Wie Foodtrends nachhaltiger werden können

Viele Lebensmittel werden als sogenannte Superfoods vermarktet. Oft sind sie auch Bestandteil von Gerichten, die im Trend liegen. Doch nicht nur der Begriff Superfoods ist problematisch, die Früchte legen meist weite Transportwege zurück. Dabei gibt es nachhaltigere Alternativen.

Fotos: Andreas Veigel, privat, mizina, Jiri Hera/stock.adobe.com

10.06.2021

Manche Lebensmittel sollen besser sein als andere: Immer wieder kommen neue Superfoods auf den Markt, die schlanker und gesünder machen sollen. Dass das einen Nerv trifft, zeigt der Umsatz, der mit Superfoods erzielt wird: 2014 lag er in Deutschland noch bei 1,5 Millionen Euro. Zwei Jahre später stieg er laut einer Studie des Datenanalyse-Unternehmens Nielsen auf 42,6 Millionen Euro an.

Superfoods sind „überwiegend pflanzliche Lebensmittel wie exotische Früchte, Samen oder Algen, die in ihrer natürlichen und ausgereiften Form reich an wertvollen Inhaltsstoffen sind“, wagen die Autoren von „Super Local Food“ (Oekom-Verlag, 2020) einen Definitionsversuch. Sie „weisen einen besonders hohen Anteil an Vitaminen, Mineralien, Enzymen und oder pflanzlichen Sekundärstoffen auf“. Den Begriff Superfoods bewerten die Autoren allerdings kritisch. Denn er suggeriere eine „besondere Gesundheitswirkung, die oft aber noch nicht eindeutig nachgewiesen wurde“. Zumal eine gesunde Ernährung Abwechslung bedeutet und Gesundheit ein komplexes und individuelles Zusammenspiel ist. Viele Superfoods seien außerdem „Importprodukte, die in Deutschland nicht angebaut werden oder angebaut werden können“.

Tatsächlich ist die ferne Herkunft der Superfoods Teil der Marketing-Strategie: Chiasamen, Avocados und Co. werden wie gut geschützte Ernährungsgeheimnisse angepriesen. Wirklich neu sind sie aber nicht. Den Einwohnern von Mittel- und Südamerika sind Chiasamen schon seit Jahrhunderten bekannt. In Deutschland, wo sie seit 2009 gehandelt werden, preist sie die Lebensmittelindustrie wegen ihrer Ballaststoffe, ihres Calcium-Gehalts und der Omega-3-Fettsäuren an. Dabei lassen sich diese Nährstoffe auch in heimischen Produkten wie Hafer oder Leinsamen finden.

Wirkung

Die gesundheitsfördernden Eigenschaften bestimmter Superfoods sind meist wissenschaftlich nicht belegt, informiert die Verbraucherzentrale Baden-Württemberg auf ihrer Website. Kein Lebensmittel allein kann Wunder bewirken – die Vielfalt macht’s. Wer sich also gesund ernähren will, setzt auf eine ausgewogene Ernährung. „Von einzelnen Lebensmitteln sollte man keine Wunderwirkung erwarten, aber jedes bringt bestimmte Nährstoffe mit und kann zu mehr Abwechslung im Speiseplan beitragen“, erklärt Lebensmittelexpertin Sabine Holzäpfel von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg.

Verbraucher sollten sich von Werbung zu Vitaminboostern und Co. deshalb nicht in die Irre führen lassen. Selbst Experten wie Sabine Holzäpfel müssen genauer hinsehen, um Studien auf ihre Repräsentativität zu prüfen. „Unabhängige Forschung ist oft rar. Ergebnisse aus einzelnen Studien sollten immer mit Vorsicht betrachtet werden“, rät Holzäpfel. Im Zusammenhang mit Lebensmitteln, die mit Superkräften beworben werden, wird die Verwendung von sogenannten Health Claims – also Angaben im Stil von „stärkt die Abwehrkräfte“ oder „ist gut für die Knochen“ – in einer EU-Verordnung geregelt. Demnach werden Claims verboten, wenn sie sich nicht auf allgemein anerkannte wissenschaftliche Nachweise stützen oder von Verbrauchern richtig verstanden werden.

