Winzer zwischen Berg und Tal

Vom Weinverkauf in der Corona-Krise profitiert vor allem der Lebensmittelhandel


29.03.2021

Auf den ersten Blick scheint Corona den Winzern wenig geschadet zu haben. Im Gegenteil: So meldete das Deutsche Weininstitut (DWI), dass die Deutschen im Vorjahr 0,6 Liter mehr als sonst getrunken hätten, insgesamt 20,7 Liter pro Kopf und Jahr. Der Sektverbrauch ging hingegen um 0,1 Liter auf 3,2 Liter pro Person zurück. Insgesamt wurden in Deutschland 2019/20 rund 17,2 Millionen Hektoliter Wein aus dem In- und Ausland verbraucht sowie 2,6 Millionen Hektoliter Schaumwein verkauft. Deutschland steht damit nach DWI-Angaben weltweit an vierter Stelle der Verbrauchermärkte für Wein und Sekt. Die insgesamt konsumierte Menge von 19,8 Millionen Hektolitern ist nur in Italien (22,6 Millionen hl), Frankreich (26,5 Millionen hl) und den USA (33 Millionen hl) größer.
   

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Zahlen 
„Dass der Weinkonsum trotz der coronabedingt geschlossenen Gastronomie unterm Strich dennoch gestiegen ist, dürfte auch auf die ausgefallenen Urlaubsreisen ins Ausland zurückzuführen sein“, erklärt DWI-Geschäftsführerin Monika Reule. „Zudem wurde mehr Wein im Handel eingekauft, und viele Verbraucher haben in dieser Zeit ihre Weinvorräte aufgefüllt.“

Eine aktuelle Studie des Marktforschungsinstituts Nielsen scheint dies zu bestätigen. Demnach haben die Deutschen 2020 mehr und höherwertigeren Wein im Lebensmitteleinzelhandel (LEH) eingekauft als im Vorjahr. So sei der Weinabsatz im LEH um rund sechs Prozent gestiegen, der Umsatz sogar um acht Prozent. Dabei habe der Durchschnittspreis um acht Cent auf 3,64 Euro pro Liter zugelegt.

Das Wachstum ist vor allem auf eine Verlagerung aus der geschlossenen Gastronomie zurückzuführen. 74 Prozent der Haushalte haben bei Nielsen angegeben, durch den Einfluss von Covid-19 ihren Weinkonsum nicht verändert zu haben. 21 Prozent hätten ihn reduziert. Zudem habe die Hälfte der Haushalte ihren Außer-Haus-Konsum ganz oder teils nach Hause verlagert. Insgesamt seien 66 Prozent der Weine im LEH eingekauft worden, zwölf Prozent bei den Winzern vor Ort. Die Anteile der Weineinkäufe über Onlinekanäle sowie im Weinfachhandel beliefen sich auf jeweils neun Prozent, Tendenz steigend..

Gleichzeitig stieg der Marktanteil deutscher Weine um einen Prozentpunkt auf 47 Prozent. Italien stellte 15 Prozent der im deutschen LEH verkauften Weine, Frankreich zwölf, Spanien elf Prozent. 2020 ist auch die Zahl der Haushalte, die zum heimischen Wein gegriffen haben, um einen Prozentpunkt auf 49 Prozent gestiegen. Der Rosé-Anteil kletterte leicht auf zwölf Prozent, zu Lasten der Weißweine, die nun auf 46 Prozent Marktanteil kommen. Rotweine blieben mit 42 Prozent unverändert. Öko-Wein wuchs auf drei Prozent im Absatz und auf vier beim Umsatz: jeweils um 0,5 Prozentpunkte.

Aus diesen Zahlen könnte man ableiten, dass die Winzer zu den Gewinnern der Krise zählen. Doch das ist in den meisten Fällen falsch. Gewinner ist in erster Linie der LEH. Vor allem bei Aldi, Lidl, Kaufland & Co. werden immer mehr Weine immer öfter zu Schleuderpreisen verramscht: oft aus Ländern, in denen billige Allerweltstropfen fabrikmäßig wie Einheitsbrei produziert werden.

Preisdruck 
Heimische Wengerter können und wollen da nicht mithalten. Sie leiden schon lange unter dem Konkurrenz- und Preisdruck, der von den mächtigen LEH-Riesen befeuert wird. Corona hat diese Entwicklung gewaltig verschärft. Denn immer mehr Winzer suchen ihr Heil im LEH, weil die Keller voll und andere Absatzkanäle versiegt sind: Weinlieferungen in Lokale und auf Feste. Besonders betroffen sind Besenwirte, von denen die meisten nicht einmal Corona-Hilfen bekamen, nun aber nachträglich doch.

Überall gibt es solche und solche. Wer seine Weinstube aus dem Gutsbetrieb sowieso ausgeklinkt hat, durfte von Anfang an mit Stützgeldern rechnen. Und wer sich treue Kunden herangezogen oder gar online neue gewonnen hat, wird weniger klagen. Doch das sind wenige.

Verlierer 
75 Prozent der Württemberger Wengerter verkaufen ihren Wein nicht direkt. Sie liefern die Trauben an ihre Genossenschaft oder Kellerei – und bekommen dafür plusminus einen Euro pro Kilogramm, also pro 0,75-Liter-Flasche. Dieses Traubengeld fließt bei den meisten aber erst, wenn der Wein verkauft ist – zu einem mehr oder (immer) weniger anständigen Preis.

Kilian Krauth