Fairplay im Sport gilt selten für die Kleidung: Nachhaltigkeit spielt bei Trikots und Co. kaum eine Rolle

Nachhaltigkeit spielt bei Trikots und Co. kaum eine Rolle

Foto: pressmaster/stock.adobe.com
Foto: pressmaster/stock.adobe.com
Über die Herkunft von Eiern, den Kraftstoffverbrauch von Autos oder die CO²-Bilanz von Flugreisen denken inzwischen viele Menschen nach. Doch beim Thema Kleidung geht billig, funktional und fancy immer noch vor chemiefrei, fair und nachhaltig. Das gilt in besonderem Maße für den Sportbereich.

   

NUR KNAPP 9 Prozent DER SPORTBEKLEIDUNG IST MIT EINEM UMWELTLABEL GEKENNZEICHNET.“

Quelle: Marklowski, Tim: Masterarbeit zum Thema Bergsportmarkt und Nachhaltigkeit im Blickpunkt der Forschung

Ob Volkslauf, Firmenlauf, Marathon oder Triathlon – hunderttausende Deutsche rennen, schwimmen und radeln Wochenende für Wochenende irgendwo in der Republik. Bei solchen Veranstaltungen ist es Usus, dass Teilnehmer- Shirts als Andenken verteilt werden. „Die Shirts werden in der Regel nur einmal getragen. Aus meiner Sicht gehört diese Single-Use-Praktik verboten“, fordert Greenpeace-Expertin Viola Wohlgemuth. Wer sich mal die Mühe macht, wird feststellen, dass nahezu jedes dieser Kleidungsstücke irgendwo in Fernost hergestellt wird. Das gilt ebenso für all die Meister-, Aufstiegs-, Klassenerhalts- und Pokalsieg-Shirts, die jahrein jahraus zu den entsprechenden Feierlichkeiten angeschafft werden. Selbst der reine Hobbysportler wird kaum Sportkleidung finden, die nicht unter zumindest intransparenten Bedingungen produziert worden ist. Insbesondere dann, wenn das Hauptaugenmerk dem Preis und der Funktionalität gilt. „Das Thema Nachhaltigkeit entwickelt sich im Sportfachhandel langsam, aber Foto: pressmaster/stock.adobe.com kontinuierlich weiter“, sagt Georgios Chatzopoulos, Intersport-Manager für das Thema Corporate Social Responsibility, auf gut Deutsch unternehmerische Gesellschaftsverantwortung. „Das mag daran liegen, dass die Kunden sich noch nicht in dem Maße für nachhaltig produzierte Sportartikel interessieren, wie es der öffentliche Diskurs darüber suggerieren mag.“ Der Eindruck lässt sich anhand der Zahlen (siehe Grafiken) bestätigen.

„RUND eine Milliarde KLEIDUNGSSTÜCKE IN DEUTSCHLAND LIEGEN PRAKTISCH NUR IM KLEIDERSCHRANK.“

Quelle: Repräsentative Umfrage des Instituts Nuggets Market Research & Consulting GmbH im September 2015 im Auftrag von Greenpeace

Mangel an Vorbildern

Fehlt es womöglich einfach an Vorbildern? Welche Sportkleidung tragen denn die Profis? „Mit Erima in der Handball-Abteilung und Jako bei den Fußballern wird ein Großteil des Vereins mit Marken aus der Region ausgestattet, die neben der regionalen Komponente auch auf das Thema Nachhaltigkeit setzen“, teilt Sascha Göttler im Namen der Neckarsulmer Sport-Union mit. Die sportlichen Aushängeschilder der Region sind letztlich aber froh, dass sie ihre Ausrüstung kostenlos zur Verfügung gestellt bekommen. Weitere Ansprüche lassen sich da schwer stellen.

