Sie sind weg: Über das Aussterben von Schmetterlingen, Fröschen und Vögeln in Stadt- und Landkreis Heilbronn

Feldhamster, Laubfrosch und einige Schmetterlings- und Vogelarten sind in unserer Region ausgestorben

Foto: Wolf-Dieter Riexinger

7.10.2021

Lebensraumverlust und schwindende Nahrungsverfügbarkeit lassen mancher hier einst weit verbreiteten Tierart keine Chance.

In Heilbronn kann er in keinem Vorratsglas mehr das Leiterchen hochklettern und das schöne Wetter ankündigen – er ist ausgestorben: der allseits bekannte Laubfrosch, auch Wetterfrosch genannt. Als die Amerikaner in den 90ern die Waldheide verließen, war noch eine kleine Population vorhanden, weiß Wolf-Dieter Riexinger von der Unteren Naturschutzbehörde Heilbronn. Jetzt ist der Laubfrosch im Stadtgebiet Geschichte. Laut Vereinten Nationen sterben täglich weltweit 130 Tier- und Pflanzenarten aus. Dazu findet die Bundeszentrale für politische Bildung markante Worte: „Besonders der Verlust von Tierarten hat ein Ausmaß erreicht, das einzigartig in der geologischen Geschichte ist.“ Einzigartig schlimm.

Wer versucht herauszufinden, welche Tiere in der Region bereits nicht mehr leben, stößt auf Schwierigkeiten: Dazu gibt es keine offizielle Erhebung. Verschiedene Experten sammeln die Daten ihres Fachgebiets. So wie Martin Feucht vom Nabu Schwaigern und Umgebung. Er sagt: „Früher waren Schmetterlinge Alltagstiere.“ Heute schwirrt nur noch der Kohlweißling allüberall von Blüte zu Blüte. Doch wer heute den Großen Eisvogel, Segelfalter, Trauermantel, Großen Perlmutterfalter, Baumweißling, Wollafter, Großen Gabelschwanz, Wolfsmilchschwärmer, Schönbär, die Kupferglucke, das Blaue Ordensband oder das Veränderliche Widderchen sehen möchte, muss in Büchern oder im Internet nachschauen. Im Stadt- und Landkreis Heilbronn gibt es sie nicht mehr. Doch auch um den Kleinen Fuchs und das Tagpfauenauge macht sich der 76-Jährige große Sorgen: Davon hat der Schwaigerner in diesem Jahr nur je ein Gelege gefunden. Die Ursachen seien zum Beispiel in den veränderten Pflegemaßnahmen der Kommunen und Förster zu finden. An Wegrändern werden Büsche mit Maschinen abrasiert, Wegränder zur Unzeit gemäht. Feucht: „Auch im Wald sind im August auf beiden Seiten der Waldwege schon Bereiche ein bis zwei Meter breit abgemäht. Den Insekten fehlt überall die Nahrung, da vieles verblüht ist und alles fast gleichzeitig mitten im Sommer schon abgemäht ist.“


„Früher waren Schmetterlinge Alltagstiere.“

Martin Feucht, Nabu Schwaigern und Umgebung


Keine Feldhamster mehr

Wer diese Information für einen Witz hält, dem vergeht das Lachen schnell: In der Region Heilbronn ist der Feldhamster ausgestorben. Wolf-Dieter Riexinger kennt von früher noch Exemplare im Naturschutzgebiet Frankenbacher Schotter. Doch diese Zeiten sind vorbei. Das possierliche Tierchen ist laut WWF weltweit am Aussterben, denn: Sie pflanzen sich inzwischen weniger erfolgreich fort. Ein Weibchen bringt nur noch durchschnittlich fünf bis sechs Junge im Jahr zur Welt, früher waren es mehr als 20. Gründe dafür: landwirtschaftliche Monokulturen, veränderte Anbau- und Erntemethoden, Industrialisierung, globale Erwärmung und Lichtverschmutzung in dicht besiedelten Gebieten.

