Heimatforschung in der Hohenloher Ebene: Geschichten und Gerüchte

SAGEN, SPITZNAMEN, SYMBOLFIGUREN In vielen Orten werden fantasievolle Überlieferungen gepflegt

Heimatforscher Karlheinz Englert in den Ruinen von Burg Heimberg, die Die einst oberhalb von Bretzfeld-Unterheimbach lag. Fotos: Archiv/Böttinger, Koch 

Überlieferte Ortsnecknamen, Mythen und Sagen finden sich in fast jedem Ort der Hohenloher Ebene. So mancher beschäftigt sich ausgiebig damit, wie beispielsweise Karlheinz Englert. Manche entspringen komplett der Fantasie der Menschen – haben sich aber dennoch über viele Jahre hinweg gehalten – und manche haben ihren Ursprung in wahren Begebenheiten und regionalen Eigentümlichkeiten.

Stummes Brünnele Der Fantasie entspringt wohl auch die Geschichte vom „Stummen Brünnele“, die sich in der Nähe der Burg Heimberg, die oberhalb von Bretzfeld-Unterheimbach lag, zugetragen haben soll. Die Zungen wurden ihnen abgeschnitten, den beiden Zwergen, die in einem unterirdischen Gang zwischen den Burgen im Sandrain und auf dem Heimberg Wasser schleppen mussten. Der Sage nach ließen einst die Ritter der beiden Burgen Wasser aus einer Quelle im Tal bei Unterheimbach holen. Dazu setzte man die ihrer Sprache beraubten Zwerge ein. Schließlich sollte nichts ausgeplaudert werden, was in den Burgen geschah. Die beiden Wichte bekamen eines Tages heftigen Streit und brachten sich gegenseitig um. Nur wenige Zeit danach sollen die beiden Burgen zerstört worden sein. Der Name des Brünnleins sei bis heute geblieben.

Unruhiger Geist Die Sage vom „Holländerle“ gehört wohl zur Gruppe von Geistererzählungen, die man bis heute in Brettach kennt. Sie besagt, dass ein Holzhauer aus Maienfels im oberen Brettachtal seine Frau getötet, in sieben Stücke gehackt und anschließend die Leichenteile in die Brettach geworfen habe. Der Mörder fand jedoch keine Ruhe und geistert nach seinem Ableben als Licht längs des Flüsschens entlang. Gern folge er der Aufforderung so mancher nächtlicher Wanderer: „Holländerle, kumm und leucht mer, kriegsch an ganze Kreuzer“. Den wollte ihm wohl ein Unterheimbacher nicht geben, was das Holländerle schließlich veranlasste, sich ihm schwer und immerzu klopfend auf den Rücken zu setzen. Als der Unterheimbacher so geplagt seine Haustür erreichte, konnte er erst hinein, als Angehörige auf einem langen hölzernen Rührlöffel den geforderten Kreuzer reichten. Danach sei der Löffel zur Hälfte verkohlt gewesen.

Hochgeistige Einfalt Ein weitaus weniger düsterer Geselle ist der Öhringer Hamballe, den Jung und Alt als Bronzefigur des von Hermann Koziol gestalteten Hamballebrunnens vor der Geschäftsstelle der Hohenloher Zeitung in der Bahnhofstraße bewundern können. Dort steht der „Urtyp hochgeistiger Einfalt“ seit 1986 mit geöffnetem Schirm im Regen und gießt Blumen. Ein Tölpel, ein Trottel, liebenswert und eigen, steht für diese Bezeichnung, die es bis in die Mundart-Wörterbücher geschafft hat. Ursprung des Öhringer Hamballe war wohl ein Geistesblitz des Männerturnvereins zu Beginn des letzten Jahrhunderts. Just zur Fastnacht wollten die sportlichen Herren eine eigene Narrenzeitung herausgeben und gaben ihr den Namen Hamballe. Eine erste historisch belegte Ausgabe erschien am „31. Februar“ 1908 unter dem schmucken Titel: „Der Hamballe – Jährlich erscheinendes Amts- und Intelligenz-Blatt mit General-, Lokal- und Skandal-Anzeiger“. Mit 73 299 Exemplaren war diese erste Auflage beziffert. Die Zeiten änderten sich und aus dem Männerturnverein wurde die heutige TSG Öhringen, aus dem Hamballe-Titel von einst schließlich die „Faschingszeitung für die Hohenloher Schiefebene“. Und so erscheint „Der Hamballe“ alljährlich und pünktlich immer zum Samstag vor Aschermittwoch und plaudert die Neuigkeiten und Nettigkeiten aus Öhringen (Hamballingen) und Umgebung eines ganzen Jahres aus: Gerüchte, Unglaubliches und Kurioses. Darunter findet sich auch so manches, was nicht jedem gefällt.

Die Skulptur in der Bahnhofstraße zeigt den Öhringer Hamballe.

Bergaffen Wenig Gefallen dürften die Waldenburger wohl an ihrem Spitznamen „Berchaffa“ (Bergaffen) finden, zu dessen Entstehung sich auch nach längeren Nachforschungen kaum eine plausible Erklärung vorweisen lässt. Dass der „Berg“ angesichts der Lage Waldenburgs als Balkon Hohenlohes zum Spitznamen dazugehört, liegt auf der Hand. Aber „Affen“?

Nach ausgiebigem Stöbern in den Ortschroniken finden sich zumindest zwei Spottverse, die eine Erklärung liefern könnten. Der erste lautet: „Die Waldenbercher Madlich san alle sou stolz, am Sunndich trochaâ’s Hütlich, am Werchdich trochaâ’s Holz.“ Der Vers gibt Hinweise auf die sozialen Verhältnisse, die im 19., eventuell auch im 18. Jahrhundert, in Waldenburg vorherrschten. Eine Zeit, die für viele Waldenburger von bitterer Armut geprägt war. In die gleiche Richtung geht der zweite Spottvers: „Waldeberch, du scheene Stadt, außenrum mit Mauern, drinnen hängt der Bettelsack und des isch zu bedauern.“ Was beide Spottverse verbindet: Der Gegensatz zwischen schönem Schein (Hütlich/ Stadtmauern) und ärmlichem Sein (Holz sammeln/Bettelsack). Nur vermuten kann man, dass der Spitzname „Berchaffa“ mit diesen Gegebenheiten zusammenhängt. Weil die Waldenburger in den stolzen Mauern einer Residenzstadt lebten und dennoch in großer Armut mühselig ihr Brot verdienen mussten, haben sie das vielleicht gern mal überspielt. Das wiederum mag manchen Zeitgenossen vielleicht affig im Sinne von geziert, albern oder eingebildet vorgekommen sein und zum bösen Spott gereizt haben. red