Drei Cent für 80 Tage Galgenfrist

   

Landwirtin Maria Hafner nimmt ein Küken in die Hand. Nach 80 Tagen werden aus den Jungtieren schlachtreife Hähne. Foto: Georg Heitlinger

26.01.2021

Ab dem nächsten Jahr soll das Töten von männlichen Eintagsküken in der Legehennenproduktion verboten sein. Bereits heute gibt es Initiativen von Vermarktungsverbänden, die das Ende des sogenannten Kükentötens organisieren.

Hunderte goldgelber Küken, jedes kaum größer als ein Tischtennisball, tippeln über den mit Dinkelspelz bedeckten Boden. Wie ein flauschiger Veloursteppich, der sich wie auf Kommando mal nach vorne, mal zu Seite bewegt, sieht es aus. Was man als Laie nicht erkennt: Alle Küken sind männlich und damit für die Eierproduktion unbrauchbar. Dass sie nicht unmittelbar nach dem Schlüpfen getötet worden sind, ist einer Initiative zu verdanken, die Tierwohl mit wirtschaftlichen Interessen zu vereinen versucht.

Krimmers Backstub’

Die Vögelchen kuscheln sich unter den Heizpilzen zusammen. 34 Grad Celsius herrschen in dem Stall. Gerade mal einen Tag sind die Küken alt, wenn sie den Hof von Maria und Thomas Hafner in Zweifingen in Hohenlohe erreichen. Sie werden, anders als Millionen ihrer Artgenossen, nach dem Schlupf am Leben gelassen. Mindestens 80 Tage lang füttern die jungen Landwirte die Küken, bis sie schlachtreif sind. Dann freilich ereilt auch die Junghähne der Tod, aber nicht nutzlos, wie bei der bisherigen und immer noch zu 95 Prozent durchgeführten Praxis. Das Fleisch der jungen Hähne landet in Maultaschen eines namhaften schwäbischen Herstellers, in Dosenwurst und in ausgewählten Metzgereien als Slowfood-Delikatesse. In Deutschland gibt es erst eine Handvoll Vermarktungsverbände, die die Mitaufzucht der männlichen Küken etablieren. Der Lebensmittel-Einzelhandel unterstützt das Prinzip in Form von Eigenmarken. Die Huhn-und-Hahn-Initiative arbeitet konventionell und biologisch.

Noch sind die teilnehmenden Betriebe Vorreiter, doch bald soll das Töten der männlichen Küken deutschlandweit ein Ende haben. Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) hat im September vergangenen Jahres verkündet, dass das Töten männlicher Küken bis Ende 2021 gesetzlich verboten sein wird. Dann müssen alle Legehennenhalter mitmachen, es sei denn, es gibt bis dahin marktreife Alternativen, das Geschlecht des Kükens noch in einem sehr frühen Stadium im Ei zu bestimmen. Das Aufziehen der männlichen Küken bis zur Schlachtreife ist kostspielig. Weil die Tiere von Zuchtlinien abstammen, die auf Eierproduktion optimiert sind, setzten sie weit langsamer und auch weit weniger Fleisch an als Masthähnchen. Die Folge: Der fertig gemästete Hahn aus der Legehennen-Linie würde im Einzelhandel doppelt so viel kosten wie das klassische Masthähnchen. Das wäre nach Einschätzung von Christoph Hönig, Vorsitzender der Werbegemeinschaft „08“, die das Huhn-und-Hahn-Label in Baden-Württemberg etabliert hat, selbst dem tierschutzsensibelsten Verbraucher nur schwer zu vermitteln. Also wird der 80-Tage-Hahn quersubventioniert. Genau hier kommen die Eierproduzenten ins Spiel: „Wir verkaufen jedes unserer Eier aus Freilandhaltung mit einem Aufschlag von drei Cent“, berichtet Peter Buyer vom Korn-Hof in Brackenheim. Sein Eppinger Kollege Georg Heitlinger macht es genauso. So wird die Zehnerpackung mit 30 Cent beaufschlagt. Mit dem eingenommenen Geld finanziert der Vermarktungsverband „08“ die Aufzucht der Junghähne. Als Kaufanreiz dürfen sich die Verpackungen der Eier, Maultaschen, Wurstdosen und anderer Produkte mit dem Huhn-und-Hahn-Label schmücken. Darauf sind beide Tiere in einer stilisierten Umarmung abgebildet. In der konventionellen Produktion ist das Label rot gestaltet, in der ökologischen Produktion grün.

Abstinenz

Tierethisch wird die Aufzucht der Junghähne gegenüber dem Kükentöten von vielen Menschen als vorteilhaft betrachtet. Ob es sich für die Betriebe auch wirtschaftlich auszahlt? „Wenn ich jedes Ei mit dem entsprechenden Aufschlag verkaufen kann, funktioniert das Prinzip“, meint Heitlinger. Das bedeute im Umkehrschluss: „Falls der Verbraucher auf die teureren Eier mit Abstinenz reagiert, lege ich drauf.“ Jörg Küh
   

Übergangsregelung

Männliche Küken dürfen unmittelbar nach dem Schlüpfen getötet werden – so lange, bis die Geschlechtsbestimmung im Ei serienreif ist. Das hat das Bundesverwaltungsgericht am 13. Juni 2019 entschieden. Die Tötung geschieht durch Ersticken. Das „Schreddern“ ist in Deutschland seit den 60er Jahren nicht mehr gängige Praxis. Hintergrund ist, dass die getöteten Küken in Form des kompletten Tierkörpers als Tierfutter genutzt werden. Abnehmer sind Zoos, Greifvogelwarten und Halter von Schlangen.