Konkrete statistische Erfassung zu nicht mehr vorhandenen Tierarten gibt es auch im Hohenlohekreis nicht. Doch auch hier melden die Experten: „Nach unserem Kenntnisstand sind der Wanderfalke, der Uhu sowie einzelne Fledermausarten wie die Hufeisennase oder das Braunkehlchen ausgestorben. Veränderte Umweltbedingungen führten auch dazu, dass verschiedene Libellenarten oder Amphibien wie beispielsweise der Springfrosch im Hohenlohekreis nicht mehr ansässig sind.“


„Die Menschheit führt einen Krieg gegen die Natur. Das ist Selbstmord. Die Natur schlägt immer zurück.“

Antonio Guterres, UN-Generalsekretär


Jochen Fischer vom Ornithologischen Arbeitskreis Heilbronn kann die Liste für den Stadt- und Landkreis noch erweitern: Steinschmätzer, Braunkehlchen und Ortolan sind nur noch als Durchzügler in unseren Gefilden zu finden. Brüten tun sie hier nicht mehr. Beispiel Braunkehlchen: Es besetzt als Bruthabitat reich strukturierte Wiesen- und Weidenflächen und war bis in die 1970er Jahre Brutvogel im Stadt- und Landkreis Heilbronn, zum Beispiel in den Neckarwiesen zwischen Heilbronn und Neckargartach oder im Zabergäu und Leintal. Jochen Fischer erklärt, warum es für manche Vogelart hier kein Überleben mehr gibt: „Alle diese drei Vogelarten haben mit starkem Lebensraumverlust und damit einhergehend auch einer schwindenden Nahrungsverfügbarkeit zu kämpfen. Auch der zunehmende Freizeitdruck durch Erholungssuchende, Sportler und die sehr stark ansteigende Zahl an freilaufenden Hunden führen zu einer weiteren Verschlechterung der Lage unserer Tier- und Pflanzenwelt.“

Der BUND schlägt in einer Pressemitteilung Alarm: „Fast die Hälfte (44,7 Prozent) aller einheimischen, regelmäßig in Baden-Württemberg brütenden Vogelarten wird bereits in den Gefährdungskategorien der Roten Liste geführt. In Zahlen: 89 von 199. Allein 25 Arten – also schockierende zwölf Prozent – sind bereits ausgestorben.“ Mit diesen Worten wollen die Naturschützer auch den letzten Unerschrockenen aufrütteln: „Singuläre Maßnahmen wie Nationalparke, Biosphärengebiete, Sonderprogramme oder kommunale Blühwiesen fallen bei der Gesamtschau kaum ins Gewicht. Was zählt, ist, dass von den rund 50 000 Tier- und Pflanzenarten in Baden-Württemberg bereits 40 Prozent gefährdet sind.“

Es ist fünf nach zwölf

Auch wenn einige Arten wie der Biber oder der Weißstorch, die laut Gottfried May-Stürmer vom BUND Kreisverband Heilbronn in unserem Raum bereits ausgestorben waren, wieder eingewandert sind, ist es fünf nach zwölf. Das hat auch der UN-Generalsekretär Antonio Guterres bereits mehrmals in seinen Reden betont: „Die Menschheit führt einen Krieg gegen die Natur. Das ist Selbstmord. Die Natur schlägt immer zurück.“ Katja Bernecker

Gründe fürs Aussterben

Die Bundeszentrale für Politische Bildung nennt Beispiele, was zum Ausrotten von Tieren führt:

► Ausbeutung der Natur, also die direkte Ausrottung einer Art, zum Beispiel durch Jagd und extensiven Fischfang

► Habitatverlust und -degeneration, das heißt die Zerstörung oder Schädigung der Lebensräume von Tieren

► Einführung fremder Tierarten, etwa durch Hobby-Tierhalter oder durch Warenlieferungen aus entfernten Regionen

► Aussterbekaskaden: Damit wird der Effekt bezeichnet, bei dem eine aussterbende Art zum Verlust weiterer Arten führt, da sie elementar wichtige Funktionen für den Erhalt der anderen Arten übernimmt, zum Beispiel, da sie als Nahrung dient

► Die entscheidenden Ursachen für den derzeitigen Verlust von Tierarten stellen die hohe Bevölkerungszahl und der Bevölkerungszuwachs der Menschen dar. Verantwortlich sind auch die Ausmaße der Landwirtschaft, der Industrie, des Tourismus und des internationalen Handels