Kaffeefahrten fürs Klima: Andreas Sieber vom Reformhaus Martina Sieber in Marbach

Andreas Sieber ist ein Pionier des umweltfreundlichen Warentransports: Tausende Kilometer fährt der 55-Jährige jedes Jahr für die eigene Fitness und das Reformhaus seiner Frau.

Andreas Sieber ist der einzige Fahrradabholer im Heilbronner Kaffeehaus von Geschäftsführer Hanspeter Hagen. Fotos: Andreas Veigel, Stephan Sonntag

10.06.2021

Mit Kaffeefahrten im herkömmlichen Sinn hat Andreas Sieber nichts am Hut. Als potenzieller Kunde wäre der 55-Jährige ohnehin noch viel zu jung und in ihm steckt sicher auch kein dubioser Heizdeckenverkäufer. Eher ein Pionier. Ein Vorreiter in Sachen umweltfreundlichem Transport. In Sachen CO² einsparen durch Muskelkraft. Denn für das Reformhaus seiner Frau Martina in Marbach am Neckar liefert Sieber einen Teil der Waren – mit seinem Lastenrad.

„3000 Kilometer bin ich 2020 fürs Geschäft gefahren. Dazu noch mal 1000 für die Entsorgung von Verpackungen“, sagt Sieber. „Er ist mein vielseitigster Mitarbeiter“, lobt Ehefrau Martina. Ob Kaffee in Heilbronn und Stuttgart, Wein in Beilstein oder Honig in Wüstenrot – wenn neue Ware gebraucht wird, steigt Andreas Sieber in aller Herrgottsfrühe in den Sattel und radelt los. So auch an einem stürmischen Morgen Anfang Mai. Ausnahmsweise nicht allein, sondern mit Pressebegleitung. Die Etappenziele: das Kaffeehaus Hagen in Heilbronn und das Bio-Weingut Schlossgut Hohenbeilstein. Summa summarum eine 70-Kilometer-Fahrt.

Manufaktur Bernulf Schlauch

Kein Elektroantrieb

Siebers Rad ist Marke Eigenbau. Das Vorderrad ist sehr klein, so dass vor dem Lenker eine große Tasche Platz hat, in die er bis zu 60 Kilogramm laden kann. Zusätzliche 40 Kilogramm passen in den Anhänger. Da wird der Akku nicht lange halten – könnte man meinen. Doch mitnichten, Sieber fährt alles mit reiner Muskelkraft, das Rad besitzt gar keinen Elektroantrieb. Eine besonders kleine Übersetzung ermöglicht ihm, auch voll beladen steile Anstiege zu erklimmen. Und die gibt es auf der Strecke durchaus. Erst einmal geht es aber flach vom Neckar zur Murr, über Steinheim, Großbottwar, Oberstenfeld, Beilstein und Auenstein bis nach Untergruppenbach. Ohne Ladung ist der Weg hinauf zur Waldheide schnell geschafft und nach zwei Stunden ist das Kaffeehaus Hagen in Sicht.

Geschäftsführer Hanspeter Hagen höchstselbst empfängt die Pedaleure: „Ich habe lange gar nicht mitbekommen, dass Herr Sieber seinen Kaffee mit dem Rad abholt. Ich finde das klasse. Das Beispiel darf ruhig Schule machen.“ Das Motto seines Unternehmens prangt seit einigen Wochen als Graffito von Streetart-Künstler Bernd Eisold an der Wand der Rösterei: „Billiger Kaffee macht arm“. „Jeder, der mit dem Produkt Kaffee zu tun hat, soll von seiner Hände Arbeit leben können“, sagt Hagen. Zur Stärkung vor der Rückfahrt spendiert er selbstredend noch einen Cappuccino.

Mit 30 Kilogramm mehr durch den Wald hinauf zur Waldheide kommt Sieber erstmals ein wenig ins Schwitzen. Doch die Umgebung entschädigt für die Anstrengung. „Manchmal zieht morgens noch Nebel durch den Wald. Das ist so herrlich, dann hier durchzufahren.“ Noch vor der Mittagspause um 12 Uhr ist das Schlossgut Hohenbeilstein erreicht. Die Weinkisten stehen bereits parat. Es bleibt Zeit für einen kleinen Plausch mit Inhaber Joscha Dippon. „Als mein Vater 1992 auf biologischen Anbau umgestellt hat, war er ein Exot. Heute muss man sagen, er hat alles richtig gemacht“, sagt Dippon, der das Familienunternehmen 2019 übernommen hat. Trotz des Absatzeinbruchs in der Gastronomie läuft das Geschäft gut: „Die Endkunden bestellen viel.“ Im Großraum Stuttgart liefert das Weingut die Waren selbst aus: „Das dient der Kundenpflege und spart darüberhinaus Transportwege.“


„Manchmal zieht morgens noch Nebel durch den Wald. Das ist so herrlich, dann hier durchzufahren.“

Andreas Sieber


Velotransport

Komplett CO²-emmissionsfrei wie bei Andreas Sieber sind die allerdings nicht. „Natürlich lassen sich niemals alle Waren mit dem Rad befördern. Es geht eher darum zu zeigen, dass jeder im Rahmen seiner Möglichkeiten einen kleinen Beitrag für den Klimaschutz leisten kann“, sagt Sieber, der im Hauptberuf Notfallsanitäter ist. Alle von ihm per Rad transportierten Waren erhalten einen Aufkleber „Velotransport“. „Die Kunden nehmen das wahr und fragen auch danach“, sagt Martina Sieber. „Wir wollen nicht nur über nachhaltigen Handel reden, sondern im kleinen Maßstab auch etwas tun. Das passt zur Firmenphilosophie.“ Angesichts einer CO²-Ersparnis von rund 700 Kilogramm ist der Jahresbeitrag von Andreas Sieber gar nicht so klein. Dazu hat er noch mehr als 90 000 Kalorien verbrannt: „Das ist doch perfekt, wenn sich sportliche Betätigung und nachhaltiges Wirtschaften so ergänzen.“ Stephan Sonntag