Mit offenen Augen durch die Natur

Gesunde Winterküche

Fotos: Hagner; JRG, Lumistudio, mdbildes, smallredgirl/stock.adobe.com

7.10.2021

Sie können bei Hautproblemen helfen oder zum Verfeinern von Lebensmitteln eingesetzt werden: Kräuter findet man das ganz Jahr über. Die Expertin Ingrid Hagner hat viele davon im eigenen Garten.

Es ist noch gar nicht so lange her, da wussten viele Menschen beim Blick auf eine Pflanze genau, wie sie bei Krankheiten eingesetzt werden kann. „Heute ist dieses Wissen etwas Besonderes“, sagt Ingrid Hagner. „Früher war das Volksgut und völlig normal.“ Die Kräuterfrau sitzt auf der Terrasse ihres Hauses in Obereisesheim, trinkt – wie sollte es anders sein – einen Kräutertee und schaut in ihren riesigen Garten. Dort findet Ingrid Hagner eigentlich alles, was sie benötigt. Doch auch in ihrem grünen Paradies wird es langsam aber sicher Herbst. „Die Vielfalt ist in der kalten Jahreszeit natürlich nicht mehr so groß“, erklärt sie. Trotzdem könne man fündig werden – wenn man mit offenen Augen durch die Natur geht und weiß, nach was man Ausschau halten muss.

Die Küchenwerkstatt GmbH

Da wäre zum Beispiel der Gundermann, der das ganze Jahr über grün ist, aber aufgrund seines flachen Wuchses und den oft kleinen und zarten Blüten eher unscheinbar und unauffällig wirkt. Dauerkräuter wie Salbei oder Bohnenkraut findet man ebenfalls immer, genauso wie die Knoblauchsrauke. Die zweijährige Pflanze zieht sich im Winter zwar zurück und treibt im nächsten Jahr wieder aus. „Aus dem Samen kann man aber gut Senf machen“, erzählt Ingrid Hagner.

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Als Salatöl oder Creme einsetzbar

Doch nicht nur Essbares findet man in der Natur. Aus vielen Pflanzen lassen sich hervorragend Salben oder Cremes herstellen. So wie aus der Nachtkerze, die ursprünglich aus Nordamerika stammt, Anfang des 17. Jahrhunderts als Zierpflanze nach Europa gebracht und dort in Gärten und Parks kultiviert wurde. Dann verwilderte sie und ist nun fast im gesamten europäischen Raum verbreitet. Sie wächst wild an Bahndämmen, Böschungen, Straßenrändern und auf Brachen. Und bei Ingrid Hagner im Garten, wo man die Nachtkerze dank ihres hohen Wuchses und der leuchtend gelben Blüten schwer übersieht. „Die Samen kann man mit Öl ansetzen, das ist sehr gut für die Haut“, so Hagner. Besonders bei Hautausschlägen wird es eingesetzt. Siedet man die Samen ab, eignet sich das Öl auch für Salat. Ein Tee aus getrockneten Blättern hilft bei Durchfall, Magen-Darm- und Verdauungsbeschwerden.

Krimmers Backstub’

Wie Kräuter Schmerzen lindern oder bei der Genesung helfen können, basiert auf einem uralten Wissen, das mehrere tausend Jahre zurückgeht. Hinweise darauf finden sich in Schriften aus Mesopotamien und dem Alten Ägypten. Auch die Kelten sollen auf diesem Gebiet bewandert gewesen sein. In Deutschland klingelt es vor allem bei dem Namen Hildegard von Bingen im Ohr. Hunderte Heilkräuter kommen in ihren Büchern vor, darunter auch zwei ihrer Lieblingsgewürze: Bertram und Galgant. Beide kamen nahezu täglich auf den Tisch, Bertram wegen seiner positiven Wirkung auf die Verdauung, Galgant wegen seiner durchblutungsfördernden Funktion und seiner Hilfe bei Magenleiden und Verstopfung.

Lange Kochzeit erforderlich

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Auch wenn sich mittlerweile wieder viele Menschen auf dieses Wissen zurückbesinnen: „Meistens kauft man ja dann doch im Supermarkt ein“, sagt Ingrid Hagner. Schnell gehen müsse es außerdem. Aber in Kräutern sind viele Mineralstoffe, die erst durch eine längere Kochzeit zum Tragen kommen. Ganz im Gegensatz zu Vitaminen, die bei zu großer Hitze zerstört werden. Geduld ist eben eine Tugend, von der Ingrid Hagner viel besitzt.

Bei einem Rundgang durch ihren Garten kann sie zu jeder Pflanze etwas erzählen. Blütezeit, Heilkraft, Wirkung: Einen Teil dieses Wissen hat sie während ihrer Ausbildung in Freiburg erworben. „Man kann auf jeden Fall ein Gespür für Pflanzen entwickeln“, sagt sie und bleibt neben einer großen Brennnessel stehen. Deren Samen können im Herbst geerntet werden und sind nicht nur zur Vermehrung gedacht, sondern werden auch als Salatwürze genutzt. „Und sie machen sich besonders gut im Müsli“, sagt die Expertin. Elfi Hofmann
  

Tipp:

Die Samen von Brennnesseln benutzt Ingrid Hagner für Salate oder gibt sie über Müsli. Mit den Blättern kann gebacken werden.

In der Küche kann der würzige Gundermann wie Spinat zubereitet werden. Die Blüten sind als Salatzugabe sehr lecker.

Die Nachtkerze wurde nach Deutschland importiert und wächst häufig wild. Werden die Samen mit Öl angesetzt, sind sie vielseitig einsetzbar.

Um Kräutertee selbst herzustellen, eignen sich auch Löwenzahn oder Schafgarbe.

Auch die Blüten von Kräutern können gegessen oder als Zugabe zum Salat genutzt werden. Der perfekte Zeitpunkt, um die Blüten zu ernten, ist am Vormittag oder am späten Nachmittag.

Setzlinge der Knoblauchsrauke sollten im Herbst gepflanzt werden, um im Frühjahr und Sommer geerntet werden zu können.