Auf den Teller statt in die Tonne

In Stuttgart gibt es das erste Foodsharing-Café in Deutschland

Fotos: Michaela Klose
Fotos: Michaela Klose
Kein missionarisches Öko-Café, sondern ein gemütlicher Treffpunkt für alle, die etwas gegen Lebensmittelverschwendung tun wollen, ist mit dem Café Raupe Immersatt im Stuttgarter Westen entstanden. Snacks gibt es kostenlos aus dem „Fairteiler“, für Getränke zahlt der Gast soviel, wie er mag.
   

„Wir produzieren weltweit so viele Lebensmittel, dass zumindest rein rechnerisch alle Menschen zu ernähren wären.“

MAIKE LAMBARTH Café-Betreiberin

01 Mehr als drei Jahre haben die fünf Freunde nach einem Raum gesucht.
01 Mehr als drei Jahre haben die fünf Freunde nach einem Raum gesucht.
Schokoladentorte, Schweizer-Käse, eine Scheibe Salami, ein Lolli – die kleine Raupe Nimmersatt im Kinderbuchklassiker von Eric Carle kann nicht genug bekommen. Bis ihr ganz schlecht wird und sie nur noch ein Blatt essen mag. Bei der Raupe entpuppt sich die Gier am Ende zum Positiven, sie wird ein wunderschöner Schmetterling. Bei uns Menschen führt die Unersättlichkeit vor allem zu einem: In Deutschland werden einem Bericht der Umweltorganisation WWF aus dem vergangenen Jahr zufolge jährlich mehr als 18 Millionen Tonnen Lebensmittel verschwendet. Eine vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft in Auftrag gegebene Untersuchung aus dem Jahr 2017 ergab, dass deutsche Haushalte jährlich 4,4 Millionen Tonnen Lebensmittel wegwerfen – pro Kopf 55 Kilogramm. Das sind zwei Einkaufswagen voll. Fast die Hälfte des Abfalls bewerteten die Studienteilnehmer selbst als vermeidbar.


   
02 Damit das Café ein Ort der Begegnung wird, gibt es auch Vorträge, Lesungen und kleine Konzerte. 03 Ein große Summe des Startkapitals floss in die Kaffeemaschine. 04 Die Namen einiger Spender sind auf den Stühlen verewigt. 05 Am Fairteiler können sich Besucher kostenlos bedienen. Die Betreiber checken die Waren und achten darauf, dass es gepflegt aussieht.
02 Damit das Café ein Ort der Begegnung wird, gibt es auch Vorträge, Lesungen und kleine Konzerte. 03 Ein große Summe des Startkapitals floss in die Kaffeemaschine. 04 Die Namen einiger Spender sind auf den Stühlen verewigt. 05 Am Fairteiler können sich Besucher kostenlos bedienen. Die Betreiber checken die Waren und achten darauf, dass es gepflegt aussieht.
Fast auf den Tag genau 40 Jahre nach dem Erscheinen des Kinderbuches eröffneten am 6. Juni fünf Studierende in Stuttgart das erste Foodsharing-Café Deutschlands – Raupe Immersatt. „Der Name war Lisandros Idee“, sagt Maike Lambarth, eine der Café-Betreiberinnen. Das Wortspiel gebe den Ist-Zustand der Nahrungsmittelindustrie gut wieder: „Wir produzieren weltweit so viele Lebensmittel, dass zumindest rein rechnerisch alle Menschen zu ernähren wären“, erklärt die 28-Jährige. „Von so viel Essen, wie wir haben, könnten wir immer satt sein.“ Mehr als drei Jahre haben die Stuttgarter Lebensmittelretter nach einem Ort für ihr Raupen-Café gesucht. Tatsächlich fanden sie schlicht keine Räume für ihre Idee. Geld war Dank einer Crowdfunding-Aktion ausreichend vorhanden. „Wir wollten einen schönen Ort schaffen, um über Lebensmittelverschwendung zu reden“, erklärt Lisandro Behrens das Konzept. Weihnachten dachten die jungen Leute fast ans Aufgeben. Die Ehrung durch die Stuttgarter Bürgerstiftung, von der sie Anfang des Jahres den Publikumspreis verliehen bekommen haben, blies ihnen aber wieder frischen Wind in die Segel.  
   

Und plötzlich klappt es im dritten Anlauf mit dem Lokal am Hölderlinplatz. Der Innenraum ist im schicken Industrial-Look gestaltet und mit gemütlichem, bunt zusammengewürfeltem Mobiliar ausgestattet. Auf vielen Stühlen sind die Namen derer eingraviert, die der Idee ihr Vertrauen und Geld geschenkt haben. Die Gäste bedienen sich selbst an Regalen und Kühlschränken gefüllt mit Kuchen, Brot oder Gemüse, sie können das Essen auch mit nach Hause nehmen. 50 bis 100 Kilogramm Lebensmittel würden im Raupe Immersatt so jeden Tag aus Bäckereien und Supermärkten gerettet, schätzt das Team.













06 Laura Faust und David Jans sind Stammkunden im Foodsharing-Café. 07 Maike Lambarth hat einen Barista-Kurs besucht, um den Gästen höchste Kaffeequalität zu bieten.
06 Laura Faust und David Jans sind Stammkunden im Foodsharing-Café. 07 Maike Lambarth hat einen Barista-Kurs besucht, um den Gästen höchste Kaffeequalität zu bieten.
Finanzierung über Getränke

Finanzieren soll sich der Betrieb über Spenden und die Getränke: Während das Essen umsonst ist, zahlen die Gäste für Cappuccino, Saftschorle oder Bier. Feste Preise gibt es allerdings nicht, jeder soll geben, was er für angemessen erachtet. „Wir möchten, dass die Menschen das Essen wieder wertschätzen“, so Lambarth. „Im Idealfall wird irgendwann nichts mehr weggeschmissen und wir Lebensmittelretter werden überflüssig.“ Bis es soweit ist, präsentieren Jana Pfeiffer, Maximilian Kraft, Maike Lambarth, Lisandro Behrens und Simon Kostelecky – sie alle sind zwischen 25 und 30 Jahre alt und arbeiten momentan ehrenamtlich – die geretteten Lebensmittel möglichst appetitlich. Vor allem nachmittags und abends ist das Café im Stuttgarter Westen zu einem angesagten Treffpunkt geworden.

„Wir möchten, dass die Menschen das Essen wieder wertschätzen.“

MAIKE LAMBARTH

Auf den Teller statt in die Tonne Image 1
Laura Faust hat sich ihren Brotaufstrich von zu Hause mitgebracht. Die 32 Jahre alte Lehrerin ist begeistert vom Foodsharing- Café. „Brot gibt es hier immer“, sagt Faust. „Wer flexibel ist, kann durch Foodsharing eine Menge Geld sparen.“ Auch David Jans versteht sich seit Jahren als Lebensmittelretter. Dem 36-Jährigen gefällt am Raupe Immersatt besonders gut, dass es keine Verpflichtung zum Konsum gibt. „Wo kann man heute noch entspannt in der Öffentlichkeit sitzen, ohne zum Verzehr gezwungen zu werden?“ Für die Zukunft sind im Raupen-Café auch Vorträge und mehr geplant.

Milva-Katharina KIöppel