Präsent sein trotz Distanz

GROSSELTERN - So bleibt der Kontakt zu Kindern und Enkeln trotz Corona und auch über größere Entfernung eng

Kontaktpflege ist wichtig. Oft können die Enkel den Großeltern erklären, wie das auch per Internet funktioniert. Foto: Photographee.eu/stock.adobe.com

16.09.2020

Kinder und Enkel leben hunderte Kilometer entfernt – das ist in der modernen Gesellschaft Normalität, stellt Großeltern aber vor Herausforderungen. Wie können sie aus der Distanz das Leben ihrer Kinder und Enkel begleiten, auch wenn die eigenen Kräfte vielleicht nachlassen? Die gute Nachricht: Es geht. Vorausgesetzt, alle ziehen an einem Strang.

Verkleinert sich der Aktionsradius von Oma und Opa, besuchen die Kinder und Enkel sie statt anders herum, schlägt Psychologe Andreas Winkler aus Leipzig vor. Je nachdem, wie belastbar die Älteren sind und wie viel Platz zur Verfügung steht, können die Jüngeren bei Oma und Opa übernachten oder müssen ein Hotelzimmer buchen.

Erhard Hackler von der Deutschen Seniorenliga empfiehlt einen gemeinsamen Urlaub mit den Enkeln. Die Eltern könnten so entlastet werden, gleichzeitig sammeln die Kinder zusammen mit ihren Großeltern schöne Erlebnisse – zumindest, wenn es gut läuft. Denn wenn aus Distanz plötzlich dauerhafte Nähe wird, birgt das auch Konfliktpotenzial. Dennoch: „Wenn man gemeinsam so viel Zeit am Stück verbringen kann, ist das für alle ein Highlight“, meint Psychologe Winkler.


„Ein bewegtes Bild ist viel lebendiger als die Stimme am Telefon.“

Angelika Enzian


Beschränkungen
Und wenn Besuche oder Urlaube aufgrund der Corona-Pandemie nur eingeschränkt möglich sind? Schließlich zählen ältere Menschen zur Risikogruppe, weshalb in den vergangenen Monaten viele Familien auf Distanz gehen mussten – obwohl sie vielleicht im selben Stadtteil wohnen. Dann muss man über andere Wege den Kontakt halten.

Erhard Hackler hat während der Kontaktbeschränkungen einmal am Tag über einen Videotelefonie-Dienst mit seinen Enkeln gesprochen. „Ein bewegtes Bild ist viel lebendiger als die Stimme am Telefon“, sagt die Psychologische Psychotherapeutin Angelika Enzian aus Paderborn. Aber auch ein klassisches Telefonat ist besser als nichts.


„Wenn man im Urlaub gemeinsam so viel Zeit am Stück verbringen kann, ist das für alle ein Highlight.“

Andreas Winkler


Je jünger die Enkelkinder sind, desto wichtiger sei es, dass sie mit den Großeltern direkten Kontakt erleben, erklärt Enzian. Die Eltern spielen hier eine wichtige Rolle. Denn Kinder greifen atmosphärisch auf, wie ihre Eltern auf die Großeltern reagieren, so Enzian. Sie merken bereits an deren Tonfall, ob sie Lust dazu haben, die Oma oder den Opa anzurufen – und Lustlosigkeit kann auf die Kleinen abfärben. „Zwang auszuüben, hat dann keinen Zweck.“

Eine besondere Idee hatte Erhard Hackler: Er hat für seine tierbegeisterten Enkel ein Maulwurf-Märchen geschrieben, es als Sprachmemo aufgenommen und verschickt. „Wir drucken auch mal ein Gedicht aus und verschicken es oder einen Artikel für Kinder aus der Zeitung“, sagt er. Auch über gemalte Bilder, Briefe und Ansichtskarten freuen sich die Enkel. „Schreiben Sie Ihre eigene Geschichte auf“, rät Angelika Enzian. Wer noch alte Fotos hat, kann diese zu einem Fotobuch zusammenstellen.

Geschenke oder Geld kommen ebenfalls in Frage, um den Kontakt aufrechtzuerhalten. „Geld ist eine gute Option, falls die Großeltern keine Möglichkeit haben, selbst Geschenke zu besorgen. Das können dann die Eltern machen“, sagt Enzian.

Ruhebedarf
Wem das alles zu viel wird und wer lieber seine Ruhe haben möchte, sollte den Mut haben, das so zu kommunizieren und in der Familie zu bereden, rät Andreas Winkler. „Gerade Paare stellen sich aufeinander ein und kommen ohne viele weitere soziale Kontakte klar.“ Familientreffen etwa würden dann als zu laut und hektisch empfunden, weil sich die Älteren wegen ihres eingeschränkten Hörvermögens nicht mehr so gut an Gesprächen beteiligen können. „Das sollten Kinder akzeptieren“, meint Winkler. Dann sei ein kurzer Besuch eher das, was den Älteren gut tut.

Von Bernadette Winter, dpa

Verabredung

Die Psychologische Psychotherapeutin Angelika Enzian aus Paderborn regt eine regelmäßige Verabredung zum Video- oder Telefongespräch an. Geeignete Dienste sind beispielsweise Zoom, Facetime oder Skype, aber auch die Smartphone-App Whatsapp. „Wer immer am Sonntag mit Oma telefoniert, für den wird sie zur Bezugsperson.“ Der Anruf wird dann zur Selbstverständlichkeit – fällt er aus, dann fehlt etwas. dpa