Doch wie sieht es bei einem Fußball-Bundesligisten aus, der ja von seinem Ausrüster dafür bezahlt wird, dass das kickende Personal mit dem entsprechenden Schriftzug auf dem Rasen herumläuft. „Wir gehen hier über eine eigene nachhaltige Lifestyle-Markenentwicklung, die in Afrika produziert wird, neue Wege. Teile der Verkaufserlöse fließen in soziale und ökologische Projekte vor Ort“, teilt Hoffenheims Mediendirektor Christian Frommert mit. Er räumt aber ein: „Im Massenmarkt der Sportbekleidung ist das Thema Nachhaltigkeit flächendeckend noch nicht ausreichend präsent. Einzelaktionen sorgen für Aufsehen und sind PR-trächtig, bei der Ausstattung von Clubs spielt Umweltschutz leider noch keine Rolle.“

„JEDER DEUTSCHE KAUFT IM SCHNITT 60 Kleidungsstücke PRO JAHR.“

Quelle: McKinsey & Company (2016), Style that’s sustainable: A new fast-fashion formula

Das Grundproblem betrifft letztlich jedwede Kleidung. „Wir sind über Jahrzehnte dazu erzogen worden, dass Kleidungsstücke Wegwerfprodukte sind“, sagt Wohlgemuth. Die Zahlen belegen diese These: Allein zwischen 2000 und 2014 hat sich die Bekleidungsproduktion verdoppelt, im selben Zeitraum hat sich die Tragezeit in Deutschland jedoch halbiert.

„RUND 60 Prozent ALLER KLEIDUNGSSTÜCKE WERDEN AUS POLYESTER GEFERTIGT, TENDENZ WEITER STEIGEND. ALLEIN EUROPAS WASCHMASCHINEN SPÜLEN DADURCH 30 000 Tonnen SYNTHETIKFASERN INS ABWASSER.“

Quelle: Textile World (2015), Man-Made Fibers Continue To Grow, und EU-Mermaids Report „Mitigation of microplastics impact caused by textile washing processes“

Weniger ist mehr

Was also tun? „Das nachhaltigste Kleidungsstück ist dasjenige, welches erst gar nicht hergestellt wird. Es wird aber viel zu viel produziert“, sagt Wohlgemuth, die selbst bereits seit zehn Jahren auf den Kauf neuer Kleidung verzichtet. Ihr Lösungsansatz sind Anreize, keine Verbote oder Ermahnungen.

„FÜR DIE HERSTELLUNG EINER EINZIGEN JEANS WERDEN 7000 Liter WASSER BENÖTIGT.“

Quelle: Mekonnen, M.M. & Hoekstra, A.Y. (2011) National water footprint accounts: the green, blue and grey water footprint of production and consumption, Value of Water Research Report Series No.50, UNESCO-IHE, Delft, the Netherlands

„Die Alternativen müssen genauso fancy sein wie der Neukauf. Dann ist ein Umsteuern möglich.“ Letztlich beginnt diese Aufgabe bei jedem Einzelnen, ob Sportler oder nicht. Der Weg ist noch sehr weit. Auf die Frage, ob sich Vereine beim Ausrüster Intersport schon einmal explizit nach nachhaltig produzierter Sportbekleidung erkundigt haben, lautete die Antwort: „Solche Anfragen sind uns aktuell nicht bekannt.“

Stephan Sonntag

   

Was kann ich tun?

Fairplay im Sport gilt selten für die Kleidung: Nachhaltigkeit spielt bei Trikots und Co. kaum eine Rolle Image 1

→ Selbstüberprüfung
Muss ich das Kleidungsstück wirklich neu kaufen? Gibt es womöglich Alternativen über Kleiderkreise, Second-Hand-Läden oder ähnliches?

→ Auf Siegel achten
Einen guten Überblick, was die vielen unterschiedlichen Siegel bedeuten, finden Sie auf dem Portal Siegelklarheit.de der Bundesregierung.

→ Transparente Marken wählen
Bis 2020 haben die großen Sportartikelhersteller versichert, ihre Lieferketten offenzulegen.

→ Nachhaken
Ob online oder im Laden, einfach mal nachfragen, unter welchen Bedingungen das Kleidungsstück produziert wurde. Auf die Weise wird den Unternehmen deutlich, dass das ein wichtiges Thema für die Kunden ist.

→ Qualität kaufen
Je länger ein Kleidungsstück getragen wird, desto nachhaltiger wird es.