Räumungsverkauf

Für das Haus Diemer beginnt eine neue Ära: Im Dezember geht 193-jährige Firmengeschichte zu Ende – Wohnungen statt Einzelhandel

Noch bis Dezember hat das Neckarsulmer Modehaus Diemer seine Pforten geöffnet. Dann geht die 193-jährige Firmengeschichte zu Ende. Foto: Archiv/Seidel
Noch bis Dezember hat das Neckarsulmer Modehaus Diemer seine Pforten geöffnet. Dann geht die 193-jährige Firmengeschichte zu Ende. Foto: Archiv/Seidel
Noch bis Ende des Jahres ist das Modehaus Diemer beliebte Adresse für gute Beratung und Mode für die ganze Familie in Neckarsulm. So lange läuft in dem traditionsreichen Fachgeschäft der Räumungsverkauf. Dann beginnt eine neue Ära für das Diemer-Haus in der Fußgängerzone. Die Immobilie ist verkauft und wird komplett umgebaut – entsprechend den heutigen Marktanforderungen.

Vergebliche Suche

Das kam so: Weil es keine Familien-interne Nachfolge gibt, sollten allmählich Zukunftsperspektiven für das Modehaus erkundet werden. Ein Käufer für die Immobilie sollte gefunden, und der Einzelhandel noch einige Jahre weiterbetrieben werden. Auch die sofortige Übergabe an einen Nachfolgebetreiber wäre denkbar gewesen.

Doch die Realität sieht anders aus. Trotz intensiver Suche war kein neuer Betreiber für das Modehaus in dieser Größenordnung zu finden, und – noch wichtiger – kein Käufer der Immobilie, der sich auf Einzelhandel im bisherigen Stil einlassen möchte. Der Markt fordert etwas anderes: Wohnraum. So erstellte das Neckarsulmer Architektenbüro Vogt-Heller ein neues Konzept für rund 20 qualitätsvolle Mietwohnungen und drei kleinere Einzelhandelsflächen im Erdgeschoss. Dazu fand Architekt Ingo Vogt auch gleich den passenden Investor: Eberhard Kern mit seiner Bauherren-Gemeinschaft.

Dann kam unerwarteter Zeitdruck dazu: Das Haus liegt in einem Sanierungsgebiet – ein wichtiger Faktor für den Investor – und dieses besteht nur noch bis Mitte 2020. Bis dahin müssen wesentliche Abbruch- und Bauarbeiten abgeschlossen sein.

Fünf Generationen

Schweren Herzens hat sich die Familie Diemer deshalb zu dieser einzigen realen Alternative entschlossen und den Verkauf der Immobilie vereinbart. Das Modehaus wird noch bis Ende 2019 bestehen und dann seine Pforten schließen. Nach 193 Jahren Firmengeschichte in fünf Generationen ist der Diemer-Familie die Entscheidung absolut nicht leicht gefallen, vor allem auch im Hinblick auf die zahlreichen engagierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die teilweise mehr als 30 Jahre zum Haus gehören.

Ihnen gilt an erster Stelle der Dank der Familie Diemer für ihren unermüdlichen Einsatz sowie das persönliche Verhältnis zur Inhaberfamilie und zur Stammkundenschaft, das über das rein Berufliche weit hinausging. Auch den Stammkundinnen und Stammkunden sowie allen Lieferanten und Dienstleistern spricht Thomas Diemer seinen Dank für die jahrelange Treue aus.

Nachhaltige Lösung

Dass die Zukunft nun in den Händen Neckarsulmer Projektentwickler und Investoren liegt, die mit hohem Engagement und Verantwortungsbewusstsein eine dem Standort angemessene und nachhaltige Lösung realisieren, kann ein wenig darüber hinwegtrösten, dass hiermit eine Ära zu Ende geht – die traditionsreiche Ära des Hauses Diemer. red

Mit einem Webstuhl fing alles an...

Wie (fast) alle Neckarsulmer war Nikolaus Diemer Wengerter. Und wie fast alle Wengerter hatte er einen Zweit-Job. Warum er dann 1826 diesen – das Weben – zum Hauptberuf machte, weiß man nicht mehr. Von da an zog der „Wollen-Diemer“ auf die Märkte im Umkreis, um das zu verkaufen, was er in seiner Webstube in der Frühmessgasse herstellte. Das Geschäft entwickelte sich allmählich zur kleinen Manufaktur. Von Webwaren stellte Diemer auf Strick- und Wirkwaren um. Er zog in die Marktstraße, wo in besten Zeiten 40 Frauen arbeiteten. Die Rundstrickmaschinen bezog er von Christian Schmidt in der Nähe von Ulm. Weil dort die Wasserkraft zurückging, gab er ihm den Tipp, dass am Neckarufer ein Areal frei wurde, das sich für eine Strickmaschinen-Fabrik, die „NSU“, eignet. Später entstanden dort Fahrräder, Motorräder und viele Audis.

Als die Zeit reiner Handelsbetriebe kam, trat Alfons Diemer als einer der Ersten in eine der neuen Einkaufs- Gemeinschaften, die Hadeka, ein. Das Geschäft florierte, bis es im Zweiten Weltkrieg, am 1. März 1945, total zerstört wurde. Tochter Anna- Maria hielt die Stellung mit ihren Eltern, weil die beiden Söhne, Alfons und Heribert, im Krieg waren. Nur Heribert kam zurück. Mit Ehefrau Maria baute er die Ruine zum stattlichen Modehaus aus – unermüdlich, weitsichtig und ideenreich.

„Wir machen Mode zum Erlebnis“. Das gilt bis heute für Thomas Diemer und sein engagiertes Mitarbeiterteam. Persönliche Beratung, gute Markenqualität und individueller Service sind die besonderen Pluspunkte im Modehaus – noch bis Ende Dezember. Dann endet nach 193 Jahren die Ära Diemer. red