Der Heilbronner Biogärtner Klaus Umbach ist überzeugt, dass die Goji-Beere eine blutreinigende Wirkung hat und sich positiv auf das Immunsystem auswirkt. „Schon fünf bis zehn frische Beeren am Tag, über Jahre hinweg, haben eine deutlich nachweisbare Wirkung und können die Nierenwerte verbessern“, betont er. Dass die Glücksbeere außerdem seit mehr als 3000 Jahren in der traditionellen chinesischen Medizin verwendet wird, spreche für sich. Goji wird nachgesagt, beim Abnehmen zu helfen, Schlafprobleme zu beheben, das Immunsystem zu stärken und sogar Krebs vorzubeugen. Beworben wird sie vor allem wegen ihres hohen Vitamin-B-Gehalts. Der lässt sich allerdings auch in heimischen Heidelbeeren, Holunder, Löwenzahn oder Spinat finden.

Für Klaus Umbach ist Goji eine „sinnstiftende Pflanze“. Vor etwas mehr als zehn Jahren stieß er auf die Glücksbeere. Sie stellte seine Welt auf den Kopf – und er seinen Betrieb kurzerhand um. Und zwar auf die Bedürfnisse der 15 Goji-Sorten, die er zunächst anbaute.

Das Marktinteresse an der Pflanze sei damals groß gewesen, berichtet Umbach. Edeka forderte von seinen Anbauern Innovationen. Also experimentierte der Gärtnermeister auf einem Hektar damit, Goji-Pflanzen anzupflanzen. Die meisten Sorten, die Umbach anpflanzte, „taugten nichts“. Am Ende blieb er bei „Turgidus“ hängen. Seit mittlerweile zehn Jahren kultiviert Umbach nun Goji-Pflanzen. Er hat es geschafft, die Sträucher in Bio-Qualität regional anzubauen. Damit ermöglicht er seinen Kunden, die nicht-heimische Pflanze zu kaufen und bei sich daheim wachsen zu lassen. Noch dazu ganz unbelastet von Gift- und Schadstoffen, im Gegensatz zu den Billigimporten aus Asien.

Faire Produktion

Wenn eine Frucht für den Inbegriff von Superfoods steht, dann ist das die Avocado. Sie liefert unter anderem ungesättigte Fettsäuren, soll den Cholesterinspiegel senken, fit und schlank machen. Weil sie so beliebt ist, stieg der weltweite Avocado-Anbau um 120 Prozent auf rund sechs Millionen Tonnen im Jahr 2017, der Import nach Deutschland um 230 Prozent auf rund 93 000 Tonnen. Die Schattenseiten sind verheerend: Ein Kilo Avocados benötigt beim Anbau bis zu 1000 Liter Wasser. In Mexiko werden dafür bis zu 4000 Hektar Wald gerodet.

Avocados finden sich auch in der Produktpalette des fairen Handelsprojekts Pois. Dessen Gründer Matthias Kästner erinnert sich: „In meiner Jugend gab es keine Avocados, aber die Leute wollen sie heute mehr denn je. Dieser Entwicklung kann man sich nicht verwehren.“ Was also tun? „Eine bessere Alternative ist, Avocados auf europäischem Weg zu kaufen, oder eben aus einem Gebiet in Portugal, wo es ausreichend Wasser für den Anbau gibt“, stellt Kästner fest.

Der portugiesische Ausruf Pois („Poisch“) lässt sich sinngemäß mit „Los geht’s!“ übersetzen. Ebendieser Aufbruchstimmung folgt die Philosophie des Handelsprojekts. „Ich will aufzeigen, dass fairer Handel in Europa möglich ist“, fasst Matthias Kästner den Kerngedanken zusammen. Bei Pois verkaufen er und sein Team die Ware von rund 140 portugiesischen Kleinbauern nach Deutschland. Die Erzeugnisse werden palettenweise in Sattelzügen nach Deutschland gebracht und dort im Direkthandel angeboten und verkauft. Die portugiesischen Projektpartner verdienen auf diese Weise bis zu dem Vierfachen dessen, was sie auf dem portugiesischen Großmarkt bekommen würden.

