Neckarsulmer Spitzname Spitzdapper: Modesünde oder rabiates Benehmen?

Für die Spitzdapper gab’s jede Menge Spott und Hohn

Ob die selbst hergestellten Neckarsulmer Schuhe diesen ähnelten, bleibt ungewiss. Sicher ist aber, dass die Städter als Spitzdapper in die Geschichte eingingen. Foto: dpa

13.07.2021

Nein, schmeichelhaft sind die Spitznamen nie, die in früherer Zeit den Orten und ihren Bewohnern zugedacht wurden. Doch meist liegen ihnen wahre Begebenheiten zugrunde. Und sie geben zumindest einen Hinweis darauf, wie die Menschen angrenzender Flecken ihre Nachbarn sahen. Meist weisen die Uznamen auf herausstechende Eigenarten der Menschen hin, mal auf Geschichten á la Schilda oder es ist schlichter Neid, der so zum Ausdruck gebracht wurde. Neckarsulm bildet da keine Ausnahme.

Der Spitzname der heutigen Zweiradstädter geht auf eine Zeit lange vor der Industrialisierung zurück, in der Weinbau und Landwirtschaft eine große Rolle spielten und das Leben in der Stadt noch ländlich geprägt war.

  

Bauernund Wengerter
Demzufolge bestand ein Großteil der Bevölkerung aus Bauern und Wengertern. Darunter gab es zum Teil auch recht wohlhabende Vertreter, die kaum anders als heutige Promis schon damals von ihren Mitmenschen mit Argusaugen beobachtet wurden.

So machte es auch ohne Facebook und Co. schnell die Runde, dass besagte Neckarsulmer Zeitgenossen zwar Geld, aber keinen Anstand hatten. Ihre Umgangsformen, so darf man vermuten, waren alles andere als ihrem Status entsprechend – eher ungeschliffen und keinesfalls städtisch. Das Benehmen der Neckarsulmer ließ offenbar so viel zu wünschen übrig, dass man ihnen das Etikett Spitzdapper verpasste. Ein Neckname, über dessen Entstehung bis heute noch eifrig spekuliert wird.

Immerhin gibt es mündliche Überlieferungen, die alles andere als jugendfrei eindeutig darauf hinweisen, dass mit „Spitzdapper“ genau das gemeint ist, was einem bei diesem Ausdruck im ersten Augenblick sofort in den Sinn kommt: Rabiate Männer, die dorthin treten, wo es ihren Geschlechtsgenossen ganz besonders weh tut. Andere leiten den Uznamen nicht vom „dappen“, also treten, sondern von Deppen her – eine Lesart, die eher unwahrscheinlich erscheint.

Liebste Version
Und dann kursiert noch eine dritte Version, die den Neckarsulmern selbst am liebsten ist, und die tatsächlich schriftlich überliefert wurde: Demnach hätten die Bewohner des Städtchens in früherer Zeit selbst angefertigte spitze Winter- und Hausschuhe getragen, die offenbar weder allzu modisch, noch allzu bequem gewesen sein dürften. Mit ihrer Modesünde an den Füßen seien die Neckarsulmer ganz komisch und somit ganz unverkennbar daher gedappt, was bei ihren Nachbarn für jede Menge Spott und Hohn gesorgt haben dürfte.

Ulrike Kübelwirth