Mit Piwis dem Klimawandel trotzen

Pilzwiderstandsfähige Rebsorten schonen die Umwelt sowie Geldbeutel und Nerven der Winzer

Eine der ältesten Piwis ist der Regent. Er wächst auf 1800 Hektar. Foto: DWI

14.11.2021

Der Klimawandel treibt alle um, auch die Weinbranche. Wetterextreme machen Reben anfälliger für Krankheiten und Schädlinge, der Aufwand für Pflanzenschutz steigt, und damit klettern auch die Kosten. Gleichzeitig beklagen Landwirte mit der aufgeheizten Spritzmittel- Debatte ein regelrechtes „Bauern-Bashing“. Auch wenn Wengerter weniger im Kreuzfeuer der Kritik stehen: Auch sie müssen den Spritzmittel-Einsatz bis 2030 stark reduzieren.

Bei Herbiziden und Insektiziden dürften strengere Richtlinien wenig Probleme bereiten, hier arbeiten viele Winzer schon nah an der Natur. Allein gegen die beiden Mehltaupilze Oidium und Peronospora ist bisher noch kein Kraut gewachsen. Selbst Ökos haben hier eine Achillesferse. Zwar stärken sie die Pflanzen mit natürlichen Mitteln, bringen aber auch das Schwermetall Kupfer aus. Nicht zuletzt belastet der Mehraufwand durch viele Schlepperfahrten Boden, Luft und Geldbeutel.

Ein Ausweg aus dem Dilemma könnten widerstandsfähige Rebsorten, kurz Piwis, sein, wobei Marketing-Experten wie Prof. Dr. Ruth Fleuchaus und Dr. Lucas Nesselhauf von der Hochschule Heilbronn lieber von „neuen Sorten“ sprechen. Denn der Begriff Piwi sei einfach zu kompliziert.

Züchter wie Jürgen Sturm von der Weinbauschule Weinsberg bedauern, dass nur fünf Prozent – in Württemberg nur zwei Prozent – der 100 000 Hektar großen Rebfläche in Deutschland damit bestockt sind. Dabei haben Versuchsanstalten wie Weinsberg, Freiburg oder Geilweilerhof seit den 1990er Jahren über aufwendige Züchtungsverfahren 50 solcher Sorten zur Zulassung gebracht: von Regent über Muskaris und Solaris bis zum Sauvignac. Immerhin: Die Nachfrage steigt laut Sturm ständig, unter den Top Ten der Neupflanzungen in Deutschland seien inzwischen 80 Prozent Piwis.

Die ökologischen, ökonomischen und sozialen Vorteile dieser „neuen, starken Sorten“ liegen auf der Hand. Sie sparen Zeit, Geld und schonen die Umwelt. Doch deutsche Winzer kleben arg an traditionellen Sorten, beklagt Fleuchaus. „Ihnen fehlt der Mut und vielleicht auch die Cleverness, neue Sorten zu vermarkten und zu kommunizieren.“ Frankreich, Italien und die Schweiz seien schon weiter. kra