Bitterer Beigeschmack der süßen Schokolade

Fairer Handel

Fotos: privat, paulmz, Xavier/stock.adobe.com

7.10.2021

Wie sozial, umwelt- und zukunftsorientiert ist die so beliebte Süßware?

Die Deutschen lieben süße Schokolade. Allein in der Osterzeit vertilgt der Durchschnittsdeutsche 1,1 Kilogramm. „Wir haben die Verhältnismäßigkeit komplett aus den Augen verloren“, sagt Eberhard Schell, der seit 30 Jahren gemeinsam mit seiner Frau Annette in dritter Generation die Bäckerei und Konditorei Schell in Gundelsheim führt. „Wissen Sie“, fragt der Chocolatier Schell provokant, „warum die Tafeln früher aus zehn Rippen, also 30 Stückchen bestanden?“ Er gibt die Antwort sogleich selbst: „Für jeden Tag im Monat ein Stück.“ Heute würden die Menschen am Abend nebenbei vor dem Fernseher eine ganze Tafel verputzen.
  

Barth Kürschnermeister

Etwa 9,2 Kilogramm Schokolade essen die Deutschen durchschnittlich im Jahr. Nur die Schweizer naschen noch mehr. Was wir im Supermarkt vor dem Regal mit den unendlich vielen verschiedenen Sorten leicht vergessen: Schokolade ist ein Luxusgut. Bis zur fertigen Schokolade ist es ein langer Weg. Der Großteil des Kakaos wird von Kleinbauern angebaut. Heutzutage finden 70 Prozent der globalen Kakaoproduktion in Westafrika statt. Dort sind die Elfenbeinküste und Ghana Hauptanbauländer. Nur 15 Prozent der weltweiten Kakaoernte stammen noch aus Mittel- und Südamerika, den Ursprungsregionen des Kakaos. Lange Zeit galt der Anbau von Kakao in Westafrika als Garant für ein sicheres Einkommen. Doch seit 1980 ist der Kakaopreis inflationsbereinigt um fast die Hälfte gesunken. Starke Preisschwankungen führen zu einer geringen Planungs- und Einkommenssicherheit für die Kakaobauern. Allein von Mitte 2015 bis Ende 2017 ist der Kakaopreis um 40 Prozent gefallen. Aufgrund einer Rekordernte in der Elfenbeinküste überstieg das Angebot an Kakaobohnen die Nachfrage und der Preis stürzte in den Keller. „Corona hat die Situation für die Kleinbauern im vergangenen Jahr noch massiv verschärft“, erklärt Eberhard Schell, der im Austausch mit Mitarbeitern vor Ort der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) steht. Als Dienstleister der internationalen Zusammenarbeit für nachhaltige Entwicklung und internationale Bildungsarbeit engagiert sich die GIZ weltweit für eine lebenswerte Zukunft. Hinzukommt, dass etwa 1,5 Millionen Kinder unter ausbeuterischen Bedingungen auf Kakaoplantagen arbeiten – das sind 45 Prozent der Kinder in landwirtschaftlichen Haushalten in den Kakaoanbaugebieten in Westafrika.

Fairer Handel

Gewinne machen bei der Schokoladenherstellung andere: Banken, Aktionäre, Lebensmittelkonzerne. Gegen diese Ungerechtigkeit will „Fairafric“ vorgehen. Das deutsche Unternehmen produziert seine fair und seit 2017 in Bio-Qualität hergestellte Schokolade in Ghana, um so die lokale Wirtschaft anzukurbeln. Außerdem erhalten die Kakao-Bauern höhere Löhne als bei konventionellen Schokoladenproduzenten. „Der Weltmarktpreis für Kakaobohnen liegt bei etwa 2 000 US-Dollar pro Tonne. Durch die Produktion in Ghana schaffen wir es, das Einkommen vor Ort auf mehr als 10 000 pro Tonne zu heben“, so Gründer Hendrik Reimers.

Und schließlich gibt es noch ein weiteres entscheidendes Thema, weiß der Gundelsheimer Eberhard Schell: den Klimawandel. „Bauern vor Ort berichten mir von Klimaextremen wie Dürren, Starkregen oder Überflutungen, die Ernten vernichten würden“, so der Chocolatier. Neue Pflanzenkrankheiten würden auftreten. Zudem schadet der globale Temperaturanstieg dem Gleichgewicht der empfindlichen Kakaopflanzen. Die in Afrika oder auch in Indonesien angepflanzten Kakaobäume seien laut Schell zudem überwiegend Hybride. Vorteil: Neben ihrem erhöhten Ertrag zeichnen sich Hybriden durch ihre Uniformität aus. Die Pflanzen eines Bestandes unterscheiden sich in ihren Eigenschaften und ihrem Aussehen untereinander kaum. Nachteil: Hybrid-Sorten und -Rassen können niemals selbst sortenecht nachgezüchtet werden. Es muss immer wieder neues Saatgut bei der Züchterfirma gekauft werden. Das kann für Bauern in ärmeren Ländern existenzbedrohend sein.

Um all diesem entgegen zu steuern, will die Schokoladenmanufaktur Schell jetzt ins sogenannte Bean-to-Bar-Geschäft einsteigen. Wie der Begriff bereits vermuten lässt, wird Bean-to-Bar-Schokolade aus einer Hand gefertigt, von der Bohne bis zur Tafel. Er beschreibt also ein Handelsmodell, bei dem der Schokoladenhersteller den gesamten Prozess begleitet. Dabei kauft er Kakaobohnen direkt beim Farmer ein, röstet, veredelt und verarbeitet die Masse dann zum finalen Produkt.

Milva-Katharina Klöppel