Schmerztherapie am SLK-Klinikum Bad Friedrichshall: Quälender Dauerschmerz

Fibromyalgiesyndrom lässt sich nicht heilen – Aktivität und Bewegung können den Betroffenen helfen


2.09.2020

Pausenlos Schmerzen an wechselnden Körperstellen: zuerst am Ellbogen, am folgenden Tag an der Hüfte. Patienten mit Fibromyalgiesyndrom (FMS) leiden unter diffusen Schmerzen, die am ganzen Körper auftreten können. Außerdem klagen sie häufig über Begleitsymptome wie das Fatigue-Syndrom, bei dem Betroffene Erschöpfung und Müdigkeit empfinden. Auch eine Reizdarmsymptomatik oder Schlafstörungen können unter anderem auftreten. 

SCHMERZREIZE  
Fibromyalgie heißt wörtlich übersetzt Faser-Muskel-Schmerz. Eine Parallele zum Rheuma wurde früher gezogen. „Weichteilrheuma“ wurde die Krankheit deshalb genannt, die seit 2014 von der WHO als Erkrankung und als behandelbar anerkannt ist. Dabei sei FMS keine rheumatische Erkrankung, sagt Dr. Sabine Paul, Oberärztin der Orthopädie und Unfallchirurgie, Wirbelsäulenchirurgie und Schmerztherapie am SLK-Klinikum Bad Friedrichshall. Die Krankheit hat keine muskulären oder degenerativen Ursachen. „Es handelt sich um eine Schmerzverarbeitungsstörung, bei der Patienten Schmerzen empfinden, die keine objektiven Ursachen haben.“ Es können oft keine Veränderungen an den Muskeln, Gelenken oder Organen nachgewiesen werden.

Die Schmerzverarbeitung ist bei den Betroffenen verändert, ihr Gehirn ist für Schmerzreize besonders sensibilisiert. Es ist keine seltene Erkrankung, die Prävalenz liegt bei circa 14 Prozent. Frauen sind bis zu circa 80 Prozent davon betroffen. Die Krankheit setzt meistens ab Mitte 30 ein, kann aber auch schon im Kindes- und Jugendalter eintreten.

Wenn Patienten seit drei bis sechs Monaten unter solchen anhaltenden Schmerzen leiden, kann das auf FMS hindeuten. „Im Sommer, wenn es warm und trocken ist, gehen die Schmerzen bei manchen Patienten zurück, im Herbst und Winter empfinden sie oft mehr Beschwerden“,

sagt Ärztin Sabine Paul. Betroffene sind häufig in ihrer Lebensqualität eingeschränkt und können oft nicht mehr arbeiten. Es gibt keine eindeutigen Ursachen – und auch keine vollständige Heilung. Bio-psychosoziale Faktoren können eine Rolle spielen. Eine mögliche Ursache können Stresssituationen oder auch bestimmte frühkindliche Erfahrungen sein. Zum Teil ist das FMS auch an Persönlichkeitsmerkmale gebunden. „Ein Teil der Patienten ist eher perfektionistisch“, hat Dr. Paul bei der Behandlung herausgefunden. Auch andere Ursachen sind möglich.

AKZEPTANZ
Die Erkrankung verkürzt nicht die Lebenserwartung. „Das Ziel aller Therapien besteht darin, die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern und ihre Funktionsfähigkeit im Alltag zu erhalten“, sagt Sabine Paul.

Patienten gehen häufig von Arzt zu Arzt, um die Ursache ihrer Leiden zu erfahren. Eine Schwierigkeit sei, dass sie sich nicht ernstgenommen fühlen und befürchten würden, dass man ihnen nicht glaube. Menschen, die am Fibromyalgiesyndrom erkrankt sind, müssten vor allem lernen, ihre Beschwerden zu akzeptieren und damit umzugehen, sagt Dr. Paul.

Körperliche Aktivität im Ausdauerbereich hält die Expertin für das wichtigste therapeutische Mittel. Darunter fallen Tätigkeiten wie Spazierengehen, Walken, Radfahren, Schwimmen und Tanzen. „Alles, was Spaß macht“, erklärt Dr. Paul. 30 Minuten am Tag solle man sich bewegen, so intensiv, dass man leicht schwitzt. Wichtig ist, dass man in Bewegung kommt. „Schonung ist der falsche Weg, man muss herauskommen aus der Passivität.“ Statt sich aufs Bett zu legen oder Schmerzen mit Massagen lindern zu wollen, solle man zur Eigenaktivität angeleitet werden. „Man muss vorsichtig den Weg in eine aktive Lebensgestaltung finden.“ Verhaltenstherapie kann dazu beitragen, mit den Schmerzen besser umzugehen. Außerdem können ein geregelter Tag-Nacht-Rhythmus, Stressvermeidung, positive Erlebnisse und Empfindungen hilfreich sein. Schmerzmittel werden zwar oft verordnet, doch sie helfen meist nicht, sagt Dr. Paul. Für Patienten kann das eine deprimierende Erfahrung sein. Niedrig dosierte Antidepressiva können Schmerzen, Müdigkeit und Schlafstörungen verringern. Schmerzmittel benötigen Patienten, wenn sie noch eine körperliche Zweiterkrankung haben. Eines ist beim Umgang mit FMS besonders wichtig: Patienten sollten kommunizieren, über ihre Krankheit reden und diese verstehen lernen, so Ärztin Sabine Paul.

VON UNSEREM REDAKTIONSMITGLIED, MARIE-LUISE SCHÄCHTELE