Wenn das Essen aus dem Müll kommt

Lebensmittel aus Supermarkt-Containern zu holen, ist in Deutschland weiterhin strafbar – Nachbarländer reagieren anders

Foto: Tatiana, 7707601, baibaz, bjphotographs, pavkis/stock.adobe.com  
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Abends, wenn es dunkel geworden ist, raschelt es hinter manchem Supermarkt bei den Mülltonnen. Containern nennt sich der Trend, bei dem Menschen Lebensmittel aus dem Abfallcontainer holen. Oft finden sie Bananen mit braunen Stellen oder Produkte, deren Mindesthaltbarkeitsdatum abgelaufen ist. Die Containerer nehmen mit, was sie verwerten können, einige posten ihre Funde in sozialen Netzwerken. Im Frühjahr waren zwei Studentinnen in Bayern wegen des Containerns verurteilt worden. Weil sie Lebensmittel aus den Mülltonnen eines Supermarkts geholt hatten, hatte ihnen das Amtsgericht in Fürstenfeldbruck eine Geldstrafe zur Bewährung und acht Sozialstunden bei der Tafel auferlegt.

„Containern ist und bleibt in Deutschland verboten, weil es einen Eingriff in das Eigentum darstellt.“

Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft

Gut einen Monat später machte das Thema erneut Schlagzeilen: Hamburgs Justizsenator Till Steffen (Grüne) wollte bei einem Treffen mit seinen Amtskollegen durchsetzen, dass das Containern bundesweit straffrei wird. Sein Vorschlag scheiterte. Auch Baden-Württembergs Justizminister Guido Wolf (CDU) lehnt es ab, das Containern zu legalisieren. Es seien in Baden-Württemberg seit 2015 keine Verfahren bekannt, bei denen Containerer verurteilt wurden. Zudem würden 80 Prozent der Supermärkte abgelaufene Lebensmittel an die Tafeln spenden. Wir haben vier Fakten zu dem Phänomen gesammelt:

Es gehen mehr Menschen containern als man denkt. Wie viele Menschen containern, lässt sich in Zahlen kaum beziffern. Denn aus rechtlicher Sicht ist das Mitnehmen von Müll Diebstahl und somit eine Straftat. Die Lebensmittel gehören auch dann noch dem Supermarkt, wenn er sie weggeworfen hat. Dennoch berichten im Netz Menschen aus ganz Deutschland über ihre Aktionen. Braune Bananen, runzlige Tomaten oder Kisten voller Brot und auch völlig intakte Ware holen die Containerer aus Supermarkt-Mülltonnen. Nicht immer ist dabei das Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD) überschritten. „Es gibt keine Statistiken und wir tauschen uns darüber auch nicht regelmäßig aus“, sagt Christian Böttcher, Sprecher des Bundesverbands des Deutschen Lebensmittelhandels. Im Zusammenhang mit dem Gerichtsprozess in Bayern haben bisher 143 476 Menschen im Internet die Petition „Containern ist kein Verbrechen“ unterschrieben.

Containern ist und bleibt in Deutschland illegal. Hierzulande ist die Rechtslage eindeutig: Was in der Mülltonne landet, gehört solange dem Supermarkt, bis es abgeholt wird. Wer die Lebensmittel mitnimmt, begeht Diebstahl und damit eine Straftat. Wird ein Müllcontainer sogar aufgebrochen oder klettert man über einen Zaun, kann das zusätzlich als Hausfriedensbruch geahndet werden. Aber nicht immer wird das Containern angezeigt. Im Netz berichten Menschen davon, dass die Polizei keine Anzeige aufgenommen hat, sie die Lebensmittel aber zurück in die Tonne legen mussten. Oder dass eine Anzeige wegen Diebstahls im Wert von null Euro aufgenommen wurde. Oft ziehen Supermärkte ihre Klagen auch zurück. Das Containern zu legalisieren, ist derzeit weiterhin nicht geplant. „Containern ist und bleibt in Deutschland verboten, weil es einen Eingriff in das Eigentum darstellt“, teilt das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft auf Anfrage mit. Es sei dringend davon abzuraten, weil bei Lebensmitteln aus dem Container „die Kühlkette unterbrochen wurde und es zu Verschmutzungen und Verderb kommen kann, auch wenn diese Schäden nicht unmittelbar sichtbar sind“.  
  
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Andere Länder gehen anders mit dem Thema um. Die europäischen Nachbarn bestrafen es oft nicht, wenn man Lebensmittel aus Containern mitnimmt. Müll gilt dort meist als herrenlose Sache. In Österreich, der Schweiz und in Dänemark ist das so. Solange nichts beschädigt wird, ist das Containern dort legal. In Frankreich und Tschechien gibt es Gesetze, die großen Supermärkten das Wegwerfen von Lebensmitteln verbieten. Essbares muss kostenlos an wohltätige Organisationen abgegeben werden, sonst drohen hohe Bußgelder.

Nicht immer gehen Lebensmittel an die Tafeln. Viele Supermärkte spenden Lebensmittel, bei denen das MHD fast überschritten ist, an die Tafeln. Doch nicht immer ist das so, denn nicht alle Märkte haben eine Kooperation mit der Tafel. Zudem können große Ketten immer besser voraussagen, welche Mengen eingekauft werden. Aber es gibt noch andere Probleme: Kann eine örtliche Tafel die gespendeten Lebensmittel nicht kühlen, kann sie diese nicht annehmen. Auch zubereitetes Essen ist ein Problem und kann nur selten gespendet werden. Und manchmal haben selbst die Tafeln zu viel von einem Lebensmittel. So nimmt die Heilbronner Tafel nur etwa zehn Prozent des Brots an, das sie jeden Tag haben könnte – weil es einfach zu viel davon gibt. Auch andere Produkte wie etwa Sauerkraut oder Fertigprodukte können Ladenhüter sein.

Christoph Donauer