Winzergenossenschaft Durbach: Eine Traubenlese im Zeichen der Pandemie

Abstecher in die sympathisch-badische Ortenau – Zwischen Schwarzwald und Rheinebene ist auch ein Hohenloher schwer aktiv

Ein Witzbold hat einer Marienfigur in den Weinbergen von Durbach einen Mundschutz umgehängt. Leopold und Therese Wörner hatten die Skulptur 1954 nach einer Missernte aufgestellt. Fotos: Kilian Krauth

19.11.2020

Warum denn in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah? Während der Corona-Pandemie haben viele Deutsche die Heimat neu entdeckt. Die Weinstimme schaute zur Traubenlese in Baden vorbei, genauer: in der Ortenau zwischen Baden-Baden und Lahr.

„Ave Maria, gib unserem Wein ein gutes Gedeih’n.“ So heißt es auf dem Bildstock am Buhlenwald oberhalb von Durbach. Rechts ragt Schloss Staufenberg mit gelb-rotgelbem Badner-Banner in den Himmel. Dahinter beginnt der Schwarzwald. Ein Witzbold hat der Marienfigur einen Mundschutz umgehängt. Das passt. Die Corona-Pandemie ist allgegenwärtig. Winzer Siegfried Wörner berichtet, wie seine Großeltern Leopold und Therese die Skulptur nach einer Missernte 1954 hier aufgestellt hätten. 66 Jahre später hängt alles voller Riesling, Klingelberger, wie man hier sagt. Vorsicht ist angesagt: wegen der 40-prozentigen Steillage, wegen einzelner Fäulnisnester in den „Triebel“, wie hier die Trauben heißen – und wegen Corona. „Bitte desinfiziert eure Hände, hier sind Handschuhe, achtet auch in den Rebzeilen auf Abstand“, sagt Wörner seinen Lesleut’.

Nach zwei Stunden gibt es eine Pause, zu der Ulrike Wörner Hefezopf und Sommerschorle reicht, ein leckeres Getränk aus Weißherbst, Sprudel, Schweppes sowie etwas Zitronenmelisse und Zitrone. Reinen „Wie“ soll es erst zum hygienisch abgedeckten Mittagsteller im modernen Weinberghäuschen geben, zum Beispiel einen Clevner, hinter dem der Badener anders als der Württemberger keine Burgunder-Mutation versteht, sondern einen Traminer. Sicherheitshalber prosten sich alle ohne Gläserklang zu.
   

Erntehelfer Paul aus Rumänien ruft „Norock!“ in die Runde. Er hält die Schutzmaßnahmen für übertrieben und fragt sich, ob hinter dem Ganzen nicht irgendwelche Interessen stecken. Weil sie verunsichert seien, blieben viele seiner Landsleute heuer der Ernte fern. Vollernter seien wegen der vielen Steillagen und der kleinen Parzellen meist keine Alternative, weiß Stephan Danner als Geschäftsführer der Winzergenossenschaft Durbach. So steige der Kostendruck. Und weil die Verbraucher Preiserhöhungen kaum mittragen, seien die Traubengelder im Laufe der Jahre von zuletzt 16 000 auf 14 500 Euro/Hektar gesunken. Andernorts sind sie längst unter die magische 10000-Euro-Marke gerutscht.

Während er im Kelterhaus die Trauben entgegen nimmt, berichtet Kellerchef Rüdiger Nilles, wie die Mitglieder hier Anfang September bei der Herbstversammlung auf die strengen Lese- und Corona-Vorgaben eingeschworen wurden. „Der Keller ist tabu. Eine Infektion wäre eine Katastrophe. Maske, Abstand, keine Gäste und so weiter. Wir orientieren uns an die Richtlinien des Geno-Verbandes.“ Überall hängen rot-weiß Plastikbänder.

Am Eingang zur Vinothek zeigen Hygienebehälter und Info-Schilder, wo’s langgeht, nicht nur in Durbach, auch in Oberkirch oder etwa beim Weingut Nägelsförst in Baden-Baden, das ein echter Hohenloher nach seinen Wanderjahren durch die Weinwelt hochprofessionell neu aufgestellt hat: Steffen Röll, der Sohn des legendären ehemaligen Betriebsleiter des Weingut Fürst zu Hohenlohe-Oehringen. Wie sein Kollege Volker Faust, der die Weingüter des Markgrafen von Baden führt, berichtet Röll, wie nach einer kurzen Schockstarre beim Lockdown im März der Absatz im Lebensmittelhandel und der Direktverkauf, inklusive Online, in die Höhe geschossen seien: nicht zuletzt dank einer traumhaft gelegenen Straußenwirtschaft, von der aus man im Westen sogar das Straßburger Münster erkennt.

„Die letzten Wochen hatte es bei uns richtig angezogen“, berichtet Volker Baumann vom Hotel-Restaurant Rebstock in Durbach, wo vor dem aktuellen Lockdown auffallend viele Franzosen eingekehrt waren, ganz zu schweigen von den Deutschen, die im Sommer „anstelle von Aida und Mallorca den Schwarzwald gebucht“ hätten.

„Zwei Monate hatten wir eine harte Zeit“, sagt Eugen Oberle vom Hotel Holzwurm in Sasbachwalden. Im Sommer habe sich Corona aber zu einer Art Katalysator entwickelt. Seine zwölf Zimmer seien gut belegt gewesen und seine unterhaltsam- informativen Geo-und-Wein-Cashing-Touren durch die Weinberge ein „echter Renner“. „Man muss sich halt auch etwa einfallen lassen, dann kommen die Leute.“ So wie Siegfried Wörner. Der schimpft nicht über Fußgänger und E-Biker in den Reben, sondern klärt sie über seine Arbeit auf. „Manche kriegen einen Wein-Gutschein“ – mit 20 Prozent Rabatt!

Von Kilian Krauth