Gratis sind Bus und Bahn nur außerhalb der Region

Kostenloser ÖPNV

Illustration: VectorMine/stock.adobe.com

7.10.2021

Mehrere Städte experimentieren mit kostenlosem Nahverkehr, entweder im Stadtkern oder an einzelnen Tagen. Auch in der Region kamen kostenlose Samstagsfahrten in der Adventszeit gut an. Darüber hinaus tut sich bisher jedoch wenig.

Augsburg hat sie schon: eine kostenlose City-Zone im Nahverkehr. Wer im Stadtkern mit Bus und Bahn unterwegs ist, kann dort je nach Fahrtrichtung ein bis zwei Stationen kostenlos fahren, ohne einen Fahrschein zu lösen. Das Angebot soll den Autoverkehr reduzieren und damit die Innenstadt attraktiver machen, den Einzelhandel stärken und die Luftqualität verbessern, erklärt ein Sprecher der Stadt auf Anfrage. Ob diese Ziele seit dem Start zum Jahresbeginn 2020 erreicht wurden, ist noch nicht klar: Wegen der Corona-Pandemie soll erst 2022 ausgewertet werden, ob die kostenlose City-Zone zu weniger Verkehr und Schadstoffen geführt hat. Die Einrichtung der Zone kostete einen fünfstelligen Betrag, außerdem schießt Augsburg jährlich 886 000 Euro für die entgangenen Fahrscheineinnahmen zu.

Vorreiter Walldorf

Die Augsburger City-Zone ist aber nicht das einzige Beispiel für Gratis-ÖPNV: Als erste Stadt in Baden-Württemberg macht Walldorf (Rhein-Neckar-Kreis) den Nahverkehr ab 2022 kostenlos. Nach zwei Jahren soll geprüft werden, wie sich die Fahrgastzahlen entwickelt haben. Bereits vorher wurden Bustickets von der Stadt bezuschusst und kosteten nur den halben Preis. Der komplett kostenfreie Busverkehr wird die Stadt voraussichtlich 53 000 Euro jährlich kosten.

In Ulm können Fahrgäste den ÖPNV im Stadtgebiet an Samstagen kostenlos nutzen. „Die Fahrgastzahlen sind dadurch deutlich gestiegen", berichtet Jan Ackermann von der Abteilung Mobilität bei der Stadt Ulm. Die Werbung für das Angebot und die entfallenden Fahrscheineinnahmen belaufen sich auf eine Millionen Euro jährlich. Deshalb, und weil nicht die gewünschten Effekte erreicht wurden, soll Ende 2022 Schluss sein. „Wir hatten vor allem Gelegenheits- und Seltennutzer“, erklärt Ackermann. „Viele hätten die Fahrt gar nicht angetreten, wenn es das kostenlose Angebot nicht gegeben hätte.“ Außerdem habe der kostenlose ÖPNV an Samstagen nicht dazu geführt, dass werktags mehr Menschen auf Bus und Bahn umsteigen. „Wir haben das Ziel, dass Menschen langfristig auf den ÖPNV umsteigen, nicht erreicht“, sagt Ackermann.

Erreichbarkeit

Das sei allerdings auch nicht das Hauptziel gewesen: Die Gratis-Busse und Bahnen sollten Menschen in die Innenstadt spülen, während dort an mehreren Stellen gebaut wird, damit der Einzelhandel erreichbar bleibt. Das habe man geschafft, erklärt Ackermann. „Die Menschen haben ihren Kaffee eher in der Stadt und nicht zu Hause getrunken.“ In Sachen kostenloser Nahverkehr ist nach 2022 in Ulm trotzdem nichts mehr geplant. Es sei „nicht unbedingt die Preisschraube, die die Leute lockt, sondern das gute Angebot“, betont Ackermann. Sinnvoller sei es, den Nahverkehr auszubauen. Dabei habe man jüngst Fortschritte gemacht: Wo vorher mehrere Busse fuhren, fährt nun die Straßenbahn der Linie 2.

Eine weitere Stadt, in der samstags kostenlos Bus gefahren werden kann, ist Tübingen. Neun Millionen Euro schießt die Stadt im Jahr dafür zu. Wenn es nach Grünen-OB Boris Palmer geht, soll der Nahverkehr in Tübingen in Zukunft komplett kostenlos werden. Dafür soll Tübingen eine Modellstadt werden, wofür Palmer beim Bund wirbt. Bisher konnte er dieses Vorhaben jedoch nicht umsetzen.

Und was passiert in der Region? Auch in Heilbronn wurde in der Vergangenheit mehrfach über kostenlosen Nahverkehr diskutiert. 2019 konnten Fahrgäste im Heilbronner Hohenloher Haller Nahverkehr (HNV) erstmals an den vier Adventssamstagen kostenlos im Kern-Tarifgebiet fahren. 160 000 Euro kostete die Aktion, die von vielen Fahrgästen genutzt wurde. Anschließend diskutierte der Gemeinderat, ob der ÖPNV auch 2020 von März bis Juli an Samstagen kostenlos sein sollte. Rund 800 000 Euro wurden dafür veranschlagt. Dazu kam es jedoch nicht. Im März dieses Jahres beschloss der Gemeinderat dann ein „Kraftpaket für die Innenstadt“, das auch einen kostenlosen Nahverkehr an „einigen Samstagen“ vorsieht, wie der Erste Bürgermeister Martin Diepgen versprach. Konkrete Pläne gibt es bisher jedoch nicht, erklärt Stadtsprecherin Suse Bucher-Pinell: „Derzeit sind keine kostenlosen Angebote des ÖPNV geplant.“ Auch ob Busse und Bahnen an den Adventssamstagen wieder kostenlos sind, müsse der HNV erst noch entscheiden. Christoph Donauer