Neben seinen portugiesischen Partnern gehören 25 Mitarbeiter zur Pois-Familie. Eine Entwicklung, mit der Matthias Kästner nicht gerechnet hätte, als er vor rund acht Jahren seine deutschen Freunde mit Orangen aus Aljazur begeisterte. Heute umfasst das Pois-Portfolio neben Obst und Gemüse auch Kunsthandwerk, Wein, Käse, Tee und seit kurzem Yoga-Matten aus Kork.

An 56 Abholstellen werden die Bestellungen siebenmal im Jahr, von November bis Juni, ausgeliefert. Geschmack und Qualität der sonnengereiften Früchte und portugiesischen Waren erleben Kunden auch direkt im Pois-Hofladen in Winnenden und in Stuttgart. Unter den Wiederverkäufern, die den Verkauf für Pois abwickeln, ist auch der Unverpackt-Laden Liva in Heilbronn.

Pois ist zu einem Selbstläufer geworden. „In Portugal spricht sich das Projekt unter den Bauern herum“, sagt Matthias Kästner. Auf dem deutschen Markt seien portugiesische Produkte wenig vertreten – zu stark ist die Konkurrenz aus dem Nachbarland Spanien mit seinen Erdbeeren und seinem Salat, die in deutschen Supermärkten außerhalb der Saison verkauft werden. „Das steht einfach in keinem Verhältnis mehr“, sagt Matthias Kästner erregt. „Wie kann etwa eine Ananas einen Euro kosten, wenn sie zwei Jahre lang wachsen muss? Wir müssen an gesundem Wachstum ansetzen. Und daran, wie wir mit unseren Ressourcen umgehen.“

Wirklich regional

Bei Foodtrends zeichnet sich immerhin ein Umdenken hin zu mehr Nachhaltigkeit ab. Verbraucher wollen ihre Lebensmittel saisonal und regional einkaufen. „Seit der Corona-Pandemie ist die Nachfrage nach regionalen Produkten hoch“, weiß Christian Dieter vom Brackenheimer Lebensmittellieferdienst „Jetzt regional“. Nur: Bis zu welchem Umkreis fallen diese Produkte noch unter den Begriff regional? Christian Dieter und sein Geschäftspartner David Beyl haben sich auf Produkte verständigt, die in einem Umkreis von bis zu 50 Kilometern außerhalb von Heilbronn hergestellt oder angebaut wurden. Nur wenige Bauern und Erzeuger, deren Ware die beiden Jungunternehmer in die Haushalte liefern als auch an Abholstationen verkaufen, kommen von weiter her. Dafür überwiegt, dass Dieter und Beyl jeden einzelnen ihrer Partner persönlich kennen. Sie selbst kommen auch aus dem landwirtschaftlichen Betrieb und dem Weinbau. „Jetzt Regional“ hat seit seiner Gründung 2020 ein starkes Wachstum erfahren. Hier sind saisonales Obst und Gemüse wie Zwetschgen, Johannisbeeren, Mirabellen, Salat oder Spargel – sozusagen lokale Superfoods – nur dann verfügbar, wenn sie Saison haben. Das Vertriebsnetzwerk dient den Bauern als erweiterter Vertriebskanal und vereint sie für mehr Bekanntheit auf einer Plattform. Ähnlich wie bei Lieferando – nur unter faireren Bedingungen. Linda Möllers 

Nachhaltiger essen

Regionalität und Saisonalität: Wähle im Sommer regionales Obst wie Kirschen, Erdbeeren oder Pfirsiche, und verzichte so gut es geht auf exotische Früchte. Im Winter reichen Äpfel, stattdessen gibt es Gemüse satt wie Kürbis oder Rosenkohl.

Transport: Wähle Unternehmen, die einen klimafreundlichen Transport unterstützen.

Maßvoller Genuss: Zur Nachhaltigkeit gehört Verzicht – es muss auch nicht jeden Tag eine Mango in den Smoothie kommen.

Exotische Früchte selbst anbauen: Kiwi aus dem eigenen Garten hat eine unschlagbare Ökobilanz.