Der Beginn des Kreislaufs

30 Jahre Duales System - Als ab Mitte der 80er Jahre die Müllberge in nie da gewesene Höhen wuchsen, erließ die Regierung Anfang der 90er eine neue Verpackungsverordnung. Nicht nur Papier und Glas wurden jetzt getrennt, auch Plastik sollte zurück in den Kreislauf geführt werden. Viele Menschen können ihren Müll allerdings bis heute noch nicht richtig trennen.

Über lange Förderbänder wird der Müll in den Recyclinghöfen transportiert und anschließend sortiert. Fotos: hiv360, Sveta/stock.adobe.com

10.06.2021

Die Älteren werden sich noch erinnern: In den 80er Jahren wurden in Deutschland die ersten Glas- und Altpapiertonnen aufgestellt. Papier wurde mehr und mehr als wiederverwertbares Gut angesehen, das als Altpapier weder im Feuer einer Müllverbrennungsanlage noch in den Tiefen einer Deponie verschwinden sollte. Mit dem restlichen Abfall wusste allerdings niemand etwas anzufangen. Also verschwanden Dosen, Folien und Joghurtbecher auf Müllkippen, die trotz der Versuche, das Material zusammenzupressen, immer mehr in die Breite und Höhe wuchsen und keinen unbedingt angenehmen Geruch verströmten. Die Haushaltsabfälle sollten einfach nur schnell verschwinden, Recycling war ein Fremdwort.

Müllsammlung und Wiederaufbereitung

Das änderte sich Anfang der 90er Jahre mit der neuen Verpackungsverordnung. Dieses Gesetz schrieb jedem Hersteller vor, eine Verantwortung für sein Produkt auch nach dessen Verbrauch zu übernehmen. Die Idee des Produktkreislaufs war geboren. „Durch den Grünen Punkt ist Mülltrennung in Deutschland ganz normal geworden“, sagt Michael Wiener, CEO des Grünen Punkts. Die Industrie gründete eine eigene Müllsammlung und Wiederaufbereitung, die sie das „Duale System“ nannte. Ausgerechnet der CDU-Politiker und damalige Minister für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit Klaus Töpfer wird als Vater des Grünen Punkts bezeichnet. Dabei waren es vor allem die Grünen, die bereits in den 80er Jahren das Bewusstsein für die Trennung der verschiedenen Rohstoffe schafften. Doch auch heute, 30 Jahre später, sind viele Menschen noch damit überfordert und davon überzeugt, dass Abfälle am Ende sowieso wieder in einem Container landen würden. „Es wäre gar nicht legal und wirtschaftlich nicht sinnvoll, die verschiedenen Abfall- und Rohstoffe wieder zusammenzuschütten“, betont die Heilbronner Landtagsabgeordnete Susanne Bay (Grüne).

Der Beginn des Kreislaufs Image 2

Nachdem in den Anfangsjahren der Müll auf langen Förderbändern von Hand getrennt wurde, gibt es mittlerweile Sensoren und Magnete, die die einzelnen Bestandteile innerhalb von Sekunden filtern. Am Beispiel eines Joghurtbechers wird schnell klar, warum das gemacht werden muss. Der Becher ist aus Plastik, der Deckel besteht aus dünnem Aluminium. Beide Stoffe gehören in den Gelben Sack. Wenn der Becher allerdings mit einer Papierbanderole umwickelt ist, muss diese ins Altpapier. Wem das zu kompliziert ist, der könnte wie Susanne Bay Joghurt im Pfandglas von einer Molkerei aus der Region kaufen. „Das ist die eindeutig ökologischste Verpackung“, sagt sie. Denn auch wenn die Trennung ein wichtiger Schritt war: Weniger Müll fällt deshalb natürlich nicht an. Seit der Einführung ist die Menge der Verpackungen um etwa 20 Prozent gestiegen. 2018 wurden 417,2 Millionen Tonnen Abfall produziert, ein Zuwachs von 1,2 Prozent im Gegensatz zum Vorjahr. 50,3 Millionen Tonnen fallen in den Bereich der Siedlungsabfälle, 44,5 Millionen Tonnen kamen aus den Haushalten. Pro Kopf macht das 535 Kilogramm pro Jahr.

Das Wichtigste sei, Verpackungen überhaupt zu vermeiden, betont die Landtagsabgeordnete. „Wenn dann aber Verpackungen sein müssen, haben solche aus Kunststoff gegenüber ihren Alternativen auch immer mal wieder Vorteile“, so Bay. Ihr geringes Gewicht und der geringe Energieaufwand bei der Herstellung führten tatsächlich manchmal zu einer besseren Klimabilanz als beispielsweise Einweg-Glas. Was allerdings wirklich gebraucht werde, sei eine verstärkte Kreislaufwirtschaft, Kunststoff also immer wieder für den gleichen Zweck zu gebrauchen. Da der Grüne Punkt als einziger Betreiber das duale System organisierte, durfte er keinen Gewinn erzielen – das änderte sich 2003, als nach Entscheidungen der Europäischen Kommission und des Bundeskartellamts Wettbewerber in den Markt eintraten. Durch die Einführung des Wettbewerbs bei der Ausschreibung der Entsorgungsverträge und zwischen den Systembetreibern sowie durch technische Innovation haben sich die Kosten für das Duale System zwischen 2000 und 2015 halbiert.

Neue Technologien

Dabei war Deutschland lange Zeit so etwas wie ein Vorreiter in Sachen Mülltrennung und Recycling. „Das getrennte Sammeln von Glas und Papier ist heute aber keine deutsche Eigenheit mehr“, erklärt Susanne Bay. Es gelte, jetzt wieder einen Schritt voranzugehen. Technologien für Kunststoffe aus nachwachsenden Rohstoffen, Systeme, wie diese quasi unendlich im Wirtschaftskreislauf gehalten werden können und Verpackungssysteme, die mit viel geringerem Ressourceneinsatz und ohne Emission von CO² auskommen – das seien die Technologien, die wir heute brauchen. „Der Grüne Punkt ist nach wie vor ein Aushängeschild“, ist Michael Wiener überzeugt. „Meine Kollegen und ich arbeiten seit 30 Jahren jeden Tag daran, diesem Anspruch gerecht zu werden.“ Elfi Hofmann