So sportlich kann ein Stromer sein

PORSCHE TAYCAN - Unterwegs im ersten Elektroauto der Sportwagenschmiede aus Zuffenhausen – Schnell oder gemütlich fahren, schnell laden

Flach, breit und dynamisch Fotos: Emanuele Staiano/Porsche

28.09.2020

Wie muss es aussehen, wie muss es fahren, wie muss es sich anfühlen, wenn Porsche ein Elektroauto baut? Genau so. Kompromisslos wie seine klassischen Sportwagen hat die VW-Tochter ihren ersten Stromer auf den Markt gebracht. Der Taycan ist eines der extremsten und sportlichsten E-Autos, das es derzeit zu kaufen gibt. Die Autostimme ist – auch wenn der Begriff nicht unbedingt passt – mit dem Basismodell Taycan 4S (ab 102 945 Euro) zu ausgiebigen Testfahrten gestartet.

Vertrautes Design
Als Familienmitglied von Porsche ist der 4,96 Meter lange Taycan auf Anhieb zu erkennen. Das liegt vor allem an dem knackigen Heck mit der typischen, durchzogenen Leuchte. Den Designern ist es gelungen, dem Wagen ein durch und durch dynamisches Design zu verpassen, was bei E-Autos nicht einfach ist. Rein elektrisch betriebene Fahrzeuge sind in der Regel höher als konventionelle. Dafür sorgen die Batterien im Wagenboden. Für den Taycan hat Porsche eine clevere Lösung gefunden. Designchef Michael Mauer nennt es „Fußgarage“. Dabei handelt es sich um eine Aussparung in der Batterie im hinteren Fußraum. Sie sorgt für eine sportwagentypisch niedrige Fahrzeughöhe (1,38 Meter) und einen tiefen Schwerpunkt, der wiederum mehr Fahrdynamik garantiert.
   

Porsche

Schiere Kraft
In diesem Punkt steht der Taycan seinen konventionell angetriebenen Schwestermodellen in nichts nach. Er klebt auf der Straße, die Lenkung ist extrem direkt. Egal, was man zuvor schon einmal bewegt hat – die Beschleunigung ist mit nichts zu vergleichen. Damit ist aber nicht die Zeit von glatt vier Sekunden gemeint, die der maximal 490 kW/571 PS starke Taycan 4S aus dem Stand auf Tempo 100 benötigt. Es ist die schiere Kraft, mit der die flache Flunder aus dem Stand losmarschiert. Kein Turboloch, keine Verzögerung, nichts. 650 Newtonmeter Drehmoment stehen aus dem Stand und auch so jederzeit bereit. Das kann in dieser Art und Weise kaum ein Verbrenner.

Klar, Sportwagen kann er, der Taycan. Er lädt aber geradezu zum gemütlichen Cruisen auf der Landstraße ein. Denn wo die klassischen Porsche in jedem Drehzahlbereich röhren, surrt das erste Elektroauto der Zuffenhausener sanft vor sich hin während die Landschaft vorbeizieht. Ruhe in einem Sportwagen ist faszinierend, sie hat etwas Entschleunigendes. Optional können die Kunden beim Sound nachhelfen. Aber auch dann klingt der Taycan nicht nach Verbrennungsmotor, das Geräusch des Antriebsstrangs wird moduliert und verstärkt. Dieser Elektro-Sound hat was. Wenn das Zweigang-Getriebe an der Hinterachse schaltet, wird der Schaltpunkt über den Sound weitergegeben. Alles wie beim Verbrenner, klingt nur anders. Faszinierend. Angenehm.
   

Der Taycan sieht wie ein typischer Porsche aus. Im digitalen Cockpit des Elektro-Sportwagens aus Zuffenhausen gibt es nur noch wenige Knöpfe.
Der Taycan sieht wie ein typischer Porsche aus. Im digitalen Cockpit des Elektro-Sportwagens aus Zuffenhausen gibt es nur noch wenige Knöpfe.

Man sitzt sportlich tief im Taycan – und ist umringt von digitalen Welten. Die leicht gebogene, frei stehende Anzeigetafel im Cockpit kommt ohne Sonnenschutz-Höhle aus. Und trotz Lenkradüberdeckung ist alles gut ablesbar. Ein 10,9 Zoll großes Display sitzt in der Mitte des schnörkellosen Armaturenträgers, darunter befindet sich die Steuerungseinheit unter anderem für Klimaanlage, Sitzheizung und Fronthaubenöffnung.

Der Strom für den Taycan 4S (Verbrauch: 25,6 kWh, CO2-Emission: 0 g/km) wird in einem riesigen Batteriepaket gespeichert. Der Energiegehalt liegt bei 93,4 kWh, was im besten Fall eine Reichweite von 409 Kilometern ermöglichen soll. Realistisch sind wie im Test der Autostimme so an die 330 Kilometer. Letztlich hängt das vor allem von der Fahrweise ab. Die 800-Volt-Systemspannung sorgt für hohe Dauerleistung und reduzierte Ladedauer. Wer zu Hause mit einer 11 kW-Wallbox lädt, muss mit rund neun Stunden rechnen. An den Ionity-Schnellladesäulen, von denen derzeit jeden Tag eine neue errichtet wird, geht es mit bis zu 350 kW Ladeleistungdeutlich flotter: In fünf Minuten steht Energie für 100 Kilometer bereit. Im besten Fall sind in 22,5 Minuten 80 Prozent des Akkus wieder voll.

Keine Frage: Der Taycan ist ein extremes Elektroauto. Eben so, wie man das von Porsche erwartet.

Von unserem Redakteur
Alexander Schnell