jede Weinbaugemeinde der Region hat ihr „Klopferle“. In Affaltrach rumort es in der äußeren Kelter an Lichtmess, wenn ein gutes Weinjahr bevorsteht. In Willsbach wird ein solches angekündigt, wenn es in der Keltergasse in den Rauhnächten ordentlich „kranzscht“ (kreischt) und den Eichelbergern kündigt an den Christfeiertagen ein Geist mit Rehbockstimme ein gutes Weinjahr an.

Ungeheuer vom See
Wer glaubt, Legendenbildungen gehören in frühere Zeiten, der irrt. Relativ jung ist nämlich die Sage vom Ungeheuer im Breitenauer See. Als der See zwischen 1975 bis 1980 gegraben wurde, mussten viele Bauern ihr Land aufgeben. Darunter war auch einer, der auf dem geplanten Seegelände seinen Saupferch hatte. Wegen des Projekts musste er seine Landwirtschaft aufgeben und seine beste Sau schlachten. Erbost schwor er Rache und vergrub die Knochen seines „Mistkratzerles“ an der Stelle, an der es ihm immer freudig entgegen gegrunzt hatte. Als der See fertiggestellt war, lagen diese Knochen auf seinem Grund. Doch der Geist der geschlachteten Sau fand vor lauter Wut keine Ruhe. Von Zeit zu Zeit tobte er durchs Wasser und wütete dabei so schrecklich, dass dabei gefährliche Strudel entstanden. Doch wie sollte man dem Treiben abhelfen? Ein in der Schweinezucht erfahrener Bauer schlug vor, der Sau jedes Jahr ein paar Zentner Kartoffeln zu opfern, immerhin sind diese ja die Leibspeise von Schweinen. Dies geschah und siehe da: Das Ungeheuer vom Breitenauer See forderte von nun an keine Opfer mehr. So entstand der Brauch, jedes Jahr im Frühsommer ein paar Zentner Kartoffeln in den See zu kippen.

Die Bekanntschaftsanzeige
H.K. saß wieder einmal mit seinen Freunden beim Schoppen im Willsbacher Hassebeck-Stüble. Man hatte sogar einen Ehrengast dabei: Einen Redakteur der Heilbronner Stimme. Als der erfuhr, dass H.K. noch zu haben war, bot er ihm eine kostenlose Bekanntschaftsanzeige in der nächsten Samstagsausgabe der HSt an. Aber, was schreiben? Nach einigem Nachdenken formulierte H.K.: „Geld kann se gern genug habe. Schaffe soll se könne. Se brauch net schön sei. Se kann auch blind sei, die Auge wern ihr scho aufgeh wenn’se mit mir verheiert ist,“ Ob die Anzeige je erschien, ist nicht überliefert.

Von unserer Redakteurin
Ulrike Kübelwirth

HNV-Fahrplantipps

In den Ortsteilen der Gemeinde Obersulm verkehren mehrere Regionalbuslinien als Rundverkehr. Es bestehen Busverbindungen nach Lehrensteinsfeld, Löwenstein, Wüstenrot und in den Kreis Schwäbisch Hall. In vier Ortsteilen gibt es zudem einen Stadtbahnhalt, in Willsbach auch einen Regionalzughalt. Mit der Stadtbahn gibt es zum einen Verbindungen in die Ortsteile, zum anderen nach Öhringen oder Heilbronn. Per Regionalzug besteht eine zweistündige Verbindung nach Heilbronn, Öhringen oder Schwäbisch Hall. red