Weniger Müll am Wickeltisch

Vorteile für Haushaltskasse und Umwelt

Fotos: Michaela Klose
Fotos: Michaela Klose
Immer mehr Eltern verwenden Stoffwindeln – Untereisesheim fördert seit Mai den Kauf der umweltfreundlichen Variante

Wer ein Baby hat, kauft Windeln – entweder paketweise Wegwerfwindeln oder die Stoffvariante. Diese Entscheidung muss jede Familie für sich treffen, oft ist es eine Frage der Überzeugung. Hersteller von Stoffwindeln haben jedoch einen Kostenvorteil errechnet. Selbst wenn Waschmittel und Strom berücksichtigt werden, seien die bunten Stoffvarianten günstiger. Zumal die Höschen einen hohen Wiederverkaufswert haben.

Ein anderes Kriterium ist der Müllberg: Die Zeitschrift Eltern geht von 6000 Windeln pro Kind in den ersten drei Lebensjahren aus. Hochrechnungen zufolge landen in Deutschland jeden Tag acht Millionen Windeln im Müll. Experten schätzen, dass die mehrere Hundert Jahre brauchen, um zu verrotten. Der Vorteil der Wegwerfvariante ist jedoch ein stets trockener Babypo. Stoffwindel-Befürworter argumentieren hingegen, dass Kinder heutzutage gerade deshalb immer später trocken werden.


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Für und Wider

Jede Menge Für und Wider zeigt auch die Diskussion, die in den sozialen Medien entbrannte, nachdem der Gemeinderat in Untereisesheim im Mai beschlossen hatte, den Kauf von Stoffwindeln mit 100 Euro pro Jahr zu fördern. Auf der Facebook-Seite der Heilbronner Stimme bewegte die Meldung tagelang die Gemüter. Viele fanden den Beschluss der Gemeinde nachahmenswert. Eine Kommentatorin fragte aber auch, ob Untereisesheim keine größeren Probleme habe. Eine andere schlug vor, den Gemeinderäten die gebrauchten Windeln zum Waschen vorbeizubringen. Der Schritt führe zurück in die Steinzeit, das sei „unvorstellbar“, hieß es.

In der Diskussion meldete sich auch Patrycja Lohse zu Wort. Als ihre Tochter vor drei Jahren zur Welt kam, entschied sie sich gegen Müllberge und für Stoffwindeln. Auch im Kindergarten sei das kein Problem, erzählt die Neckarsulmerin. Weniger als 20 Windeln in zwei verschiedenen Größen reichten ihr insgesamt aus, weil sie in jede Überhose immer eine Einlage legt. Die komme nach Gebrauch einfach in die Waschmaschine, Handwäsche sei nicht nötig.

Ein zusätzliches Vlies kann die waschbare Einlage zudem schützen: „Damit wird das große Geschäft einfach im Müll entsorgt“, erklärt Stoffwindelberaterin Tanja Vicino. Die Leingartenerin berät Eltern, zeigt verschiedene Windelsysteme und Designs. „Der Bedarf wächst“, sagt sie. Sie ist überzeugt, dass Stoffwindeln die Zukunft sind. Die seien ohne Chemie, auslaufsicher und atmungsaktiv. Als die Naturkosmetikerin selbst zum ersten Mal Mutter wurde, habe sie niemand fragen können, keine Informationen gefunden, erinnert sie sich. Durch Zufall stieß Tanja Vicino auf die Ausbildung und absolvierte den zweitägigen Kurs zur Stoffffwindelberaterin. Seitdem bietet sie Workshops und Einzelberatungen an. Die Zahl der Anfragen steige: „Viele Eltern machen sich darüber Gedanken.“
   

„Mit einem zusätzlichen Vlies wird das große Geschäft einfach im Müll entsorgt.“

TANJA VICINO
Stoffwindelberaterin

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Die Expertin präsentiert Windeln in fröhlich-buntem Design von verschiedenen Firmen in unterschiedlichen Größen. „Zuerst sollte man sich für ein System entscheiden“, rät Tanja Vicino. So genannte All-in-one-Systeme stehen den Wegwerfwindeln in der praktischen Anwendung in nichts nach, verursachen aber mehr Wäsche. Andere Systeme bestehen aus wasserdichten Überhosen und Einlagen. Mit Druckknöpfen sitzt alles auch beim Krabbeln fest. Je nach Material und Hersteller kosten die Hosen zwischen unter zehn und mehr als 20 Euro, manche wachsen mit. Hinzu kommen die Einlagen. Einige Firmen bieten komplette Einsteigerpakete an. Der Wiederverkaufswert ist hoch, viele Eltern kaufen auch gebrauchte Ware. Oder sie nutzen die Windeln erneut. So wie Patrycja Lohse. Beim zweiten Kind gibt sie kein Geld für Windeln aus: „Die alten sehen noch aus wie neu.“

Tanja Ochs
   
Fotos: Ralf Seidel
Fotos: Ralf Seidel

01 Als Tanja Vincino Mutter wurde, fehlte ihr kompetente Beratung. Deshalb hat die Leingartenerin selbst einen Kurs zur Stoffwindelberaterin absolviert.

02 Zwischen Babypo und waschbare Einlage können Eltern noch ein Vlies legen, um die Stoffwindel zu schützen.

03 Fester Sitz, sicherer Verschluss: Die wiederverwertbaren Windeln sind ebenso praktisch wie die Wegwerfexemplare.

04 Eltern müssen zuerst entscheiden, welches System sie nutzen möchten.